Vor zwei Monate begann meine einjährige Auszeit. Bisher habe ich die Auszeit zu Hause verbracht habe. Hier war ich hauptsächlich mit Renovierungs- und Umzugsarbeiten beschäftigt, was sich erst kurz vor Beginn des Sabbatjahres so ergeben hat. Auch deshalb - Zeit für einen ersten Zwischenblick:
1. Schlafen: Den eigenen Biorhythmus bestimmen zu lassen, wann es Zeit zum Aufwachen ist - das empfinde ich als sehr erholsam.
2. Pläne, wie sich das Jahr gestalten soll, nehmen erst Ăn den letzten Wochen konkretere Formen an. Ich merke, dass ich eben nicht wie sonst alles gleichzeitig machen muss, sondern alles seine eigene Zeit bekommt. Jetzt ist Renovierungszeit, dann kommt die Umzugszeit. Danach folgt die Reisezeit. Nicht unter Zeitdruck zu sein, empfinde ich als große Erleichterung.
3. Gespräche: Seit ich tagsüber zu Hause bin, habe ich mit allen Nachbarn längere Gespräche geführt. Vorher trafen wir uns praktisch nie, weil sich die Tagesabläufe sehr unterschieden - vor allem bei den Familien. Es ist schön, engeren Kontakt mit der unmittelbaren Umgebung zu knüpfen.
Jetzt werden die Tage länger - Zeit also, loszugehen.
Kommentar schreiben Am 28.04.09, 17:38 in Auszeitkultur von Nordlicht

Schlendern
Einfach wieder schlendern,
über Wolken gehn
und im totgesagten Park
am Flussufer stehn.
Mit den Wiesen schnuppern,
mit den Winden drehn,
nirgendwohin denken,
in die Himmel sehn.
Und die Stille senkt sich
Leis´ in dein Gemüt.
Und das Leben lenkt sich
wie von selbst und blüht.
Und die Bäume nicken
dir vertraulich zu.
Und in ihren Blicken
find´st du deine Ruh.
Und die Stille senkt sich
Leis´ in dein Gemüt.
Und das Leben lenkt sich
wie von selbst und blüht.
Und die Bäume nicken
dir vertraulich zu.
Und in ihren Blicken
find´st du deine Ruh.
Muss man sich denn stets verrenken,
einzig um sich abzulenken,
statt sich einem Sommerregen
voller Inbrunst hinzugeben?
Lieber mit den Wolken jagen,
statt sich mit der Zeit zu plagen.
Glück ist flüchtig, kaum zu fassen.
Es tut gut, sich sein zu lassen.
Einfach wieder schlendern
ohne höh´ren Drang.
Absichtslos verweilen
in der Stille Klang.
Einfach wieder schweben,
wieder staunen und
schwerelos versinken
in den Weltengrund.
Glück ist flüchtig, kaum zu fassen.
Es tut gut, sich sein zu lassen.
Einfach wieder schlendern,
über Wolken gehn
und im totgesagten Park
am Flussufer stehn.
Mit den Wiesen schnuppern,
mit den Winden drehn,
nirgendwohin denken,
in die Himmel sehn.
Kommentar schreiben Am 02.11.08, 12:38 in Auszeitkultur von Helene
Achtsamkeit - Es ist zu einem meiner Lieblingsbegriffe geworden, wenn es darum geht, zu ent-schleunigen. Ich habe mich immer wieder selbst gefragt: wie komme ich raus aus dem Hamsterrad eines völlig über”drehten” Lebens? Aus dem Glauben , dass “es” nicht anders geht, weil die Anforderunge groß und vielfältig sind, der Alltag “nebenher” bewältigt werden muss. Und dann ist da plötzlich die Chance einer kurzen Auszeit, der Meditation in Achtsamkeit. In der alles still wird in mir und und mich herum. Wo ich von Moment zu Moment ganz im hier und jetzt bin, ohne an etwas Altes oder Zukünftiges zu denken, ohne Sorgen oder Sehnsüchte, ein Moment der ungeteilten Ausmerksamkeit folgt dem nächsten, in dem ich alles so annehme,wie es gerade ist, ohne bewerten, zweifeln, grübeln, wünschen oder wollen. Diese Momente zu erleben, erzeugen eine tiefe innere Ruhe, die sich fantastisch im Aussen auswirkt. Und das ist nicht “exotisch”, sondern mach- und lernbar: Auszeiten für den Moment, den Augenblick, und den Augenblick, und den nächsten, achten auf das, was gerade ist, atmen, leben.

Kommentar schreiben Am 26.10.08, 19:09 in Auszeitkultur von Helene

Gestern war 11. September und der Geschäftsführer hat uns alle um 17 Uhr nach Hause geschickt, damit alle rechtzeitig und bei Helligkeit zuhause sind. Dort sollte man auch bleiben und bei Dunkelheit nicht mehr auf die Strasse gehen. Das wurde mir von mehreren Seiten erzählt, zumal es in den Stadtzentren, in denen die Freiwilligen und auch ich wohne, im letzten Jahr heftig zu ging.
Es gab wohl ziemlich viele Kravalle, Barrikaden, Überfälle, Brände von Autoreifen auf den Strassen, etc. Das Datum ist wohl bisschen ein Freibrief, um Randale zu machen, sich mit der Polizei anzulegen, seine Zerstörungswut auszuleben, Einbrüche zu begehen, etc. Auch Stromausfällen wurde Rechnung getragen, indem man Kerzen verkaufte. Sicherheitshalber wurden Kopien der Daten im PC gemacht und alles ausgesteckt bzw. vom Netz weggenommen.
Man hat zwar etwas auf den Strassen gehört, aber wir haben bestens geschlafen und es ist nichts passiert. Mal sehen, was uns heute Abend die Nachrichten zeigen werden.
Meine Zeit hier geht dem Ende zu und plötzlich muß ich sagen ¨… aber ich bin nur noch bis zum Tag X im Büro…¨. Die Aufgaben muß dann ein anderer weiterführen. Eine Übergabe an die Freiwilligen-Beauftragte werde ich noch machen, aber dann geht mein Urlaub wirklich los.
Seit meinem letzten Bericht ist auch schon wieder ein Monat vergangen und es war immer was los hier.
Zum einen habe ich mit der Freiwilligenbeauftragten die alten Freiwilligen verabschiedet, zum anderen mit ihr am 28.8. die neuen Freiwilligen begrüßt. Es sind 22 Jugendliche aus Deutschland, die meisten von ihnen haben erst ihr Abitur gemacht und sind für ein Jahr hier. Alle mussten vom Flughafen abgeholt werden, konnten zuhause Bescheid gegeben, daß sie gut angekommen waren, ihre Kopien für die Internationale Polizei machen und dann, nach einem gemeinsamen Mittagessen, wurden sie auf die Freiwilligenhäuser verteilt. Nur bei zweien kam der Koffer erst am nächsten Tag an – guter Schnitt.
Wir hatten ihnen hier die wichtigsten Informationen mitgeteilt und Karoline hatte sie kurz Willkommen geheißen. Sie kannten sie ja schon von Deutschland her.
Am Sonntag, 31.8.08, kamen dann die meisten in die Capilla Cristo Vive und wurden natürlich von Karoline auch der Gemeinde unter Klatschen vorgestellt. Das habe ich schon einmal selbst erlebt und ist schon eine besondere Situation, finde ich. Auch dort gab es nochmal ein Mittagessen, daß jedoch ohne Karolnie statt fand, weil sie krank im Bett bleiben sollte. Sie hat es sogar selbst gewollt, und das will etwas heißen.
Ab dem 1.9. war ich also nicht nur die Verantwortliche für die Freiwilligen, weil die bisherige Beauftragte eine neue Arbeit angenommen hatte, sondern ging auch noch zum Arbeiten zu Karoline, um zumindest die wichtigsten Dinge mit ihr zu machen. Mit Hilfe des alten und neuen Büro-Zivis hatte ich da eine gute Unterstützung.
Auf einmal 22 ¨Kinder¨ zu haben, denn alterstechnisch könnten sie das durchaus sein, ist schon eine Herausforderung, noch dazu wenn nicht alle die Sprache sprechen. Aber es macht Spaß und so kümmerte ich mich um die Einführung in deren Einsatzstellen, stellte sie den Direktorinnen vor und klärte so die ein oder andere Frage. Beinahe alle sind jetzt untergebracht und wenn die alten Freiwilligen am 22.9. zurückfliegen, können auch die letzten ihr Freiwilligenhaus beziehen. Ich denke, das sind die üblichen Anfangsschwierigkeiten und mit der Zeit finden sich die Dinge. Die alten Freiwilligen haben ihnen auch schon vieles gezeigt und gesagt, mit Freunden aus der PoblacĂłn bekannt gemacht, und trotzdem werden die neuen dann ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen. Und so soll es ja auch sein.
Am letzten schönen Wochenende habe ich mich in den Bus gesetzt und bin 2 Stunden nach Valparaiso und Viña del Mar, also ans Meer, gefahren. Wahrscheinlich habe ich nur einen Bruchteil von allem gesehen, aber immerhin gab es ein grosses Containerschiff zu sehen, ich habe einen der berühmten alten Aufzüge genommen, um mich in der Stadt zu bewegen, und hatte so einen Minieindruck von dem wie es dort sein könnte. Nach so viel Sonne und warmen Temperaturen war ich dann abends ziemlich müde.
Am 5.9. hatten wir einen Termin bei MACO, der VW-Vertretung in Chile, um zu sehen, ob VW nicht etwas für die VW-Busse von Karoline und der Berufsschule machen kann. Die Busse sind schon sehr alt und oft gibt es die geeigneten Ersatzteile nicht mehr oder man muß ähnliche verwenden. Bei uns würden die Autos schon längst ausgemustert sein. So blöd es klingen mag, aber wahrscheinlich durch das ¨von¨ in meinem Nachnamen haben wir dann einen Termin bekommen. Ich hatte mich extra hübscher angezogen, mit Bluse, Jacke und Schuhen mit Absatz. Es war ja auch nicht so kalt, da hat das schon gepaßt. Es ging locker zu, ich sagte nicht so viel, weil ich dann doch noch nicht so sehr die FundaciĂłn erklären kann. Und mit potentiellen Spendern die richtigen Worte zu finde, habe ich dann doch lieber dem Direktor der Berufsschule überlassen. Wir haben immerhin erreicht, daß er sich um die Codes der Ersatzteile kümmert und der Stiftung den Kontakt für eine Präsentation herstellt, die die FundaciĂłn zum Thema ¨Ausbildung Automechaniker¨ machen will. Und von Deutschland haben wir jetzt gehört, daß es dort auch einen Termin mit VW geben wird, so daß das Thema von beiden Seiten angegangen wird. Bin schon gespannt was dabei rauskommt.
Am 29.9. kommt der Cardinal Martino nach Chile und die Freiwilligen sollen einen Stand machen und jungen Chilenen aus den besseren Stadtviertel etwas über ihre Arbeit als Freiwillige sowie die Stiftung selbst berichten. Ich werde es noch vorbereiten können, und für die Jugendlichen ist es eine Möglichkeit, sich auch nach außen darzustellen und vielleicht neue Kontakte zu knüpfen.
Es ist schon interessant: früher war das Vitamin ¨B¨ eher verpönt, heute muß man sich früh um ein Netzwerk kümmern, um im Leben weiterzukommen.
Diese Tage sind jetzt schon alle auf die großen Feiern am 18./19. September eingestellt, die ¨Fiestas Patrias¨. Überall wird man von Werbung umgeben, die Preise steigen, die Straßen und Büros werden dekoriert, die Taxis haben schon Fähnchen am Auto, und von Maruja habe ich gehört, daß man eine Flagge ans Haus hängen muß, wenn man keine Strafe bezahlen will. Das gäbe es bei uns nicht, aber auch so kann man Menschen zum Patriotismus verdonnern, finde ich. Aber es ist ein stolzes Volk und hat eben seine Art, die Dinge zu sehen und zu feiern.
Es ist ein Datum, an dem viel gegessen und getrunken wird: alles typische Sachen von hier wie asado (Grillfleisch), sopa y pilla, empanadas, … viele nützen das Datum, um ihr Haus zu malen, es schön herzurichten, etc.; und um irgendwie Geld zu verdienen! Es wird Musik gemacht und einfach ausführlich mit Familie und Freunden das Fest verbracht. Mal sehen, was ich da noch alles erleben werde.

Im Büro wird es am Mittwoch, 17.9., eine Feier für die Mitarbeiter geben. Ich habe mich für Tauziehen und 3-Bein-Laufen angemeldet, um einfach auch den Spaß hier mitzumachen. Ich denke, es ist eine gute Gelegenheit, alle noch einmal zu treffen oder den ein oder anderen auch kennen zu lernen.

Endlich haben wir wieder freie Sicht auf die Anden, nachdem der Raumteiler, der gestört hatte, wieder weg ist. Der Frühling kehrt Einzug und die Bäume beginnen zu blühen. Es ist wie bei uns, wenn das Leben erwacht, die Sonne einen wärmt und sich alle danach sehnen, wieder mal weniger dick verpackt herumlaufen zu können.
Vor ein paar Tagen hatten wir ein Gewitter, was eher selten vorkommt, und danach gab es einen tollen Regenbogen über den Anden. Das sind so kleine Momente, die einem die Wunder der Natur wieder näher bringen. Das gibt es bei uns auch, aber oftmals bin ich auch von anderen Dingen abgelenkt oder die Hochhäuser verdecken mir die Sicht. Ich denke, wenn man von zuhause weit weg ist, sieht man viele Dinge mit anderen Augen oder erlebt sie intensiver. Vielleicht bleibt mir ein Stück davon erhalten.
Morgen fahre ich nach Mendoza, um mein Visum zu erneuern, weil es ja nach 90 Tagen abläuft. So lange bin ich dann schon wieder hier.
Für heute erst einmal einen lieben Gruß an alle und ein schönes Wochenende.
Barbara v. Rudzinski



Kommentar schreiben Am 12.09.08, 19:58 in managerohnegrenzen, In Chile als managerohnegrenzen von Barbara
Donnerstag, 24.7.2008
Schon ist die Woche wieder fast vorbei und ich merke, daß Karoline nicht da ist. Es gibt für sie weniger zu tun, aber die Vorbereitung der Ankunft der neuen Freiwilligen Ende August läuft weiter. Vieles macht die Freiwilligenbeauftragte, dennoch gibt es immer wieder offene Fragen zu besprechen. Manches läßt sich im Gespräch einfach schneller klären, auch wenn sie auf dem richtigen Weg ist. Zusammen mit ihr werde ich die neuen Freiwilligen am 28.8. begrüssen und ihr bei der Einführung helfen bzw. zu den diversen Ämtern gehen, Handys besorgen, etc. Es müssen alle untergebracht werden und das ist manchmal nicht so einfach. Wie bei jeder organisatorischen Tätigkeit jongliert man mit Namen, Orten und Daten – aber letztlich findet jeder sein Platz und kann zufriedengestellt werden: das hoffen wir doch!
Gestern habe ich mein Skype eingerichtet mit einer anderen Freiwilligen, die schon mal vor vielen Jahren da war, und konnte so das 1. Mal mit zuhause telefonieren. Es tut mir schon gut, vertraute Stimmen zu hören, auch wenn email und SMS heute viel mehr möglich machen als früher. Wie nah Europa dadurch plötzlich wird.
In vielen Dingen habe ich aber den Eindruck, daß wir ähnliche Probleme haben und daß unsere Gesellschaft noch ganz viel dazu lernen sollte was Gemeinschaft, Solidarität, Toleranz, Humanität, Gleichberechtigung, etc. angeht. Aber ich merke auch immer wieder, daß im Kleinen anzufangen ist, bei mir, bei jedem selbst.
Letztens hatten wir einen Stromausfall zuhause und meine Mitbewohnerin, hatte sich um alles gekümmert. Warum ich das erzähle? Es war so selbstverständlich, daß der ¨Chef¨ mit uns gesprochen hatte und sein ¨Mitarbeiter¨ in der Zwischenzeit das Problem behoben, sprich die Arbeit gemacht hatte. Er hatte dann nur die Papiere entsprechend ausgefüllt und uns unterschreiben lassen. Wenn ich da so an unsere Handwerker denke, dann ist das nicht mehr so. Ich will damit auch keinem zu nahe treten, sondern es ist für mich nur ein kleines Beispiel, wie die Dinge hier funktionieren.
Als dann die Rechnung kam, hatten wir sie überprüft und sie war falsch – man hatte uns zuviel berechnet. Auch das kommt hier häufiger vor, erklärte man mir, und manche Menschen reklamieren das nicht. Auch diese Dinge können bei uns passieren.
Mitwoch, 23.7., hatten wir einen wundervollen, sonnigen, klaren Tag, da es in der Nacht zuvor ziemlich geregnet hatte. In den Anden hatte es tiefer heruntergeschneit und so hatten wir wieder einen tollen Ausblick von unserem Büro. Sobald die Sonne da ist, nutzt jeder die Gelegenheit, ein bisschen Wärme von ihr abzubekommen; ich auch! Abends, als wir dann heim gegangen sind, war ein wahnsinniges Abendrot zu sehen, ein glutroter Himmel mit ein paar Wolkenstrichen dazwischen – so irre kann man ihn gar nicht malen wie uns ihn die Natur geboten hatte.
Nachmittags sagte kurz einer der Freiwilligen, ein Zivi aus der Behindertenwerkstätte, hallo – sie hatten gerade Sägespäne für ein Projekt abgeholt. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen hatte sie eine Reise in den Norden gemacht und gemeinsam mit der Freiwilligenbeauftragten schwärmte er von Machu Pichu in Peru. Da habe ich also noch viel vor mir, aber Ende September will ich ja dann die Zeit zum Reisen etwas nutzen.
Auf den Zivi komme ich zu sprechen, weil sie mit einem Freund, der für eine andere Organisation als Freiwilliger in einem anderen Armenviertel von Santiago tätig ist, mal einen eintägigen Austausch machen wollen. Sie wollen so sehen, was der jeweils andere macht. Mir zeigt das wieder einmal, daß man alles machen kann, wenn man sich nur für etwas einsetzt und an den Dingen interessiert ist, die man tut. Diese Überzeugung habe ich ja bereits bei Karoline festgestellt und ich denke, daß wir nur so etwas gemeinsam schaffen können. Selbst merke ich ja an mir auch, daß ich Dinge, die ich überzeugt tue, nicht langweilig werden bzw. die Routine, die es auch immer wieder braucht und die sich einstellt, leichter zu ertragen ist.
Mit meiner Mitbewohnerin verstehe ich mich ganz gut: wir lachen und essen zusammen, sehen TV und mittlerweile gehen wir gemeinsam morgens aus dem Haus, weil wir den gleichen Arbeitsweg haben. Sie hat bereits 5 Kinder und hat sie alle gut groß gezogen. Die Jüngsten von 14 und 17 leben bei ihrem Vater, aber sie kommt für sie auf. Sie hat mir ein bißchen berichtet, was sie alles getan hatte, damit etwas aus ihnen wird. Mittlerweile ist sie schon 2-fache Großmutter und noch keine 40 Jahre!
Viele Frauen bekommen ganz früh Kinder, eigentlich sind sie selbst noch Jugendliche, aber das ist hier nach wie vor so. Die Situation hat sich schon gebessert, aber ich bin dann immer wieder erstaunt, wer die Pampers im Supermarkt kauft. Manchmal frage ich mich, ob das jetzt eine Schwester ist oder die Mutter selbst, die sich darum kümmert – aber immer bin ich mir da nicht so sicher.
Dadurch, daß ich mir das Haus teile, lerne ich auch wieder die Vorzüge einer WG schätzen. Irgendwie konnte ich mir das schon vorstellen, habe ¨ja, ja¨ gesagt, aber so ganz ernst habe ich da nie daran gedacht. Mit wem, hat man die gleichen Sauberkeitsansprüche, wie teilt man die gemeinsamen Räume, wieviel Privatsphäre kann ich mir erhalten? Ich denke, das sind alles Fragen, über die ich mir früher oder später Gedanken machen muß, denn schließlich geht es ja auch darum, wie ich meinen Lebensabend gestalte. Noch ist alles weit weg und dennoch darf ich die Augen nicht verschließen.
Durch das Lesen eines Berichtes einer Ehemaligen bin ich auf den Gedanken der ¨Lärmbelästigung¨ gestoßen:
Es ist schon richtig, daß man die Nachbarn eher hört, zu allen Uhrzeiten, die Türen schlagen, manchmal ein Kind weint, geschrien wird. Ja, manchmal fühle ich mich auch belästigt, dann denke ich wieder, das gehört zur Nachbarschaft dazu. Müsste ich dann eingreifen oder warum passieren diese Dinge? Wo ist die Grenze?
Gestern auf dem Heimweg bin ich noch kurz in den Supermarkt gegangen und musste dann fast 25 min an der Kasse anstehen. Es waren so viele Kassen geschlossen und ich frage mich dann, wo da der Service bleibt. Zur Hauptbetriebszeit am Abend gibt es zu wenig Personal. Da bin ich dann wieder sehr deutsch und kann es gar nicht fassen. Auch das gehört zum Alltag und würde bei uns schon zum Protest ausarten. Hier warte ich also mehr oder weniger geduldig und versuche es meditativ zu nehmen.
Allerdings habe ich mir dann auch überlegt, ob das nicht eine Taktik ist, denn so wartet der eine beim Einkaufswagen, während der andere noch durch die Gänge geht und dies und das sieht. So werden die Leute vielleicht auch zum Kauf ¨angeregt¨.
Auf dem Heimweg habe ich dann unseren bettelnden ¨Freund¨ an der Ecke getroffen, dem meine Mitbewohnerin ja nichts mehr gibt, weil er auch arbeiten kann. So hatte sie mir es zumindest erzählt. Beide wissen wir, dass er letztlich das Geld für Drogen benötigt, so haben wir ihm zuletzt nur zu Essen gegeben. Aber auch das will sie nicht mehr, weil wir alle arbeiten können, müssen und auch wollen. Ich hatte also schon auch die Befürchtung, er würde mich ¨begleiten¨ und dann betteln, aber er blieb an der Strassenkreuzung zurück und so konnte ich in Ruhe nach Hause gehen. Irgendwie merke ich dann schon, dass ich diesbzgl. angespannt bin.
29.7.08
Mit meiner Mitbewohnerin bin ich heute wieder zur Arbeit gegangen, und sie hatte sich noch ein Sandwich gekauft. Eilig darf man es nicht haben, denn der Kassierer musste erst geholt werden. Wir waren alleine im Laden und es hat doch gedauert.
Dann kam der Bus nicht und wir haben einen so kleinen, privaten genommen: darf man eigentlich nicht, ist auch hier verboten, aber keiner schert sich darum. Für 300 Pesos sind wird dann mitgefahren und wurden an unserer Haltestelle rausgelassen. Die Tür ging beim Bremsen an der Ampel einfach auf; keiner hat sich darum gekümmert; und beim Anfahren klappte sie wieder zu, und es war ok. So etwas wäre bei uns nie möglich; aber hier macht man es einfach so und keiner denkt sich etwas dabei.
Allerdings habe ich in den Nachrichten gehört, daß deshalb ein Schuljunge verstorben war, weil die Tür des Busses nicht geschlossen war. Hat also alles 2 Seiten und ist ist die Frage, ob man in einigen Dingen eher strikter und nicht zu nachläßig sein sollte.
4.8.2008
Nun bin ich schon einen Monat hier und in der letzten Woche wurde meine Geduld schon schwer auf die Probe gestellt.
Am Freitag, 1.8.08, haben wir den Bazar (Venta-Remate) gemacht, um eine Teil der Strickwaren und Applikationsarbeiten von “Prisma de Los Andes” zu verkaufen.
Eigentlich ist es ja wie bei uns: dem einen paßt das Datum nicht, dem anderen die Uhrzeit, plötzlich kommen andere Dinge dazwischen und man hat keine Zeit …. – kurz, man kann es nie irgendjemandem Recht machen. Man muß einfach das Datum festlegen und dann geht es los.
So hatte der Geschäftsführer am Mittwoch noch eben schnell die Uhrzeit verändert, damit die Mitarbeiter auch nach der Arbeit noch hingehen können – das machte wirklich Sinn, denn sie sollten ja als erstes in den Genuß kommen. Also mußten wir wieder alle informieren, denn sie Sekretärin hatte keine Zeit.
Dann ging es um den Transport: ohne Chefin geht da gar nichts. Man muß die Hierarchie einhalten, damit der Fahrer seine Anordnung bekommt. Es klappte natürlich, aber die Zwischenlagerung mußte auch noch geklärt werden. So haben wir einen abgesperrten Raum bekommen, damit nichts geklaut wird. Den Raum, den wir ab 15 Uhr haben sollten, bekamen wir erst ab 16 Uhr, damit der Lehrer noch schnell seine Stunde abhalten konnte. Er wußte zwar Bescheid, aber war dann doch überrascht; also mußten wir uns auf den Kompromiß einlassen. Die eigentlich Verantwortliche erklärte mir am Mittwoch, daß sie am Donnerstag Nachmittag keine Zeit hätte – da sollte nämlich der Aufbau des Flohmarktes sein. Und für die Schlepperei vom Zwischenlager in den Hauptraum half uns zum Glück ein anderer Angestellter, denn unsere Hilfe hatte andere informiert, die dann nicht kamen. Er selbst auch nicht. Eines der typischen Missverständnisse unter uns Menschen, denke ich.
Der Flohmarkt war dann trotz anderer Festivität gut gelaufen, wir haben ein paar Dinge verkauft, und ich wurde allmählich auch ruhiger und hatte dann die letzten Änderungen, die es an diesem Tag natürlich auch gab, gelassener genommen.
Ja, so war es. Zum Glück finden sich die Dinge immer wieder und es gibt helfende Hände, mit denen man nicht gerechnet hatte. Aber für mich, die gerne organisiert und dann auch möchte, daß es wie geplant läuft, war es eine harte Probe. Oder hat es mit mehr Gelassenheit und Fliessen lassen zu tun?
Seit meinem letzten Bericht habe ich auch das 1. Mal per Skype telefoniert. Es ist schon irre, wie das funktioniert. Ich konnte direkt von hier berichten und es tat gut, mal mit den wichtigsten Menschen zu sprechen. Per email geht viel, aber telefonieren ist eine andere Sache. Jetzt ist das Bedürfnis gestillt und deshalb auch nicht mehr so wichtig.
Am letzten Wochenende (Ende Juli) habe ich einen Ausflug in die ¨Glitzerwelt¨ von Santiago gemacht. Der Begriff ist mir spontan eingefallen. Noch habe ich das tolle Reichenviertel nicht gesehen, aber es geht hier schon ganz anders zu: bereits in der U-Bahn merkt man den Unterschied durch die Werbung, die Sauberkeit und die digotale Werbung. TV gibt es nicht einmal in München in der U-Bahn!
Am 8.8.08 war das grosse Fest von Karoline, die schon 40 Jahre in Chile ist.
Am Vorabend wurde im Drogenrehabilitationszentrum eine kleine Messe abgehalten und danach gab es eine kleinen Umtrunk. Die Menschen, die dort in Therapie sind, hatten das Logo der FCV im Innenhof mit Erde und kleinen Teelichter nachgeformt. Ein wunderschönes Bild entstand als die Kerzen angezündet wurden.
Am Nachmittag des 8.8.08. wurde im Hof des Kindergartens Naciente gefeiert, mit einem riesigen Zelt und grünem, ausgelegten Rasen. Bei den Vorbereitungen war ich auch dabei, weil wir eine Ausstellung der Handarbeiten und Nähkunst machen sollten, die Karoline für Frauen als erste Verdienstmöglichkeit aufgebaut hatte. Es ging zuweilen chaotisch zu, aber letztlich zählt das Ergebnis und das Fest war einfach wunderschön.
Es kamen viele Menschen: wichtige Persönlichkeiten, Politiker, Freunde, einfache Menschen aus der Bevölkerung, Mitarbeiter, Freiwillige, Helfer, Überraschungsgäste, … alle zusammen ergaben ein bunte Mischung, die Karolines Leben widerspiegelt. Natürlich haben die einzelnen Einrichtungen einen kurzen Beitrag geleistet, auch aus Bolivien und Peru, und es wurden auch Ehrungen für viele Helfer, die oft nur im Hintergrund tätig sind, ausgesprochen. Es gab Fotowände, die die einzelnen Einrichtungen in ihrer Entstehung zeigten, das Drogenrehablitationszentrum hatte auch eine Ausstellung von Handwerkskunst gemacht. Ehrenmedaillen gab es genauso, die Maruja, Karolines Mitschwester, entsprechend verteilt hatte. So kam ich zu der Ehre, die Medaille für die FundaciĂłn Cristo Vive Europa in Empfang zu nehmen. Ich war selbst überrascht, aber so schenll konnte ich gar nicht schauen und befand mich auf der Bühne wieder.
Überhaupt war der Bühnenhintergrund mit einem ganz toll Wandbehang ausgestattet, den man im Kindergarten entworfen hatte und der dann von einer Näherin angefertigt wurde.
Das Programm zog sich natürlich in die Länge, so dass selbst Karoline entschied, keine Rede mehr zu halten, was äusserts ungewöhnlich für sie ist. Wir packten am Schluss einfach alles ein, weil keine Zeit mehr für einen weiteren Verkauf war. Jeder packte einfach an, weil alles wieder im Urzustand zu bringen war, denn schliesslich kamen am darauffolgenden Montag ja wieder die Kinder in den Kindergarten.
Maruja hatte uns zum Mittagessen eingeladen, weil wir schon vormittags zum Aufbauen kamen. Es war eine schöne Runde und sogar Karoline kam zur vereinbarten Zeit zum Essen, was bei ihr ja aufgrund der vielen Termine nicht immer der Fall ist.
Am Sonntag, 10.8.08, war ich dann in der Capilla Cristo Vive und Karoline wurde dort nochmals von den ¨Pobladores¨, den Menschen aus dem Stadtviertel wo sie wohnt, gefeiert und geehrt. Bei ihr zuhause hatten sich ein paar Freunde aus Bolivien, Luxemburg, Deutschland und Chile versammelt und wir haben dann letztlich dort zu 10 Mittaggegessen. Eine Mitschwester aus Bolivien, selbst Bolivianerin, hatte interessant über ihre Integrationsprobleme bei den Mapuches erzählt, die sie nach 1,5 Jahren immer noch hat. Ihr und anderen könnte man stundenlang zuhören.
Nachmittags sind wir dann noch ausserhalb von Santiago zu einem ehemaligen Geschäftsführer gefahren, der als Unternehmer und Jurist sich entschlossen hatte, für einige Zeit freiwillig in der FCV zu arbeiten. Kein leichtes Unterfangen aufgrund von anderer Klassenzugehörigkeit, wie ich erst die Tage gehört habe. Er wird immer Freund und Wegbegleiter von Karoline bleiben.
Dort ist dann das Unglück passiert: Karoline ist beim Spielen mit einer der Enkelinnen ausgerutscht und hat sich einen dreifachen Bruch am rechten Oberarm zugezogen, wie sich dann abends noch rausgestellt hatte.
Mittlerweile geht es ihr wieder besser und ich bin seitdem noch mehr ihre ¨Sekretärin¨. Wer schon einmal die rechte Hand nicht zum Schreiben nutzen konnt weiss, was das bedeutet. Zumal sie es gewohnt ist, alles selbst handschriftlich zu formulieren. So werde ich in die Zeiten von meinem Job in Spanien versetzt, in denen ich auch hin und wieder zu meinem Chef nach Hause fahren musste, um mit ihm Dinge zu besprechen, Unterschriften einzuholen, etc.
Zweimal hatte ich auf den Feierlichkeiten gehört, dass sie ihren Arbeitsrhythmus doch etwas einschränken solle, aber ohne diesen krassen Stopp hätte sie es bestimmt auch nicht gemacht. Sie wird selbst wissen, was ihr Gott damit sagen will, da bin ich mir ganz sicher.
Am Wochenende vom 15.8., der auch hier ein Feiertag ist, war ich in Molina, ca. 200 km südlich von Santiago, mit meiner Mitbewohnerin gewesen. Ich habe ihre Kinder und Enkel sowie das Leben auf dem Lande in Chile kennengelernt. Alle sind wirklich sehr nett und unkompliziert. Die Unterschiede zwischen Grossstadt und Dorf bzw. Kleinstadt sind wie bei uns zu spüren: in Molina war alles viel entspannter, man kann ohne Bedenken alleine auf der Strasse gehen und ich denke auch abends ist es kein Problem wie evtl. in Santiago. Man kennt sich eher, es ist alles um die Ecke, man hat mehr Zeit.
Und ich bin mit dem beliebten Verkehrsmittel ¨Bus¨ gefahren. Ein Landbewohner hatte mal eben kurz seinen Einkauf im Bus transportiert, alles ziemlich normal hier. Kenne ich auch von Spanien, weil es dieses Transsportsystem dort auch gibt. Busse sind bei uns ja kaum im Einsatz, weil es mehr Autos gibt und Busse einfach teuer sind. Es fährt auch einer in kurzen Abständen, so dass man sich einfach an die Strasse stellt und den Bus anhält. Das macht man auch so, wenn man aussteigen will; selbst auf der Autobahn läuft das so. Und es klappt bestens.
Ich könnte wahrscheinlich noch mehr berichten, will es aber für heute dabei belassen.
Nächste Wochen kommen bereits die neuen Freiwilligen und ich bin dann auch schon 8 Wochen hier. Den Zenith meines Aufenthaltes habe ich schon überschritten und jetzt geht es mir fast zu schnell. So langsam kenne ich mich aus, obwohl mir noch viele Zusammenhänge fehlen, die Menschen können mich einordnen … ja und dann gehe ich wieder, aber wer weiss, wo mich mein Weg noch hinführen wird.
Kommentar schreiben Am 22.08.08, 23:00 in managerohnegrenzen, In Chile als managerohnegrenzen von Barbara
Montag, 21.07.2008
So, bevor das Internet evtl. wieder abstürzt, hier endlich mein erster Bericht aus Santiago!
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Seit dem 2. Juli 2008 bin ich nun als Freiwillige über ¨managerohnegrenzen¨ hier in Santiago de Chile und unterstütze Schwester Karoline Mayer bei ihrer Arbeit in der ¨FundaciĂłn Cristo Vive¨ (FCV).
Am 8. August 2008 hat Karoline (Mayer), wie sie zumeist genannt wir, ihr 40-jähriges Jubiläum seit ihrer Ankunft in Chile und ich denke, daβ sie es feiern wird. Wirklich beeindruckt bin ich von dem, was sie und die Menschen um sie herum bisher alles geschaffen haben, obwohl ich natürlich noch nicht alles kenne oder gesehen habe.
Von Karoline und Maruja wurde ich am Flughafen herzlich mit einem Blümchen und der Chilenischer Flagge empfangen und bin mit ihnen gleich ins Büro gefahren.
Maria Theresa, eine Schweizerin, die schon seit 21 Jahren in Chile ist und hier ebenso freiwillig im Büro arbeitet, hat mich durch die Büros und die angeschlossene Schule ¨Escuela FormaciĂłn Profesional en Oficios¨ (EFPO), eine Art Berufsschule mit einer 3-monatigen Ausbildung, herumgeführt. Jeder Schüler hat seinen eigenen Arbeitsplatz und die Ausbildung erfolgt u.a. im Bereich Schreinerei, Installation Gas/Wasser, Elektro, Mechaniker, etc.
Danach sind wir mit dem öffentlichen Bus zu meiner Unterkunft gefahren, ein Haus, das ich in den nächsten 3 Monaten mit einer Chilenin teilen werde. Es ist ganz schön, wenn man abends zusammenkommt, gemeinsam iβt und sich austauscht. Und ich lerne mehr über das Land, die Leute und ihre Kultur kennen. Und ich habe nur 20 min zur Arbeit, welch ein Luxus!
Viele Handgriffe machen wir selbstverständlich: heißes Wasser anmachen, Heizung aufdrehen, Lichter brennen lassen, Wasser aus dem Wasserhahn trinken – das sind alles Dinge, die hier nicht so sind. Auch wenn ich es wußte, damit leben bedeutet nochmal etwas anderes. Nach ein paar anfänglich kalten oder lauwarmen Duschen kommt mittlerweile auch das heiße Wasser aus dem Hahn. Und bekanntlich sind ja Wechselduschen sehr gesund!
Von den Freiwilligen – es kommen ca. 20 junge Menschen, groβteils Abiturienten, jedes Jahr für 12 Monate aus Deutschland über diverse Organisationen bzw. um ihren Zivildienst zu machen – habe ich auch schon gehört, daß sie gar nicht in so viel besseren Verhältnissen hier unter den Menschen leben wollten, denn schließlich kämen sie sich komisch vor, wenn sie Chilenen bei sich einladen und alles so toll wäre. Am wichtigsten sind die Elektrizität, vernünftige sanitäre Einrichtungen, Gasöfen und dicke Decken zum Schlafen. Mit dem Rest kann man sich arangieren.
Auch hier war ich überrascht, wieviele Menschen freiwillig 8 Stunden am Tag in Kindergärten, Horten, mit Behinderten und Kranken aus sehr ärmlichen Verhältnissen arbeiten, und manchmal noch ihre Freizeit für diverse Projekte ¨verschenken¨. Und alles erfolgt aus eigener Motivation heraus. Manche Eltern, deren Kinder heute da sind, waren auch schon als Freiwillige in Chile tätig und so ¨vererbt¨ sich beinahe die Begeisterung hier tätig zu sein und seine Erfahrungen zu machen. Einige kommen auch wieder, sei es nun nach dem Studium, um eine längere Zeit hier weiterhin tätig zu sein oder was auch immer die Motivation hierfür ist.
Was meine Arbeit angeht, so ist sie sehr vielseitig – so wie man sich die Tätigkeit einer Assistentin eines Geschäftsführers/Vorstandes vorstellen kann.
Karoline ist die Präsidentin der FundaciĂłn Cristo Vive und an allen Ecken und Enden will man ihren Rat. Sie nimmt sich für alles und jeden Zeit, hat ein offenes Ohr und ein ebenso offenes Haus. In Bolivien und Peru wurden ebensolche Stiftungen gegründet, dessen Präsidentin sie ist. Dort gibt es noch viel mehr zu tun, weil die staatliche Unterstützung noch lange nicht soweit ist, und man deshalb auf private Spendenmittel angewiesen ist.
Es gibt Anfragen zu beantworten; Reaktionen auf ihr Buch (¨Das Geheimnis ist immer die Liebe¨), das kürzlich auch in Spanischer Sprache erschienen ist; Projekte, die zu erledigen sind; sie weiβ über die Zahlen Bescheid; … und daneben erfolgt noch ihre Hilfe als Mensch und Missionarin. Dies ist nur ein Ausschnitt ihres Tuns und nicht zuletzt darf man ihre religiösen Aufgaben vergessen. Sie scheint von der Liebe zu Gott getragen zu sein, denn es ist unglaublich, was sie alles bewältigt.
Am Sonntag, 6.7., war ich in der Kirche von Cristo Vive und ich durfte den Architekten, der schon 91 Jahre alt ist, kennen lernen. Sie ist geräumig und wurde nach den Wünschen und Bedürfnissen der Gemeindemitglieder erbaut und an ihre Umgebung ¨angepaßt¨. Von Karoline wurde ich der Gemeinde vorgestellt; so etwas kenne ich von uns nicht, und ich sollte mich vorne hinsetzen, damit man mich auch sehen kann. Am 1. Sonntag im Monat bringen Gemeindemitglieder Lebensmittel für Bedürftige mit, die dann an diese verteilt werden. Selbts wenn man wenig hat, gibt man den anderen noch etwas ab. Auβerdem gibt es am Sonntag einige ¨actividades¨ in der Kirche der FundaciĂłn Cristo Vive, und mittags gibt es immer ein Mittagessen bei Karoline und Maruja zuhause, wenn man möchte. Dort trifft man sich, diskutiert und Gäste sind immer herzlich willkommen. Und es ist eine gute Gelegenheit, wenn man Karoline mal ohne Zeitdruck sprechen will.
Bei uns in Deutschland würde wahrscheinlich keiner mit Heizofen und Fliessjacke im Büro arbeiten, aber so gestaltet sich mein Arbeitstag hier. Aber ich habe einen schönen Ausblick auf die Anden, wenn sie nicht gerade im Nebel oder im Smog versinken. Oben sind sie noch weiß, von Schnee bedeckt, und sind ein guter Orientierungspunkt hier in Santiago. Und wenn dann mal die Abendsonne die weißen Berge beleuchtet, dann ¨entschädigt¨ das auch für die trüben Tage.
Positiv überrascht war ich von den Computern, die es z.T. schon gibt – ich arbeite an einem Flachbildschirm – allerdings ist die Tastatur eine andere und hin und wieder muß ich die Satzzeichen einfach suchen. Improvisation ist alles und das wird mir hier wohl immer wieder begegnen, auch wenn alles gut organisiert ist.
Papier wird mit Vor- und Rückseite bedruckt; das Format ist anders, Kopien muß man eintragen, ebenso wie die Benützung des Fax. Selbst wenn an eine Mobilnummer anrufen will, muß man sich bei der Zentrale anmelden und wird verbunden. Nicht von überall, nicht einmal von privat, kann man einfach auf einem Handy anrufen, das käme zu teuer. Überall wird gespart, weil nicht viel Geld da ist bzw. um so viele Mittel wie möglich an andere Menschen weitergeben zu können.
Mittags wird in einem Raum extra für die Mitarbeiter gegessen, die Schüler haben ihren eigenen ¨Comedor¨. Viele bringen sich ihr Essen selbst mit und machen es in der Mikrowelle warm. Dazu haben sie z.T. ein eigenes kleines, viereckiges Täschchen mit Henkel, die man bei uns gelegentlich als Schminktasche verwendet. Oder sie bringen eine kleine Kühlbox mit. Gut ausgestattet kommen sie mit eigenem Besteck, Salz, Servietten, ein Deckchen als Set und bestenfalls mit Pril zum Spülen. Sogar den Raum muss man abschliessen, damit das Mobiliar nicht wegkommt.
Viele Häuser sind ebenerdig und alle sind mit Gittern und Toren gegen Einbruch versehen. Auf Mauern werden grossteils Glassplitter zur Sicherheit angebracht. Manche Geschäfte sind auch vollkommen vergittert, weil sie schon überfallen wurden bzw. alles gestohlen wird, was nicht niet- und nagelfest ist. Das mag heftig klingen, ist aber der Alltag.
Abfall wird an den Zaun gehängt bzw. sind Abfalleimer in den Straßen auf einem Stab, damit die vielen streunenden Hunde nicht alles aufreißen. Es laufen wirklich viele Hunde frei herum, aber bislang habe ich sie nur als harmlos erlebt. Sie gehören einfach zum Straßenbild dazu.
Das ist hier alles die Normalität und ich lerne damit umzugehen.
Jetzt bin ich fast 3 Wochen hier und kann nur sagen, daß ich mich schnell eingewöhnt habe, alle sehr nett zu mir sind und ich schon voll in die Arbeit integriert bin. Die Sprache zu können ist schon ein sehr groβer Vorteil, wie ich selbst festgestellt habe und man mir auch bereits gesagt hat.
Am Samstag, 12.7.08, war ich zur Abschlußfeier der Krankenpflegeschule eingeladen: In einem feierlichen Rahmen wurden die Diplome überreicht und es erfolgten diverse Ehrungen von Schülern, dem Lehrkörper sowie Menschen, die diese Schule mit ihrer Arbeit intensiv unterstützen. Ein Chor untermalte die Feier musikalisch. Ein hefitiger Regenschauer, der notwendig war, hat es ein wenig reinregnen lassen in die Mehrzweckhalle, aber letztlich hat sich keiner davon abbringen lassen, im Anschluß mit seinen Familien und Freunden einen kleinen Umtrunk zu veranstalten und einen Imbiß zu sich zu nehmen. Alles haben die ¨Schüler¨ mit Hilfe der Ausbildungsleiterinnen und anderen Helfern organisiert und sich selbst so einen eindrucksvollen Abschluß der 1,5-jährigen Ausbildung gemacht.
Die Ausbildung erfolgt übrigens durch Finanzierung des Staates sowie durch die Finanzierung aus Spenden. Ohne diese Bereitschaft und den Einsatz eines Deutschen, der durch seine Kontakte das Geld sammelt und an der Entwicklung der Schule interessiert ist, ginge es gar nicht. Für uns ist das alles nicht so viel Geld, aber mit 1.000,- Euro kann man einen Ausbildungsplatz finanzieren. Die Warteliste ist mittlerweile sehr lang und man versucht wirklich engagierten jungen Leuten diese Möglichkeit zu bieten.
Meine 3. Arbeitswoche ist auch schnell vergangen, zumal wir am 16.7. einen Feiertag hatten. So verkürzt sich die Woche ungemein und wie auch bei uns freuen sich die Menschen über einen geschenkten, freien Tag.
Mit den Freiwilligen waren wir im ¨Museo Precolimbino¨ und hatten dort eine Führung. Danach sind wir noch ins ¨Centro Cultural La Moneda¨ einen Kaffee trinken gewesen, und haben dort auch noch eine große Übersichtskarte über Chile angesehen. Es ist ein wirklich großes Land und ich freue mich schon, ein bißchen mehr kennen zu lernen.
Am Feiertag habe ich mir das ¨Museo Bellas Artes¨ und den nahegelegenen Park ¨Cerre Santa LucĂa¨ angesehen. Aus statistischen Gründen mußte man seinen Namen, seine ID (die ich nicht habe) und die Uhrzeit eintragen, aber ich denke auch, daß es einen gewissen Sicherheitsaskpekt hat.
Seit letzter Woche bin ich auch mit einem Projekt betraut, um das Lager der Schule ¨Prisma de Los Andes¨ abzubauen. Frauen hatten hier jahrelang die landestypischen Jacken und Pullis gestrickt sowie ¨Applikationsarbeiten¨ aller Art mit den uns bekannten Landschaften und Püppchen angefertigt. Nachdem die Wollpreise sehr gestiegen sind, blieb man auf den Dingen regelrecht ¨sitzen¨. Nun werden wir einen Bazar o.ä. organisieren, um diese wertvollen Dinge unter die Menschen zu bringen.
Karoline wird die nächsten 2 Wochen in Bolivien und Peru unterwegs sein, aber ich bin mir sicher, daß ich in dieser Zeit ausreichend zu tun haben werde.
Seit gestern nachmittag geht unser Internet nicht und da merke ich mal wieder, wie abhängig wir vom Funktionieren eines Servers sind. Ähnliche Erfahrungen hatte ich auch auch schon bei meiner Arbeit gemacht, und immer ist es erst einmal wieder gewöhnungsbedürftig, insbesondere wenn die Zeit drängt.
Kommentar schreiben Am 21.07.08, 16:21 in managerohnegrenzen, In Chile als managerohnegrenzen von Barbara
Und - was hat es gebracht?
Endlich hatten wir Zeit, scheinbar unendlich viel Zeit. Für uns, für unsere Gedanken, Ziele und Wünsche. Zu Beginn haben wir das nicht realisiert. Wir hatten die Eile in uns mitgenommen, wollten vorwärts kommen, das oft hoch gesteckte Tagesziel erreichen. Wir haben Monate für die gesuchte Entschleunigung und den Abschied von Altem gebraucht. Dann haben wir es genossen.
Ständig an anderen Orten zu sein, ohne tiefere Bindung, allein auf uns gestellt - das war schwer und blieb unbefriedigend. Für einander da zu sein, das war schön. Wir kamen gut miteinander aus.
Unsere Annahme, dass wir durch die langsame Art der Fortbewegung viele Menschen kennen lernen, war illusorisch. Auf den Wanderwegen trafen wir tagelang niemanden. Unsere Kontakte beschränkten sich auf Menschen, die wir in Jugendherbergen, auf Campingplätzen, in Klostern und Hotels kennen lernten, oder die uns unterwegs geholfen haben. Daran haben wir viele schöne Erinnerungen.
Hilfe haben wir oft erhalten. Wir haben gelernt, dass wir darauf vertrauen können und für alle Probleme eine Lösung finden. Immer fand sich ein Weg, ein Übernachtungsplatz, Trinkwasser, etwas zu essen …. Das hat uns ruhig und sicher gemacht. Die Kontakte nach Hause haben uns dabei geholfen. Immer wieder kamen zu den Tagebucheinträgen im Internet Kommentare, Nachfragen und Tipps. Wir fühlten uns nie allein.
Eineinhalb Monate unserer Wanderung waren wir auf dem Franziskanerweg zwischen Florenz und Rom unterwegs. Ein Pilgerweg, der uns auf den Wegen des Heiligen Franziskus von Kloster zu Kloster geführt hat. Zwangs”läufig” beschäftigten wir uns mit seinem Leben, seinen Ideen und was daraus wurde. Er war ein Aussteiger, ein Freak, Spinner, Visionär. An seinen Rückzugs- und Meditationsorten tief und einsam in den Bergen, in Felsspalten auf Berggipfeln, seinem Gott nahe, haben wir die Kraft gespürt, die von ihm ausging. Wir haben zu ihm ein besonderes Verhältnis jenseits katholischer Auslegungen entwickelt und ihn zum Schutzengel für unsere Wanderung gemacht. Er hat uns in Gedanken begleitet und wohl behütet. Der Kirche sind wir ferner denn je.
Unsere Absicht, unterwegs soziale Projekte kennen zu lernen und dort für einige Zeit mitzuarbeiten, konnten wir nicht verwirklichen. Das Vorhaben, nach Sizilien zu wandern, ließ sich damit nicht vereinbaren. Case Caro Carrubo, eine Öko-Landkommune in Südsizilien, haben wir besucht und den Aufenthalt sehr genossen. Das Projekt war aber zurückgestellt und bot keine Möglichkeit zur Mitarbeit. Was in Case Caro Carrubo in der Vergangenheit gemeinsam aufgebaut worden ist, hat uns beeindruckt. Heute ist es ein schöner Platz um Urlaub zu machen, die Seele baumeln zu lassen und ein Leben im Einklang mit der Natur zu genießen.
Keine Ahnung, wieviel Kilometer wir gelaufen sind. Weit über 2000 werden es gewesen sein. Die Zahl war uns nicht wichtig. Die Frage, wieviel Kilometer wir am Tag gelaufen sind, macht uns ratlos. Mal mehr, mal weniger, mal gar nicht. Auch die Schnecke erreicht ihr Ziel. Sie war unser Vorbild. Slowfood hat die Schnecke als Symbol. Das passt zu uns. Gutes braucht Zeit.
Der Weg zu uns führte über das Laufen. Eine erdverbundene Bewegungsform, die den Horizont erweitert und den Gedanken freien Lauf lässt. Aus Bewegung entsteht Veränderung. Das haben wir erlebt und nicht er”fahren”.
Wir sind stolz, es geschafft zu haben. Nach Sizilien zu wandern war ein Traum, den wir gemeinsam verwirklicht haben. Dass wir uns die Zeit radikal genommen haben war richtig, wichtig und ein ungeheuerer Luxus, den sich (fast) alle leisten können, wenn sie nur wollen.
1 Kommentar Am 20.07.08, 16:58 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Sonntag, 11. Mai 2008
Aufruhr, Hupen, Jubel, Geschrei am Flughafen. Gerade hat der SSC Neapel das zweite Tor gegen AC Mailand geschossen. Nichts geht mehr. Neapel siegt über die bestgehassten Norditaliener mit 3:1. Wir haben noch genug Zeit. Der Bus hatte uns direkt, komfortabel und für wenig Geld, zum Flughafen gebracht. Unsere großen Rucksäcke genossen eine Sonderbehandlung beim Sicherheitscheck, wurden aber anstandslos freigegeben. Limoncello, Orangen- und Zitronenmarmelade gelten noch nicht als bombengefährliche Terroristenausrüstung. Der Flug verlief ruhig, unsere Freunde Brigitte und Helmut holten uns ab, in ihrem Gästezimmer lagen wir nach Monaten wieder im eigenen Bett, hörten die vertrauten Geräusche aus dem Garten und fühlten uns wie daheim.
Samstag, 10. Mai 2008
Unseren letzten Tag vor dem Rückflug verbrachten wir in Vico Equense. Das liegt ein paar Dörfer nach Sorrent, an der Bahnstrecke Richtung Neapel. Vico Equense hat eine Top-Touristen-Info. Im Dezember zuvor hatten wir hier viel gutes Infomaterial bekommen. Jetzt suchten wir nach einer Unterkunft für eine Nacht. Die besorgte uns der Mann in der Info. Er telefonierte, checkte Entfernung und Preise und wies uns auf die schnellste Verbindung zum Flughafen hin. Mit Zimmer und Ticket versorgt, genossen wir den schönen Ort, gönnten uns ein feines Abendessen und freuten uns auf die Heimat.
Freitag, 9. Mai 2008
Marina di Cantone liegt unterhalb von Nerano. Morgens wollten wir mit dem Bus von hier hinauf nach Nerano, Temini und S.Agata fahren. Die Bushaltestelle war ordentlich beschildert, sogar ein Fahrplan hing aus. Um 10:20 Uhr sollte der Bus abfahren. In der Bar gegenüber kaufte ich die Karten, und dann warteten wir, und warteten, und warteten. Schließlich stellte sich heraus, dass an diesem Morgen die Busfahrer streiken. Weil das Meer im Sonnenlicht glitzerte und funkelte, wählten wir das Bad im Meer als Alternativprogramm. Hinein ins frische Nass! Ich wählte den Einstieg über den Landungssteg, um mir die unangenehme Lauferei über die großen Kieselsteine zu ersparen. Das war gut gedacht. Kleine Fischlein tummelten sich im klaren Wasser, eine Leiter bot bequemen Einstieg, ich tauchte ein, schwamm und prustete erfrischt, winkte Rita zu, bis ein stechender Schmerz mich daran erinnerte, dass auch unangenehme Wesen das Meer bevölkern. Eine Feuerqualle war gemächlich an mir vorbei geschwebt und hatte mich mit ihren Nesselfäden verbrannt. Teufel - das tat weh!
Der Tag im Meer war gelaufen. Nachmittags fuhr der Bus. Die Zeit reichte für eine Busrundfahrt mit brennendem Arm durch die kleinen Nester bis Massa Lubrense und wieder zurück nach Marina di Cantone. So hatten wir uns den letzten Tag am Meer nicht vorgestellt.
Donnerstag, 8. Mai 2008
Wir verließen den Hauptweg, um über die Punta S. Elia unser Ziel, Marina del Cantone, zu erreichen. Der Kompass-Karte hatten wir entnommen, dass es eine Verbindung nach Torca, einem kleinen Dorf auf halbem Weg nach Marina del Cantone, gibt. Der Weg begann in Belevedere und führte schmal, aber gut gepflegt, durch Steilwände gut 200m nach unten. Ein herrliches Wegstück. Ich genoss die wilde Landschaft, den weiten Blick über das Meer, während Rita sorgenvoll nach jeder Serpentine vom Ende des Weges am Meer und erzwungenem Rückweg sprach. “Denk positiv! Der Weg ist das Ziel” war meine Antwort. Doch Rita hatte Recht. Der Pfad endete abrupt an einem massiv vergitterten steinernen Tor. Die Steilwand machte es unumgehbar, Stacheldraht ließ ein Überklettern nicht zu. Wir waren nicht die Ersten, die an dieser Barriere gescheitert waren. “Stronzi” und “Ladri” waren die harmlosesten Beschimpfungen, mit denen sich wutentbrannte Wanderer verewigt hatten. Wir schlossen uns den guten Wünschen unserer Vorgänger an. Schadenfroh sahen wir, dass das massive Vorhängeschloss mit feinem Sand und Holzstückchen dicht gefüllt worden war. Für den Wegedieb eine harte Nuss. Auch er muss draußen bleiben. Die Rache war süß, der Rückweg bitter und schweißtreibend. Gegen Mittag waren wir wieder in Fontanelle.
Um unser Tagesziel zu erreichen, fuhren wir mit dem Bus bis S. Agata und wanderten von dort an Torca vorbei durch endlose Olivenhaine hinunter zur Marina die Crapolla und stießen kurz davor auf den gesuchten Wanderweg zur Spitze der Halbinsel von Sorrent. Unsere freudige Erleichterung währte nicht lange. Der Weg wird nur von wenigen Wanderern begangen, wurde zum schmalen Pfad und dann zur Spur, die sich öfters im hohen Gras, Gebüsch und Steingewirr verlor.
So kämpften wir uns zwei Stunden den Steilhang entlang, die idyllische Insel Scoglio Isca mit den Segelyachten und Touristenbooten sehnsüchtig im Blick. Dann sahen wir den alten Wachturm und die Bucht von Recommone. Scheinbar zum Greifen nah. Jetzt ging es bergab. Und wie! Große Steinbrocken, rutschiger Sand und die schweren Rucksäcke brachten uns an unsere Grenzen. Verschwitzt, von Staub, Gras und Erde verdreckt, von Dornen zerkratzt wankten wir zur Bucht.
Mit dem Auto nur schwer erreichbar, ist die Bucht ein Tummelplatz für Yachties. Die Yachteigner geben sich in Begleitung magersüchtiger, hochhackiger Models ein Stelldichein im Ristorante La Conca del Sogno. Den Blicken des Personals war zu entnehmen, dass unser Zustand und Aufzug nicht so recht ins Lokal passten. Nach einem vornehmen Cola mit Eis und Orangensaft, teurer als frisch gepresst, zogen wir weiter. Nach einer Viertelstunde kamen wir in Marina di Cantone an.
Das hat noch seinen Charme als Fischernest bewahrt. Am Strand liegen kleine bunte Fischerboote, Fischreusen türmen sich, die Alten sitzen im Schatten und betrachten das Treiben der Touristen. Wir fragten sie nach einer günstigen Unterkunft. Sie rieten uns, es beim Hotel La Certosa zu versuchen. Als wir den steinalten Bau sahen, waren wir erschreckt. In so einem Trümmer die letzten Tage verbringen? Doch die Lage war genial. Direkt am Kiesstrand mit Blick auf das glasklare, blau schimmernde Meer.
Natürlich wollten wir das Zimmer zuvor ansehen. Der Mann an der Rezeption gab uns den Schlüssel und erklärte kurz den Weg. Der führte über eine wenig vertrauenerweckende Außentreppe hinauf in den zweiten Stock. Dort standen wir im stockfinsteren Korridor, fanden keinen Lichtschalter und tasteten uns den Wänden entlang von Zimmertür zu Zimmertür. Der Schlüssel passte, die Tür schwang auf und wir standen im schönsten Zimmer unserer Reise. Herrschaftlich groß und hoch, der Boden blau gekachelt, mit einem riesigen Fenster, das sich zum barocken Balkon hin öffnete und den Blick auf Meer und Bucht freigab. Wir beschlossen, zu unserer Belohnung und als krönenden Abschluss der Wanderung hier für zwei Tage zu bleiben.
Als auch das Essen am Abend ganz vorzüglich war, schlüpften wir zufrieden in das breite Bett mit der leichten Daunendecke und waren mit uns und der Welt in Einklang.
Mittwoch, 7. Mai 2006
Der Monte Comune lag frühmorgens in strahlendem Sonnenschein. Immer den Grat entlang nach oben, Schweiß auf der Stirn, tief unten das blaue Meer, die Abkühlung in Sicht und doch unerreichbar fern. Unser Wasservorrat war längst verbraucht, als wir nachmittags nach vielem auf und ab die Autostraße nach Fontanelle erreichten. Aus einer Bar, die ihre beste Zeit längst hinter sich hatte, winkte uns freundlich ein altes Mütterchen. In die Bar kamen wir nicht. Der Haushund war nicht zu bändigen. Im Garten tranken wir eiskalte Cola Luxus, 2,50 € die Dose, die uns durch den Türspalt gereicht wurde. Die Lust zum Weiterwandern hatte sich im schattigen Grün verflüchtigt und schläfriger Entspannung Platz gemacht. Die Unterkunft dazu mussten wir noch finden. Kurz zuvor hatten wir den Antico Parco del Principe passiert, in dem auch ein kitschiges Schloss des ehemaligen Besitzers Prinz Edoardo Colonna Doria del Carretto (1855) steht. Heute gehört es zu einer mondänen Hotelanlage, die nicht so recht zu unserem Budget passte. Gegenüber der Bar, direkt an der Durchgangsstraße, lockte ein Schild mit Bed&Breakfast. Wir glaubten, es besser zu wissen und liefen weiter nach Fontanelle, dessen Ortskern immerhin eine Kirche, eine Schule, überquellende Müllcontainer, eine Bar, einen Supermarkt und eine neu anlegte schicke Piazza mit Sicht auf Piano di Sorrento zu bieten hatte. Zimmer gab es hier keine, der Supermarkt war Mittwochnachmittag geschlossen.
In der Bar, das Eis war vorzüglich, erhielten wir den Tipp, es beim nahe gelegenen Agriturismo Piccolo Paradiso zu versuchen. Ziemlich erschöpft erreichten wir den Bauernhof mit seinem viel versprechenden Namen. Der Besitzer hatte gleich erkannt, was uns fehlte. Er servierte uns eine Flasche vom eigenen Weißwein. Die hatten wir in nullkommanichts geleert. Nach dem Duschen und obligatorischen Wäschewaschen schritten wir zum Abendessen, erwiesen uns als trinkfest und leerten eine weitere Flasche des spritzigen Weißen.
Dienstag, 6. Mai 2008
Wir setzten unsere Wanderung von Agerola aus fort. “Via degli dei”, Götterweg, wird die Strecke bis Positano genannt und macht ihrem Namen alle Ehre. An den Steilwänden der Felsküste entlang schlängelt sich der Weg von einer spektakulären Aussicht zur anderen. Nach drei Stunden gemütlicher Wanderung mit Pausen erreichten wir Nocelle. Bis hierher waren wir im Dezember vergangenen Jahres von Moiana aus gelaufen. Diesen Weg gingen wir heute wieder. Allerdings in umgekehrter Richtung und mit schwerem Gepäck. Jetzt waren gut 500 Höhenmeter, überwiegend Treppen, zu bewältigen. Das gefühlte Gewicht der Rucksäcke stieg mit jeder Stufe. Nach drei Stunden waren wir oben in S. Maria di Castello. Fix und fertig. Wir folgten dem Glück versprechenden Schild Agriturismo La Ginestra, wurden freundlich aufgenommen, duschten, wuschen Wäsche, bewunderten den Sonnenuntergang hinter Ischia und Procida, aßen am Abend viel zu viel Gnocchi und schliefen unruhig mit vollem Magen.
Montag, 05. Mai 2008
Ritas Heuschnupfen hat sich in der letzten Woche mit einem wüsten Husten verbündet, was sie tapfer zu ignorieren sucht, sich aber nicht ignorieren lässt. Wir beschließen, noch einen Tag in Atrani zu bleiben. Badewetter! Wir fletzen uns in Amalfi an den Strand. Das Wasser ist herrlich frisch. Während ich ausgiebig plansche, hütet Rita in der Sonne ihren Husten.
Sonntag, 4. Mai 2008
Wandertag von Bomerano (Agerola) über S. Lazzaro nach Amalfi. Für die Anfahrt gönnten wir uns den Bus ab Amalfi. Der quälte sich hupend in schier unendlichen Kehren die Steilküste hinauf und setzte uns auf der Hochfläche von Agerola ab. Mit uns im Bus war eine große Gruppe deutscher Wanderer. Die liefen zu unserer Erleichterung in Richtung Positano. Den Weg in die entgegengesetzte Richtung hatten wir für uns allein. Und weil ich einen vermeintlich besonders schönen Weg auf der Karte ausgesucht hatte, blieben wir das auch lange Zeit. Die Wegzeichen waren alt, verwittert oder fehlten ganz, der Pfad an manchen Stellen von Gras und Gebüsch überwachsen und kaum sichtbar. Auf der Höhe über S. Lazzaro stießen wir, ohne es zu wissen, auf den Hauptwanderweg. Bei Wald- und Wegearbeiten waren alle Zeichen und Hinweise vernichtet worden. Auf gut Glück liefen wir weiter in die Berge hinein ins Valle delle Ferriere, dem Tal der Eisenhütten. Das ist wildromantisch, von senkrechten Felswänden umschlossen. Quellen und Bächlein speisen ein Wildwasser, an dem in grauer Vorzeit eine Eisenhütte lag und später viele Papiermühlen gebaut wurden. Heute liegt alles in Trümmern, wurde von der Natur zurück erobert, von Bäumen überwachsen. Zitronengärten zeigten nach fünf Stunden an, dass wir uns wieder Amalfi genähert hatten. Ein bequemer Weg führte hinunter in die Stadt, herrliches Zitroneneis verschaffte uns Kühlung und frischer Weißwein begleitete uns in die Nacht.
Samstag, 3. Mai 2008
Wenn das nasale Gequake der amerikanischen Highschoolgirls nicht gewesen wäre, hätten wir uns wie im Dorf gefühlt. Doch die italienischen Gigolos waren an Strand und Bar in Höchstform aufgelaufen, um laute, blondierte Texanerinnen freudig zu erregen. Wir erfreuten uns still am Nichtstun.
Freitag, 2. Mai 2008
Nach dem Frühstück liefen wir ums Eck nach Amalfi, Zeitung kaufen. Die gibt´s hier tagesaktuell. Auf der Küstenstraße staute sich der Verkehr, statt Vogelgezwitscher das Pfeifen der Verkehrspolizisten, untermalt vom Knarzen der Sprechfunkgeräte und dem Hupen der entnervt im Stau stehenden Autofahrer. Wie muss es hier im Sommer sein!
An Atrani rauscht der Wahnsinn vorbei. Der kleinste Ort Italiens, so ein Hinweisschild an der Straße, hat keine Parkplätze und nur wenige Besucher. Abends wird die Piazza zum Wohnzimmer. Am Brunnen, aus dem herrlich frisches Quellwasser sprudelt, spielen die Kinder, in zwei Bars sitzen Einheimische und Gäste in trautem Miteinander. Ein Alimentari, zwei Läden mit Allerlei, eine Stehpizzeria und eine Trattoria beschließen das Ensemble und bieten alles, was gebraucht wird. Wer’s ganz romantisch will, speist in der Pizzeria auf der Hafenmole, wer mehr Geld hat, im Fischrestaurant auf dem Fußweg nach Amalfi. Wir hatten der schönen Lage wegen dort Platz genommen und zum Entsetzen des Besitzers erklärt, dass wir keinen Fisch, sondern Vegetarisches wollen. Die Küche war damit überfordert, unser Geldbeutel auch. Anderen Gästen, die Berge von Muscheln, grätige Fischlein und grausige Langusten verdrückten, scheint es gemundet zu haben.
Donnerstag, 1. Mai 2008
1. Mai in Ravello, statt auf der DGB-Demo in Heilbronn. Durchaus ein Unterschied - vom Publikum wie von der Umgebung. Um dahin zu kommen, mussten wir ausdauernd Treppen steigen. 362 m über dem Meer, mit herrlichem Ausblick auf die Berge, die darunter liegende Felsenküste und ihre kleinen, in die Senkrechte gebauten Orte, war Ravello schon zu Zeiten der Römer ein Ort der High Society. Heute bieten drei Fünf-Sterne-Hotels in Reihe den geplagten Reichen und Schönen Entspannung. Einer der schönsten und doch ruhigsten Plätze in Ravello, den öffentliche Garten Belvedere, fanden wir verschlossen. Er liegt zwischen den Edel-Hotels und bietet den weniger Betuchten den gleichen Ausblick. Heute, am 1. Mai, nicht. Kein Platz fürs Volk.
Wir fanden einen anderen, ebenfalls klein und abgelegen, saßen unter Palmen, genossen Sonne, Licht, Luft und teuren Cafè. Gegen Mittag hatte die Ausflüglerwelle Ravello erreicht und uns zum Weiterwandern über Scala nach Pontone getrieben. Nur wenige Touristen, meist Wanderer, verirren sich hierher. Die Lage des Ortes ist grandios, der Ausblick auf Amalfi postkartenreif. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff lag vor dem Hafen und bootete seine Gäste aus. Gut, dass wir weit weg waren.
Amalfi und Atrani sind durch einen steilen Felsrücken getrennt. Auf ihm liegen die Reste einer mittelalterlichen Befestigungsanlage. Wir hofften, von dort einen Weg hinunter nach Atrani zu finden und wanderten über steile Treppen, schmale Pfade an schwindelerregenden Abhängen bis zum Torre dello Zio. Einen Weg hinunter fanden wir nicht. Das Angebot eines Arbeitstrupps, uns abzuseilen, lehnten wir dankend ab. Die Männer arbeiten, frei am Seil hängend, an der Befestigung der Felswände mittels Stahlnetzen. Eine gefährliche und schwere Arbeit. Respekt!
Wir entschieden uns für die sichere Variante, wanderten zurück nach Pontone und von dort auf alten Treppenwegen hinunter nach Atrani.
Mittwoch, 30. April 2008
Atrani? Wer kennt schon Atrani! Die kleine Schwester von Amalfi liegt zehn Minuten zu Fuß im Taleinschnitt nebenan, ist wegen fehlender Parkplätze nicht touristisch überlaufen, nicht mondän, nicht ganz so teuer, aber ebenso schön - eher ein Treffpunkt der internationalen Jugend. Das ist größtenteils dem Scalinetta Hostel und seiner perfekten Organisation geschuldet. Die Unterkünfte sind über den ganzen Ort verteilt, reichen vom Ferienappartement, Zimmer mit Bad bis zum Schlafsaal, nur das Frühstück ist für alle gemeinsam an der kleinen Piazza.
Vergangenen Freitag war in Italien Feiertag, morgen wieder, der 1. Mai. Das haben viele italienische Familien für einen Urlaub genutzt. Unterkünfte, zumal bezahlbare, waren nur schwer zu finden. In Amalfi überhaupt nicht. Im Internet fanden wir A’Scalinetta Hostel, reservierten von Salerno aus, bekamen umgehend die Bestätigung und reisten mit einem proppevollen Linienbus an. Der hielt auf der steinernen Brücke, die halb über und halb durch den Ort führt, in den Brückenbögen Wohnungen und Durchgänge birgt und wie ein Schutzwall die Piazza von Strand und Meer trennt. Über Treppen stiegen wir hinab zur Piazza und wurden gleich von Luigi aus der Bar freundlich abgefangen und zum Cafè eingeladen. Eine vorausschauende Maßnahme, die ihm für die Zeit des Aufenthalts eine feste Kundschaft sichert - auch uns.
Dienstag, 29. April 2008
Im Garten der Minerva spürten wir der alten medizinischen Schule und den Lebenssäften nach. In den 20er Jahren des 14. Jahrhunderts lebte dort Matteo Silvatico, Professor an der “Scuola Medica Salernitana”, der berühmten Medizinischen Universität. Er schuf diesen Heilkräutergarten, den Vorgänger aller botanischen Gärten in Europa. Sein Hauptwerk heißt “Opus Pandectarum Medicinae” und ist ein Lexikon von 487 pflanzlichen, 157 mineralischen und 77 tierischen Heilmitteln. 1317 wurde es vollendet.
Der Therapieansatz sowie die Studien der medizinischen Botanik im mittelalterlichen Salerno gründen sich auf die “Lehre von den 4 Körpersäften”, die ihrerseits auf der antiken “Lehre von den 4 Elementen” fußt. Danach wird der menschliche Körper bestimmt von vier Körpersäften, und jedes Ungleichgewicht in deren Zusammensetzung führt zu Pathologien. Die Krankheit, die als das Überwiegen eines Saftes verstanden wird, muss mit einem Wirkstoff angegangen werden, dessen Eigenschaften im Gegensatz zu denen des im Überfluss vorhandenen Körpersaftes stehen.
Der Garten ist terrassenförmig auf drei Ebenen angelegt und wird von einem perfekten Bewässerungssystem durchzogen. Auf der ersten Ebene wurde nach der Restaurierung im Jahr 2000 der Heilkräutergarten so angelegt, dass die dahinter stehende Lehre sinnfällig wird. Die Pflanzen stehen ihren Wirkstoffen entsprechend auf einer kreisförmigen Fläche, die von Wegen in vier Tortenstücke geteilt wird. Zu allen Kräutern geben Tafeln ihren alten lateinischen, arabischen und griechischen Namen an, die vorgesehene Verwendung und Wirkung wird beschrieben und der modernen Klassifikation gegenübergestellt. Rita konnte sich nicht satt sehen, ich wollte den mediterranen Garten als Ganzes, vorzugsweise im Sitzen, auf mich wirken lassen. Doch fürs Fernsehen wurde gerade ein Film gedreht. Kameramann und Sprecher blockierten dauerhaft den schönsten Brunnenplatz.
Wir verließen den wunderschönen Garten, schlenderten auf verwinkelten Wegen durch die Altstadt hinunter zum archäologischen Museum. Die tollsten Fundstücke aus der Steinzeit bis ins Mittelalter werden dort in alter, verstaubter Museumstradition lieblos und wenig informativ präsentiert. Soweit den Exponaten Informationstafeln beigefügt sind, was kaum der Fall ist, fehlen die Zeitangaben. Schade.
Salerno schien uns, im Gegensatz zu Neapel, eine bestens organisierte Stadt zu sein. Weil wenig touristisch, ist das Preisniveau erfreulich normal. Ein idealer Ausgangspunkt, um die Amalfiküste, Pompeji und Paestum zu erkunden. Die Bus- und Zugverbindungen sind optimal, die Stadt selbst eine Reisepause wert.
Kommentar schreiben Am 20.07.08, 16:55 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Montag, 28. April 2008
Salerno ist eine moderne Stadt in schöner Lage am gleichnamigen Golf, hat einen kleinen feinen historischen Stadtkern und uns als Gäste. Unsere Unterkunft war mal wieder ein Convent. Diesmal ohne Schwestern. Jetzt ist es eine sehr gefragte schicke Jugendherberge. Die telefonische Reservierung war ergebnislos gewesen. Alles belegt. Wir sind trotzdem hingelaufen und haben, weil alle Doppelzimmer belegt waren, ein Vierbettzimmer zugewiesen bekommen. Kaum hatten wir unsere Betten bezogen kam die Nachricht, dass ein Doppelzimmer mit Dusche und WC frei geworden war. Mensch muss warten können.
Salerno ist schöner als erwartet - viel schöner. Wir schlenderten durch die Stadt, besichtigten den Dom, der auf Geheiß des Normannen Robert il Guiscard zwischen 1076 und 1085 erbaut wurde. Eine schöne Kirche mit herrlichen Mosaiken und viel islamischer Architektur. Die wurde im Barock grässlich überbaut, bei der letzten Restaurierung aber behutsam freigelegt. Das ist schön anzuschauen. Im Dom liegt Papst Gregor VII begraben. Er hatte 1077 den Deutschen Kaiser Heinrich IV. zum Busgang nach Canossa genötigt. Doch der Kampf zwischen weltlicher und kirchlicher Macht ging weiter. Heinrich belagerte Rom und konnte es 1084 einnehmen. Er ernannte einen Gegenpapst, Clemens III, und ließ sich von ihm in Rom zum Kaiser krönen. Gregor verschanzte sich in der Engelsburg, wurde aber durch die Normannen befreit, verließ schließlich Rom mit kleinem Gefolge und zog sich nach Salerno zurück. Dort starb er am 25. Mai 1085. 1606 wurde er von der katholischen Kirche heilig gesprochen. Entsprechend dekoriert ist sein Grab. In der Krypta liegt auch der Apostel Matthäus begraben.
Sonntag, 27. April 2008
Den Tag haben wir in Agropoli verbummelt.
Samstag, 26. April 2008
Letzten Mittwoch hatten wir Castellabate nur von unten gesehen, jetzt fuhren wir mit dem Bus zurück, um Versäumtes nachzuholen. Von Santa Maria windet sich die Straße in Serpentinen hinauf zur Stadt, die sich hinter dem Kastell, vom Meer her kaum sichtbar, an den Berggipfel schmiegt. Die Altstadt mit ihren Gässchen, Treppen, Durchgängen und aneinander gebauten Häusern wirkt gepflegt und belebt. Im Sommer drängeln sich hier Touristen. Heute waren wir für uns - fast. Für unsere Mittagspause hatten wir eine kleine Piazza mit Bänken, auf der Rentner in der Sonne saßen, ausgesucht. Da waren leider auch einige Jüngere, die sich ausgiebig in die Haare bekamen und ihren Zwist lautstark austrugen. Weil die Mittagspause in Italien heilig ist, ab 13 Uhr überall die Rollläden herunter gelassen werden und die Familien sich am Mittagstisch versammeln, hofften wir auf ein baldiges Ende. Das ließ zwar länger als gewohnt auf sich warten, wir saßen es aber nervenstark aus und hatten um 13:15 Uhr den Platz für uns.
Den Rückweg nach Santa Maria habe ich versehentlich zu einer Wanderung nach S. Marco werden lassen. Ich glaubte eine Abkürzung gefunden zu haben. Die erwies sich als Sackgasse und mein Ausweg stellte sich als Straße nach S. Marco heraus. Rita trug’s mit Fassung. Als wir an der Bushaltestelle noch eine Top-Gelateria fanden, war der Irrweg fast verziehen. Der Bus trug uns zuverlässig nach Agropoli zurück.
Der Internetpoint in der Neustadt wird von einem netten Afrikaner locker lässig geführt. Hier gibt’s nicht nur Verbindung in die Welt, sondern auch fair gehandelte Produkte und afrikanische Kunst. Sein Töchterchen fand uns sehr nett, weil wir aus dem Land kommen das “Tokio Hotel”, ihre Lieblingsband, auf die Welt losgelassen hat.
Freitag, 25. April 2008
Feiertag in Italien, dazu schönes Wetter. Alle sind auf den Beinen bzw. mit dem Auto unterwegs, wir mit dem Bus nach Paestum, Tempel schauen. Die antike Stadt liegt am Rand der Sele-Ebene, 10 km von Agropoli entfernt. Eine 5 km lange Stadtmauer umschließt das alte Paestum fast vollständig. Im 7. Jh.v.u.Z. gegründet, wurde die Stadt im Mittelalter verlassen, und die Ruinen gerieten in Vergessenheit, bis sie im 18. Jahrhundert wiederentdeckt wurden.
Berühmt sind die drei dorischen Tempel. Wir waren so früh unterwegs, dass wir sie fast für uns allein hatten. In der Morgensonne, umgeben vom satten Grün der Wiesen, den lila und weiß blühenden Bäumen, überwölbt von blauem Himmel, leuchteten sie in warmem Gelb und beeindruckten uns mit ihren harmonischen Proportionen. Ein schöner Morgen.
Nach einer Kaffeepause gaben wir uns noch das Museum. Dann hatte die Antike uns erschöpft. Der Besucherstrom war kontinuierlich angewachsen. Weil unser Bus erst um 17 Uhr fuhr, verlegten wir uns auf die Betrachtung der Besucher. Überwiegend Italiener, aber auch deutsche Reisegruppen, die von ihren Reiseleitern fachkundig mit Hintergrundwissen zugeschüttet wurden.
Wir begnügten uns mit unserem Halbwissen und all den Eindrücken, die wir von den antiken griechischen Städten in Sizilien in uns tragen.
Donnerstag, 24. April 2008
Der letzte Wandertag an der Cilento-Küste war ein Highlight. Von S. Maria di Castellabate nach Agropoli auf Feldwegen und schmalen Pfaden, durch Macchia-Wald mit blühendem Ginster und immer wieder herrlichen Ausblicken auf die Küste und das Meer. Wir kamen durch ein verlassenes Dorf, S.Giovanni, mit Kirche, Herrenhaus und Freitreppe, die Ruinen fast zugewachsen, märchenhaft, verwunschen.
Am frühen Nachmittag sahen wir Agropoli unter uns liegen. Hier endet der Nationalpark des Cilento. Wie zur Bekräftigung flatterten rotweise Absperrbänder im Wind, und Schilder wiesen darauf hin, dass hier illegal Giftmüll abgelagert wurde. Wir gingen zügig weiter, vorbei am alten Kloster S. Francesco, bis zum Hafen von Agropoli. Darüber liegt, mal wieder hoch auf einer Felsnase, die Altstadt mit Burg. Weil die so schön in der Sonne lag, erklommen wir auch diesen Berg, fanden ein Lokal mit toller Aussicht in den Hafen und bekamen trotz der fortgeschrittenen Zeit noch feine Pasta und kühlen Weißwein.
Sicherheitshalber hatten wir telefonisch in der Jugendherberge reserviert. Die war nicht auf diesem Berg, sondern in der Neustadt, noch lange den Lungomare entlang. Eine Juhe von der rustikalen Sorte. Für uns gab’s noch ein Doppelzimmer. Dusche und WC waren Gemeinschaftsanlagen. Ivo, der Herbergsvater, gestattete uns, die Waschmaschine zu nutzen. Aufhängen konnten wir die Wäsche nicht. Er hatte im Garten Gras und Baumschnitt angezündet und das Haus in dichten Rauch gehüllt.
Kommentar schreiben Am 17.05.08, 16:51 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Mittwoch, 23. April 2008
Ein herrlicher Wandertag führte uns der Küste entlang zur Punta Licosa und von dort nach S. Marco di Castellabate. Meist im Schatten hoher Schirmpinien mäandert der Pfad an der felsigen Küste entlang. Nur wenige schmale Buchten bieten Zugang zum Meer. Fischer haben hier ihre Ruderboote liegen. Nur mit diesen Nussschalen darf gefischt werden. Das Meer ist Schutzgebiet. Die Boote werden mit selbstgebauten Winden auf Holzklötzen aus dem Meer gezogen und an Land in Sicherheit gebracht. Wo Boote liegen ist auch Dreck. Die Fischer haben’s nicht so mit dem Umweltschutz. Kaputte Styroporkisten, gerissene Netze, PET-Flaschen - schwupps - alles fliegt in den schönen Pinienwald.
Wieder einmal hatte sich uns ein Hund angeschlossen, trabte voraus, ruhte, wenn wir Pause machten. Ein kluger Kerl mit gewöhnungsbedürftigen Angewohnheiten. Eine tote Schlange beschnüffelte er ausgiebig und wälzte sich dann auf dem schon streng riechenden Gewürm. Er verließ uns auch nicht, als wir Stunden später in S. Marco ankamen. Rüde verjagen wollten wir ihn nicht. Als er im Hafen von den vielen Gerüchen und Geräuschen abgelenkt war, verschwanden wir in einer Seitengasse, wechselten die Richtung und warteten im Sichtschutz einer Tribüne vor der Kirche auf sein Auftauchen. Das ließ nicht lange auf sich warten. Suchend lief er die Hauptstraße weiter, kehrte um, blickte in unsere Richtung, zögerte, der Wind stand für uns günstig, wir waren nicht zu wittern, und lief wieder in Richtung Hafen zurück.
Erleichtert gingen wir einkaufen und vesperten auf dem Kirchplatz. Wir waren gerade am Zusammenpacken, als das Hundchen aus entgegengesetzter Richtung die Straße entlang kam. Schlau hatte er seine Suche systematisiert. Unser Glück war, dass um uns noch viele Leute standen und wir die Rucksäcke noch nicht geschultert hatten. Er erkannte uns nicht, lief vorbei, prüfte nochmals die Hauptstraße hinauf und hinunter und verschwand dann wieder Richtung Hafen. Wir nutzten das zur Fortsetzung der Flucht, eilten durch die Stadt bis zum Strand und folgten diesem bis Santa Maria di Castellabate. Wie S. Marco zuvor, ein hübsches Hafenstädtchen. Weil es noch früher Nachmittag war entschieden wir uns, den kilometerlangen Strand bis zum Ende der Bucht zu gehen. Mit schwerem Gepäck in tiefem Sand ist das kein Strandurlaub. Zornige Blicke und wütende Stockhiebe in den Sand waren Ritas Kommentar. Als sich die Siedlung am Ende der Bucht als wenig einladend und das gewählte Hotel als geschlossen erwies, war die Stimmung im Keller.
Schließlich fanden wir ein Hotel, das einzige, das geöffnet hatte, bezogen ein akzeptables Zimmer mit Balkon, wuschen Socken und Hemden und gingen einkaufen. Doch es war Mittwochnachmittag. Die Läden waren geschlossen. Grimmig stapften wir der Straße entlang weiter in Richtung Santa Maria. Unsere Ausdauer wurde belohnt. Wir fanden einen Laden, sogar mit gutem Angebot, und sicherten uns ein Abendessen mit Weißwein auf unserem Balkon.
Dienstag, 22. April 2008
Die Wettervorhersage war denkbar schlecht. Nachts hatte es auch heftig geregnet. Nach dem Frühstück schulterten wir unter blauem Himmel unsere Rucksäcke. Ziel war Ogliastro Marina, das wir um 14 Uhr erreichten. 15 km, überwiegend Straße, waren genug.
Das Innenleder meiner Schuhe ist an den Fersen durchgelaufen und gerissen. Um Blasen zu vermeiden, muss ich meine Fersen mit Leukoplastband abkleben. Das Laufen auf dem Asphalt dankt mein linkes Knie mit altbekanntem Schmerz und zunehmender Versteifung. Mit abendlicher Gymnastik bekomme ich das noch in Griff.
Ogliastro Marina ist Idylle pur. Der Ort schien ausgestorben und wir fürchteten, keine Unterkunft zu bekommen. Auf nachdrückliches Klingeln bei der Pension Cefalo wurde uns aufgetan. Wir bekamen ein Zimmer, aber nichts zu Essen. Kein Laden , keine geöffnete Bar - nichts! Mit knurrendem Magen warteten wir bis kurz nach 20 Uhr. Von unserem Zimmer aus konnten wir die viel versprechenden Lichter des Ristorante Carmine am anderen Ende der kleinen Bucht sehen. Dahin machten wir uns auf. “Ehrliche Fischküche zu fairen Preisen und überraschend gute Paste” versprach der Cilento-Aktiv-Reiseführer. Die Sepia-Pasta war tatsächlich gut. Dann wurde es mittelmäßig und nervig. Für eine Gruppe belgischer Touristen wurde mit Mandoline und Gitarre der Sonnenuntergang bei Capri und Ähnliches geklampft. Nach fortgeschrittenem Weinkonsum intonierten die Belgier in Deutsch mit französischem Slang “Trink, trink, Brüderlein trink”, und wir gingen nach Hause.
Kommentar schreiben Am 17.05.08, 16:48 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Montag, 21. April 2008
Acciaroli hatten wir uns größer und mondän vorgestellt. Ernest Hemingway war hier Gast, im lebendigen Fischerhafen liegen dicke Yachten, das Wasser ist glasklar, der Strand feinsandig, lang und schön. Trotz allem - der Ort ist klein, es gibt nur wenige Hotels und noch weniger Discos, Edelläden. Kein Halli Galli. Sehr angenehm.
Morgens war der Himmel bedeckt gewesen. Nachdem wir die Wanderklamotten gewaschen und zum Trocknen aufgehängt hatten, begann es zu regnen. Klasse! Doch am späten Nachmittag hat sich die Sonne durchgesetzt, nahm sich unserer Wäsche an, und wir konnten uns einen langen Strandspaziergang gönnen. Den Sonnenuntergang betrachteten wir bei Weißwein von unserer Terrasse aus. Das war so entspannend, dass für den Internetpoint keine Zeit mehr blieb.
Sonntag, 20. April 2008
Große Tour mit schwerem Gepäck weg von der Küste in die Berge nach Celso, Pòllica, Cannicchio und wieder ans Meer nach Acciaroli. Um 10 Uhr waren wir aufgebrochen, um 18 Uhr angekommen. Es begann entspannend: Der Hafen von Marina di Casal Velino ist klein, mit bunten Booten, der Ort hübsch mit schönem Sandstrand. Der wenig befahrenen Küstenstraße entlang gingen wir weiter bis Pioppi. Verschlafen lag der Ort in der Sonne, auf der Piazza spielten die Alten Karten. Wir kauften etwas Proviant und Wasser, suchten und fanden den Weg in die Berge. Endlich wieder ein richtiger Wanderweg. Den Torrente delle Mortelle, ein enges Flusstal, entlang ging es in die Berge. Mehrmals mussten wir den munter sprudelnden Bach auf Trittsteinen überqueren. Dabei haben wir ein Wegzeichen übersehen und sind mit Schwung falsch gelaufen. Nachdem geraume Zeit kein Wegzeichen mehr auftauchte und der Pfad sich in falscher Richtung den Berg hinauf schlängelte, kehrten wir um, suchten und fanden die weitgehend zugewachsene Abzweigung zu unserem Wanderweg. Hier war schon lange niemand mehr gegangen. Wildromantisch ging es steil durch dichten Wald und Macchiagestrüpp bergauf zum mittelalterlichen Bergnest Celso. Unsere zweieinhalb Liter Wasservorrat waren längst verbraucht, als wir den Ort erreichten. Auf der Piazza saßen zwei Alte in der Sonne. Einer döste, der Zweite schlief. Sein Schnarchen hallte von den Hauswänden wieder und belebte den ansonsten still, wie ausgestorben da liegenden kleinen Ort.
Unser Erscheinen war eine willkommene Abwechslung. Nach dem üblichen Woher und Wohin erzählte der Eine, dass er lange Jahre in Deutschland gearbeitet hat und hier nun seine Rente genießt. Er wies uns den Weg zu einer Wasserzapfstelle. Dort fanden wir sogar eine geöffnete Bar. Davor hielt der nächste Alte seinen Mittagsschlaf. Wir ließen uns eiskalte Cola schmecken, füllten unsere Wasserflaschen und verließen das schlafende Celso auf einem alten Verbindungsweg zum Franziskanerkloster und dem Hauptort Pollica. Der Covent ist heute ein Hotel, vor dem eine große Statue des Heiligen Franziskus steht. In der Klosterkapelle, die ihrer alten Bestimmung treu geblieben war, stifteten wir ihm, auf dessen Spuren wir lange gewandert waren, eine Kerze.
Blauer Himmel war über uns, die Wolken unter uns. Nur die Berge, auf denen sich die Häuser der Orte drängeln, waren klar zu sehen. Das Meer, fern und tief unten, hatte sich verschleiert. Über Treppen ging es vom Kloster hinunter in die alte Stadt Pollica. Ein Schild B&B versprach für heute das Ende der Wanderung, doch auf unser Läuten kam niemand. Wir mussten weiter. Eine Tafel wies uns den Weg aus der Stadt, dann war es mit den Hinweisen vorbei. Viele Wege führten durch die steilen Terrassengärten weiter nach unten. Keiner trug eine Kennzeichnung. Zum Glück lag unser nächster Zielort, Cannicchio, gut sichtbar auf einem Bergrücken. Wir fanden einen Weg dorthin und stiegen auf einem Treppenweg, der Hauptstraße war, hinunter durch den Ort. Der ist nur wenige Häuser breit und wirkt wie auf den schmalen Bergrücken aufgeklebt. Wir kamen uns vor wie in einem Museum. Läden und Türen waren verschlossen, aber alles sehr gepflegt. Unerwartet fanden wir einen kleinen Platz, auf dem ein Springbrunnen plätscherte. Vor der Kirche saß ein alter Padre der Franziskaner in der Sonne, nickte uns freundlich zu. “Bravi!”, lobte er uns, wohl im Hinblick auf den Heiligen Franziskus, der ein großer Wanderer war.
Am Ortsende sahen wir 200 m tiefer schemenhaft unser Tagesziel Acciaroli liegen. Eine Stunde später standen auch wir im Nebel. Es war höchste Zeit, eine Unterkunft zu finden. Im Hotel Stella Marina bekamen wir budgetmordend ein schönes Zimmer mit riesigem Balkon zum Meer.
Samstag, 19. April 2008
Straßenwandertag der Küste entlang bis Piana di VĂ©lia. Im Agritourismo La Fattoria fanden wir fürsorgliche Aufnahme nach einem anstrengenden Tag. 17 Kilometer hatten wir hinter uns gebracht. Landschaftlich sehr schön: Riesige Olivenbäume an den Steilhängen über dem Meer. Das Öl von Pisciotta ist berühmt und DOP-zertifiziert. Nur wenn die Straße talbedingt ins Inland führte wurde es trist. Dann tappten wir wortlos vor uns hin.
Ascea erwies sich als wenig prickelndes Bergnest. Nur die Mittagspause verbrachten wir dort. Eine Stunde später saßen wir auf der Mauer am Lungomare von Marina di Ascea. Links und rechts hässliche Strandbauten und Campingplätze, aus denen in Vorfreude auf kommende Gäste laute Discomusik schallte. Kein Ort für uns. Wir liefen weiter nach Piana di Velia. Auf einem Bergrücken liegt die Ausgrabungsstätte des antiken Velia. Die wollten wir uns am nächsten Tag anschauen. Wir fanden aber keine vernünftige Unterkunft, liefen weiter, bis uns das Schild der Agritourismo La Fattoria aufatmen ließ. Wir bekamen ein schönes Zimmer und abends ein feines Essen. Velia ließen wir unbesichtigt liegen.
Kommentar schreiben Am 17.05.08, 16:46 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Freitag, 18. April 2008
In der Nacht hat es wie aus Kübeln geschüttet. Solange wir in unseren warmen Schlafsäcken lagen, hat uns das nicht gekümmert. Als der Regen sich auch in den Morgen hinein nicht verabschieden wollte, nahmen wir es übel. Sehr übel, denn unser Freisitz war somit auch nicht brauchbar. Unseren CafĂ© mussten wir aus Platzgründen im Stehen trinken.
Gegen 10 Uhr gewährten die Regenwolken eine Pause, die wir zum Ausflug nach Pisciotta nutzten. Der Aufstieg brachte keinen Spaß, der Anblick von Pisciotta auch nicht. Unter Regenwolken ist das kein gastlicher Ort. Die engen, steilen Gassen des historischen Zentrums, Treppen an Treppen, waren nur von Katzen belebt. Und so roch es auch. Pisciotta gilt als eine der ursprünglichsten Städte des Cilento. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Zumindest in dieser Jahreszeit.
Leben war an der Durchgangsstraße und der Piazza. Dort fanden wir die Bar Germania, die ihrem Namen alle Ehre machte und die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu bieten hatte. Weil der Himmel wieder alle Schleusen öffnete, blieben wir eine Stunde in Germania, lasen Zeitung und hofften auf Besserung.
Nicht nur in Hinsicht auf das Wetter. Wir suchten für unser nächstes Ziel, Ascea, nach Wegen abseits der Straße. Das Büro der Touristeninfo in Pisciatta fanden wir geschlossen. Meine Hoffnung, auf der alten Bahnstrecke weiterzukommen, erwies sich als Illusion. Die Straße endete an einem verschlossenen Bahntunnel. Zur Entschädigung für die Enttäuschung verzogen sich die Wolken in die Berge, blauer Himmel wölbte sich über uns und dem Meer. Abends blinkte uns auf der Terrasse das erste Glühwürmchen in diesem Jahr .
Donnerstag, 17. April 2008
Am späten Nachmittag liefen wir in Marina die Pisciotta ein. Kein Mensch auf der Straße, alles wirkte verlassen. Der stillgelegte Bahnhof passte dazu. Die Bahn rauscht heute im Tunnel vorbei. Gut 2 km vor Pisciotta müssen Bahnreisende aussteigen, auf einen Bus hoffen oder, wie wir, zu Fuß gehen. Bis zum späten Nachmittag hatten wir uns in Palinuro umgesehen, nichts wirklich Bleibenswertes gefunden und waren in Erwartung eines munteren Städtchens weitergezogen. Weil Pisciotta 170 m weiter oben auf dem Berg lag, liefen wir erstmal Marina di Pisciotta an.
Der Weg bis dahin verläuft zu großen Teilen auf der alten Bahntrasse oberhalb des Hafens. Der ist geländebedingt nicht zu sehen. Beschilderung? Fehlanzeige. Kein Mensch auf der Straße. Auf gut Glück wählten wir einen Weg nach unten und landeten tatsächlich im Ort. Der besteht nur aus wenigen Häusern, einem Hotel, geschlossen, der Bar Il Capitano, geschlossen, einer weiteren Bar, geöffnet, einem Laden für Fischereibedarf, ein Alimentari, fast geöffnet, und zwei Restaurants, die erst abends auf Gäste warten.
Wir fragten eine ältere Frau nach Übernachtungsmöglichkeiten. “Schwierig, sehr schwierig, fragen Sie in der Bar”, antwortete sie uns. Dort trafen wir die männliche Stammbesatzung, die uns auch nicht helfen konnte und mit schadenfreudigem Lächeln, so kam es mir vor, zum Berg hinauf wies. “Oben, im Belvedere ist vielleicht Platz.” Zu unserem Glück kam eine Frau hinzu. Sie wusste von einem Appartamento, das zu mieten sei. Exklusiv die einzige Unterkunft um diese Zeit - und die bekamen wir. Schön war sie wirklich nicht, aber selten. Das Beste war der große Freisitz davor. Da saßen wir, bis die Sonne untergegangen war, tranken etwas Roten und vesperten frisch Eingekauftes.
Das hatten wir im einzigen Lebensmittelladen am Ort erstanden. Viele kaufen hier nicht ein. Wir fragten nach Brot. Der Besitzer zeigte auf eine Kiste voll davon. “Groß oder klein?” fragte er. Rita traf die Wahl. “Das ist von gestern”, meinte er. Wir nahmen eines von heute, das wie von vorgestern schmeckte. Auch die Wursttheke war rustikal. Ein großes Angebot von angeschimmelten Wurstwaren und Käse. Wir wählten nach Augenschein Prosciutto und Mailänder Salami. Unsere Bestellung wurde durch ständiges Rascheln und Kratzen über der Theke gestört. Schließlich wurde es auch dem Händler zu viel. Wütend stürmte er nach hinten, stieg einen Stock höher in den Holzverschlag über der Theke, vermutlich ein Lagerraum, und verscheuchte den Raschler. “Un gatto”, eine Katze, murmelte er bei seiner Rückkehr. Ich konnte mir eher eine katzengroße Ratte vorstellen.
Mittwoch, 16. April 2008
Wasch- und Planungstag. Wir sitzen auf dem Balkon am Meer, die Sonne scheint, frisch gewaschene Wanderklamotten schaukeln im Wind, und wir bereden, wie es nach unserer Rückkehr weitergehen kann.
Wir suchen Arbeit und Wohnung ab Juli 2008.
Arbeit: Rita würde am liebsten ihre Filzkunst weiter ausüben. Leider ist das eine brotlose Kunst. Eine sozialversicherungspflichtige Arbeit mit geregeltem Einkommen soll es sein, im Büro oder als Verkäuferin. Sie ist Fachkauffrau für Einkauf und Materialwirtschaft und ausgebildete Drogistin. Naturkostläden, Reformhäuser oder nach ökologischen und sozialen Prinzipien wirtschaftende Unternehmen sind ihre bevorzugten Adressaten. Das Filzen wird sie weiter nebenberuflich betreiben.
Mein Wunsch ist, soziale Projekte zu organisieren. Als gelernter Maschinenschlosser und Industriekaufmann bringe ich umfangreiche industrielle Erfahrung mit, als Niederlassungsleiter einer Transfergesellschaft konnte ich Programme zur Personalentwicklung und -vermittlung konzipieren und umsetzen.
Arbeit suchen wir im Großraum Heilbronn. Auch Ludwigsburg und Stuttgart kommen in Frage.
Wohnung: Eine 3-Zimmer Wohnung, vorzugsweise in Heilbronn oder im Stadtbahnbereich soll es sein. Gerne ein Altbau. Wünschenswert sind ein Balkon für die Kräuter und eine Garage oder ein Schuppen für Ritas Filzwerkstatt und Stand, dazu Platz für die Fahrräder.
Diesen Wunschzettel wollen wir Freunden und Bekannten weitergeben. Wer zu unserer Suche was weiß, gehört hat oder von jemandem weiß, der was weiß, den bitten wir um Nachricht.
Dienstag, 15. April 2008
Heute war Wandertag. Mit dem Bus fuhren wir nach Camerota, holten unsere lang und sehnsüchtig erwartete Post ab und machten uns auf den längst vorgesehenen Weg nach Palinura, dem nächsten größeren Ort an der Küste. Der Höhenweg war, große Überraschung, gut markiert und gepflegt. Eine leichte Wanderung durch uralte Olivenhaine, Almwiesen mit tollen Ausblicken, zuerst auf Marina di Camerota, später auf das Capo Palinuro mit seinen Traumbuchten. Der Weg endet an der SS 562. Auf ihr ging es dann freudlos weiter.
Zwei Flüsse, Mingardo und Lambro, und ein Stück Felsküste zwangen uns 3,5 km der Straße durch ödes Industriegebiet mit Werkstätten und Supermärkten zu folgen. In Palinuro angekommen mussten wir feststellen, dass der letzte Bus zurück nach Marina di Camerota um 16:20 Uhr gefahren war. Scheiße! Das bedeutete 15 km zu Fuß auf der Straße, das letzte Stück mit drei Tunnels, im Dunkeln. Düstere Aussichten.
Trampen ist in Italien keine Erfolg versprechende Fortbewegungsform. Das hatten wir öfters erfahren. Wenigstens die Chance wollten wir uns wahren. Links Arm und Daumen ausgestreckt, marschierten wir schnellen Schrittes der Straße entlang. Für den rechts verlaufenden wunderschönen Strand und die links aufragende Steilküste mit ihren vielen Grotten hatten wir kaum ein Auge. Nach eineinhalb Stunden und vielen unbeeindruckt vorbeirasenden Autos erreichten wir bei Sonnenuntergang den ersten Felsentunnel. Ein schwarzes Loch, unbeleuchtet wie alle. Ein letzter Versuch mit Autostopp. Geklappt. Ein nagelneuer Logan fuhr rechts ran. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Ein Mitarbeiter eines Feriendorfes hatte sich unser erbarmt. “Bis vor kurzem hatte ich selbst kein Auto und war auf einen Trip angewiesen. Das gebe ich jetzt weiter”, erklärte unser Retter und fuhr uns bis kurz vor unsere Casa. Vielen Dank!
Kommentar schreiben Am 17.05.08, 16:44 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Montag, 14. April 2008
Unsere erwartete Post haben sie noch nicht gefunden. Vielleicht morgen. Wenn wir schon keine Post bekommen, dann machen wir selbst welche. In einer weiteren Runde und fest auf Sommerwetter vertrauend, haben wir nochmals 5 kg Klamotten ausgesondert und als Paket nach Deutschland geschickt.
Aber auch das Verschicken von Paketen kann mit Umwegen verbunden sein. Wegen Renovierungsarbeiten hatte die Post in Marina di Camerota den Schalterbetrieb eingestellt. Unser Paket war von hier nicht zu verschicken. Mit dem Bus transportierte ich den großen Karton in das Bergnest Camerota. Dort waren sie sehr erstaunt, als ich nicht nach Fermo Posta fragte, sondern selbst was zu verschicken hatte.
Das Ausfüllen des Formulars verlief erfreulich unkompliziert, und kurz darauf konnte ich mir einen Fußweg zum Meer suchen. Die hier verkauften Karten mit Wanderwegen sind neu gedruckt, inhaltlich aber gut 20 Jahre alt, viele Fußwege und Maultierpfade überwachsen oder durch Zäune versperrt, neue Wege nicht eingetragen. Vereinfacht wurde meine Suche durch die gute Geländeübersicht. Nur ein Mal musste ich ein längeres Stück zurück, weil es kein Weiterkommen gab.
Nach zwei Stunden war ich wieder in Marina di Camerota. Im Internetpoint gab’s die aktuellen Hochrechnungen zur Wahl in Italien. Berlusconi hat’s wieder geschafft.
Passend zum Wahlergebnis verdüsterte sich der Himmel. Ein gewaltiges Gewitter mit Platzregen tobte die ganze Nacht. Kein Wunder.
Sonntag, 13. April 2008
Heute und morgen wird in Italien gewählt. Kann gut sein, dass Berlusconi, der alte Demagoge, es wieder schafft an die Macht zu kommen. Ein Trauerspiel. Außer Selbstbereicherung kein Programm. Mir scheint, dass fast alle Händler der kleinen Läden und viele arme Leute ihn wählen, weil er Steuererleichterungen verspricht.
Wir hatten die Wahl zu wandern oder die Füße hochzulegen. Wir entschlossen uns zu einer Wanderung der Küste entlang nach Porto degli Infreschi. Gut vier Stunden waren wir alleine unterwegs, vorbei an einsamen Buchten, steilen Kaps und verlassenen Höfen. Orchideen in Hülle und Fülle, kaum Tiere, ein paar Raubvögel kreisten über uns. Doch es gab Spuren von Wildschweinen, die an feuchten Stellen den Wegrand umgepflügt hatten. Und wie es in italienischen Nationalparks üblich ist, knallen auch Jäger herum. Verbot hin oder her. Sonntags jagt der italienische Mann. Ich habe gelesen, dass die italienische Jagdwaffenindustrie die zweitgrößte nach der amerikanischen ist. Passt zu den Wahlergebnissen.
Samstag, 12. April 2008
Seit Tagen begleitet uns ein seltsames Wetter. Der Himmel ist weiß, keine Regenwolken, sondern ein dichter Schleier. Wie durch Milchglas scheint die Sonne. In den Bergen hat es Tage zuvor heftig geregnet. Die sonst meist trockenen Flussbette, jetzt voll mit reißendem Wasser, grau oder braun von Erde und Sand, leiten die Flut ins Meer und trüben es anhaltend ein. Es ist warm, der Dunst in und über dem Wasser filtert die Farben ins Grau. Föhn in München, Scirocco hier.
Für ein sonniges Frühstück auf der Dachterrasse mit Blick über das Meer auf die Küste der Basilicata und Kalabriens hat es noch gereicht. Dann machten wir uns auf, die Küste nach Nordwesten zu erkunden. Von Bucht zu Bucht zog sich ein schöner Wanderweg. Er war sogar markiert, verlor sich dann auf neu angelegten Wegen und endete für uns vor dem geschlossenen Tor einer Ferienanlage. Wir waren drin und kamen nicht raus. Es blieb uns nur der Rückzug über den Strand.
Freitag, 11. April 2008
Fermo Posta, postlagernd, hat uns Brigitte die vorbereiteten Unterlagen für unsere Wanderung in den nächsten Wochen (Landkarten die hier nur schwer zu bekommen sind, geplante Routen, Reiseführer) nach Camerota geschickt. Kurz vor Schalterschluss kommen wir in dem winzigen Bergnest, 5 km hinter der Küste, an. Der Schalterbeamte konnte unsere Post nicht finden. “Möglich, dass sie in Marina di Camerota ist”, meinte er. Auf die Idee, für uns dort anzurufen kam er nicht. Auf unsere Bitte schrieb er uns die Telefonnummer seiner Kollegen am Meer auf. Aber auch in Marina di Camerota war noch keine Post für uns angekommen. Wir beschlossen, bis Dienstag im Hafenstädtchen zu bleiben, fanden eine schöne Ferienwohnung am Meer, kauften und brutzelten uns ein gigantisches Bistecca Fiorentina, dazu eine Riesenschüssel bunten Frühlingssalat und Wein aus dem Cilento. Auch ohne Post ist gut leben.
Donnerstag, 10. April 2008
Maratea wollten wir uns nicht entgehen lassen. Mit dem Bus ließen wir uns die Steilküste entlang bis hoch in den alten Ort fahren. Wahrzeichen des Ortes ist eine riesige Erlöser-Statue auf dem Berg. Die besuchten wir nicht. Dafür fanden wir im historischen Zentrum des Bergstädtchens, in der Via C. Gennari 4/A, das Ristorante “Antichi Sapori”. Dort wird wirklich noch gekocht. Keine Dosen- und Tiefkühlkost, dafür selbst eingelegtes Gemüse für die Antipasti, handgemachte Soßen für die Pasta, fernab von Maggi und Knorr, und ein herrliches, in Kräutern gebratenes Kaninchen, zum Nachtisch selbstgebackenen Kuchen, Grappa, Cafè.
Das kleine Küstenstück um Maratea gehört zur Region Basilicata. Schade, dass wir keine Zeit mehr haben, diesen sehr ursprünglichen Landstrich zu erkunden. Wir bummelten einen alten Weg vom Ort hinab zum Bahnhof. Auf den Trockenmauern der Gärten links und rechts sonnten sich unglaublich viele schöne Eidechsen, große und kleine, grünblau schillernd, so neugierig, dass sie erst kurz vor der Berührung huschend verschwinden.
Der Zug brachte uns zurück nach Sapri. Morgen kommen wir zum Ausgangspunkt unserer weiteren Wanderung, nach Camerota.
Mittwoch, 9. April 2008
Den Vormittag verbrachten wir im Zug, fuhren mehr oder minder schnell die Küste entlang und erreichten nach zweimaligem Umsteigen um die Mittagszeit Diamante. Ein winzig kleiner Ort mit riesiger Uferpromenade. Hier war noch Vorsaison der Vorsaison. Die Touristen-Info geschlossen, keine Zimmer zu finden, ein Hotel an der Strandpromenade, die Feriensiedlungen verrammelt. Besonderheit von Diamante sind die Wandgemälde im historischen Zentrum, die meisten aus den 80er Jahren. Ganz nett. Wir sahen keinen Grund zum Bleiben und kehrten zum Bahnhof zurück. Wider Erwarten funktionierte der Fahrkartenautomat. Das ist selten der Fall. Meistens sind sie gestört, zerstört, außer Betrieb. Mit Menschen besetzte Schalter gibt es, wie bei uns, nur in den großen Städten. In Tropea, der Perle der Götterküste, gab es auch keinen. Der Automat war kaputt. Kein Schild, kein Hinweis auf eine Verkaufsstelle. Sicherheitshalber hatten wir uns am Tag zuvor in einem Reisebüro die Tickets nach Diamante gekauft. Viele Reisebüros sind offizielle Verkaufsstellen der Trenitalia. Der beste Weg, um zu Karten zu kommen.
Nun, in Diamante gab es keinen Schalter, aber einen funktionierenden Automaten. Wir orderten zwei Biglietti nach Sapri, macht zusammen 6 €, fütterten den Automaten mit einem 10 €-Schein, erhielten die Fahrkarten und einen Gutschein über 4 €, einzulösen bei Trenitalia. In Sapri brachte das die Schalterbeamtin in Stress. Im Computer fand sie keine Eingabemöglichkeit für diesen Fall. Sie musste ein umfangreiches Formular für Sonderzahlungen ausfüllen, meine Identität und Ausweisnummer wurden festgehalten, und dann die 4 € ausgezahlt. Alles hat seine Ordnung.
Sapri liegt buchstäblich und geografisch in der Ecke. Links die wunderschönen Badebuchen an der Steilküste um Maratea, rechts das Cilento mit seinem Nationalpark. Für Sapri interessiert sich kaum ein Tourist. Als Verkehrsknotenpunkt hat es wohl eine Bedeutung. Wir fanden gute Unterkunft über einer Wirtschaft, die wegen Renovierung noch keine war, aßen außerordentlich gutes Eis und waren zufrieden.
1 Kommentar Am 17.05.08, 16:42 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Dienstag, 8. April 2008
21 Grad Wärme, das Meer ruhig und klar, mit Sonne ein klasse Badewetter. Doch der Himmel blieb bedeckt. Wenigstens ein Mal wollte ich hier gebadet haben. Das Wasser war kalt, sehr kalt, äußerst erfrischend. Die Bucht, das Meer hatte ich für mich alleine.
Damit die Wanderungen im Cilento nicht schon allein aus Gewichtsgründen zur Strapaze werden, haben wir Ballast abgeworfen, d.h. ein Paket mit Winterklamotten, Unterlagen über Sizilien, Ritas vulkanischer Steinsammlung nach Deutschland geschickt. Fast 5 kg sind wir jetzt leichter.
Die Post in Tropea haben wir damit stark in Anspruch genommen. Das begann mit der Paketauswahl. Die italienische Post bietet wenigstens fünf verschiedene Größen. Der Schalterbeamte deutete auf die zwei Muster hinter sich, fragte nach meiner Wahl, ich deutete auf den gelben Karton, er blickte mich erleichtert an und sagte: “Non c’è”, gibt’s nicht mehr. Uns war auch der kleinere blaue recht. Das nahm er resigniert hin, schloss den Schalter, begab sich auf die Suche und kehrte erst nach geraumer Zeit zurück. Ich bezahlte, und wir fingen unter den interessierten Blicken der anderen Kunden an, unser Paket zu packen. Wieder am Schalter erklärte ich, dass das Paket nach Deutschland soll. Bedenklich wiegte er mit dem Kopf. “Das wird teuer”, meinte er mitfühlend. Davon ließen wir uns nicht abschrecken. “31 € wenn’s schnell gehen soll.” Uns reichte es langsam. Aus einer umfangreichen Tabelle las er 19 € heraus.
Dann das Formular. Wohl selten gebraucht, musste er es selbst studieren. Ich füllte aus: Absender Rita Stockmar, Empfänger Helmut Stockmar, beide mit gleicher Anschrift. Das fand er bedenklich regelwidrig. “Wir haben hier keine Adresse”, erklärte ich. “Ah in vacanza”, in Urlaub, “si si”. Jetzt fehlte noch die Inhaltsangabe: “Vestiti e Libri”, Kleider und Bücher, von Ritas Steinen sagte ich vorsichtshalber nichts. Der Durchschreibesatz wurde gestempelt, das Paket beklebt, jeder bekam seinen Beleg, und nach gut einer Stunde war alles auf den Weg gebracht. Freundschaftlich trennten wir uns, der Postler erleichtert, wir auch.
Unseren letzten Tag in Tropea wollten wir mit einem guten Essen in Pimm’s Restaurant krönen. Das ist von Michelin empfohlen, liegt im gleichen Haus, zwei Stockwerke unter unserer Wohnung. Noble Einrichtung, die Stühle schick mit Hussen überzogen, schwere Tischdecken und Servietten, Tafelsilber und den dazu passenden Kellner. Ach wie fein! Wir erhielten den Fensterplatz, die gleiche grandiose Aussicht wie bei uns, nur das Essen war um Lichtjahre schlechter, als wenn wir selbst gekocht hätten, dafür aber teuer. Wir waren wieder mal geheilt und suchten Trost bei Toninos Eis und Cafè.
Der Abschied von Schwester Carita verlief überraschend herzlich. “Wir waren ihr liebe Gäste”, meinte sie. Für Rita gab es Küsschen links und rechts.
WikiMapia-Links: [Pimm’s Restaurant], [Tonino “Il Genio del Gelato”]
Montag, 7. April 2008
Strahlend blauer Himmel, das Meer türkisgrün leuchtend. So schön, dass wir uns zu weiterem Bleiben entschlossen.
Tonino hat schon um 7 Uhr die Tische vor dem Kaffee mit Tischdecken versehen und alles für seine Gäste gerichtet. Die tägliche Stammbesatzung, ein paar Rentner und ein etwa Dreißigjähriger mit Down-Syndrom, sind spätestens 8 Uhr auf Posten. Jeden Tag seit wir hier sind. Allmorgendlich kommentieren sie, verstärkt durch die ein- und ausgehende Laufkundschaft, zeitunglesend lautstark die neueste Entwicklung. Wenn später Touristen kommen, macht die Stammbesatzung bereitwillig Platz, begrüßt die Gäste, ruft Tonino, rückt zusammen.
Der Behinderte ist voll integriert in die Stammbesatzung, wird von allen freundlich angesprochen, trägt cool seine Sonnenbrille, raucht lässig Zigaretten und beobachtet im Kreis der anderen das Treiben auf dem Corso.
Tonino ist Institution und Sozialstation. Auch wir waren wieder dabei.
Doch zuvor nutzten wir den Sonnenschein und die Badewanne, um mal wieder unsere Klamaotten waschen und trocknen zu können. Großwaschtag! Die Dachterrasse wurde zum Trockenplatz. Harte Arbeit. Die musste ausgeglichen werden.
Beim Metzger hatten wir uns Schweinekoteletts gekauft, sie angebraten, noch kurz mit Zwiebeln und Tomaten dünsteln lassen, mit Oregano und Pfeffer gewürzt und dann mit einem bunten, gemischten Frühlingssalat, Brot und Weißwein, Blick auf Bucht und Meer, genossen. Was will mensch mehr.
WikiMapia-Links: [Chiesa dell’Isola], [Tonino “Il Genio del Gelato”]
Sonntag, 6. April 2008
Blauer Himmel über dem Meer, am Land dunkle Wolken. Die haben gewonnen. Den Gang zum Bäcker mussten wir verschieben. Das Gewitter kam zurück. Jetzt aus den Bergen, mit Hagel und Wolkenbruch. Das Wasser schoss den gepflasterten Corso in zwei Bächen hinunter und stürzte an dessen Ende als Wasserfall zum Meer hinab. Doch zu Mittag hatte die Sonne die Vorherrschaft zurück gewonnen. Die Schäden waren beträchtlich, die Uferstraße wegen der heruntergebrochenen Steine gesperrt. Doch die tollen Strände der Stadt luden schon wieder zum Baden ein. Ein paar Mutige machen das auch. Ich gehörte nicht dazu.
Durch das Städtchen kurvten Lautsprecherwagen, dröhnten Schlager und Wahlkampfparolen in den Gassen. Auf zwei Plätzen gleichzeitig fanden Kundgebungen statt. Der Berlusconi-Mann schimpfte heißer von einem Balkon an der Piazza Mercado auf die Linken, vom Rathausbalkon, die Uhr darüber zeigt dauerhaft fünf vor zwölf, sprach ein Avvocado von einer Regionalpartei, deren Namen ich schon wieder vergessen habe. Der Trubel ringsum war groß, weniger der Redner wegen. Die ganze Stadt schien auf den Beinen. “Fare una passegiata”, sehen und gesehen werden. Die Kaffees waren voller Menschen, die Jungen im neuesten Outfit, das Handy stets sprechbereit in der Hand. Um 22 Uhr war alles vorbei. Tropea fiel in den Schlaf, wir mit.
WikiMapia-Links: [Tropea], [Tonino “Il Genio del Gelato”]
Samstag, 5. April 2008
Unsere Anreise hat wie am Schnürchen geklappt. Schiff, Bus, Fähre, Bahn - schon um 13 Uhr waren wir in Tropea.
Bei Tonino gibt es das beste Eis. Deshalb nennt er sich “Il Genio del Gelato” kurz - der Größte. Auch seinen Cafè hält er für den besten. Kann sein, er war gut.
Tinonello, so rufen ihn seine Stammgäste, ist ein Fuchs, ein Eisverkäufer alten Schlages. Er wirbt wortreich blumig für sein Eis, lässt uns probieren, ein Löffelchen von dem, ein Löffelchen von dem. Sein Cassata-Eis ist ein Traum.
Unser Appartamento ist auch ein Traum. Wir hatten bei der Info Pro Loco nach einer günstigen Unterkunft gefragt, ein Zimmer erwartet und eine riesige Wohnung mit Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad, Küche, Dachterrasse und kleinem Balkon zum Meer bekommen. Der ist direkt über dem Strand, in gut 40 Meter Höhe allerdings. Ein Sonnenplatz für Schwindelfreie.
Vermieterin ist, wir fassen es nicht, wieder eine Nonne. “Dies ist das schönste Appartamento in Tropea”, sagt sie selbstbewusst und hat Recht. Tropea liegt auf einem halbrunden Felsplateau hoch über dem Meer. Die Häuser am Rand sind wie aus dem Fels gewachsen an den Rand gebaut und wirken vom Meer her gesehen wie eine einzige gewaltige Burg.
Das Städtchen hat knapp 7.000 Einwohner, ist trotz seiner Bekanntheit, es gilt als Perle der kalabrischen Küste, beschaulich nett. Zumindest um diese Jahreszeit.
Wir bummelten durch die Straßen, aßen mal wieder Pizza, kauften ein, lasen und beantworteten E-Mails und richteten uns bei Kerzenschein und Rotwein gemütlich ein.
Dafür war es auch Zeit geworden. Eine Gewitterfront tobte vom Meer herauf. Der Sturm ließ die großen Fenster beben und zwang uns, die Läden zu schließen. Wohlig warm in unsere Daunenschlafsäcke gekuschelt, sicher und schön untergebracht, wurden wir vom Plätschern des Regens in den Schlaf gesungen.
WikiMapia-Links: [Tropea], [Tonino “Il Genio del Gelato”], [Info Pro Loco], Andere Links: [Pro Loco Tropea (Homepage)]
Kommentar schreiben Am 17.05.08, 16:40 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Freitag, 4. April 2008
In der Nacht hat es heftig geregnet. Am Morgen schien wieder die Sonne. Wir streiften nochmal durch den Ort, kauften ein, bezahlten unsere Unterkunft und planten den weiteren Weg.
In unserer Reisekasse ist der Boden zu sehen. Wir müssen uns auf den Rückweg machen. Pfingsten wollen wir in Neapel sein. Fünf Wochen bleiben uns für Kalabrien, die Basilicata und den südlichen Teil von Kampagnien. Viel zu wenig. Wir müssen unsere Wanderung auf das Cilento und die Amalfiküste konzentrieren. Dort existieren auch wieder Wanderwege. Bis nach Camerota im Cilento fahren wir in Etappen mit dem Zug die Küste entlang. Erster Stopp soll in Tropea sein, dann Diamante, Praia, Maratea, Sapri.
Von unserer Dachterrasse aus können wir Tropea sehen. Eine direkte Schiffsverbindung gibt es um diese Jahreszeit nicht. Wir müssen mit dem Schiff zurück nach Milazzo, von dort im Bus nach Messina, auf die Fähre über den Stretto nach Villa San Giovanni, dann weiter mit dem Zug. Eine Tagesreise für Luftlinie 60 km.
WikiMapia-Links: [Stromboli], [Camerota], [Tropea], [Diamante], [Praia a Mare], [Maratea], [Sapri], [Milazzo], [Messina], [Villa San Giovanni]
Donnerstag, 3. April 2008
Der Vulkan produziert schwarze Wolken, über dem Meer treiben sie weiß, lassen ab und an blauen Himmel und die Sonne durchscheinen. Wieder ein Tag zum Nichtstun. Auch recht.
Mittwoch, 2. April 2008
Wir hatten uns für heute einen Tagesausflug nach Panarea, der Nachbarinsel, vorgenommen. Dazu mussten wir um 7:15 Uhr an der Landungsbrücke sein. Waren wir nicht! Im Bett war es schöner.
Nach dem Frühstück gingen wir zur kleinen Felsenbucht, legten uns in den schwarzen Sand und ließen uns von der Sonne wärmen.
Dienstag, 1. April 2008
“Fare la Ricotta”, einfach nichts tun. Rita streift durch den Ort, ich schreibe Tagebuch. Kein Fernsehen, kein Radio, kein Internet, keine Zeitung - nichts! Der Vulkan grollt und raucht, ich schreibe und sinniere.
Montag, 31. März 2008
Wieder frühstückten wir im Garten in der Sonne. Paradiesisch - wären nicht die Bauarbeiten in der Nachbarschaft gewesen. Im ganzen Ort wird renoviert, gehämmert und gesägt. Jeder verfügbare Raum wird für Touristen umgebaut und genutzt. Neubauten oder Hotelburgen gibt es hier noch nicht. Das Ortsbild mit den würfelförmigen, maximal zweistöckigen Häusern, den schilfüberdeckten großen Terrassen und Innenhöfen blieb erhalten. Die blauen Türen und Fensterläden stehen in schönem Kontrast zu den weißen Häusern. Das wirkt sehr griechisch.
Autos gibt eigentlich keine. Sie haben keinen Platz. Die Gassen haben maximal Maultierkarrenbreite. Die dreirädrigen Ape-Knattermaschinen, Motorroller und kleine Elektrofahrzeuge sind die einzigen Transportmittel, und selbst für sie müssen Einbahnstraßen ausgewiesen werden.
Die Carabinieri, sonst vorzugsweise im schwarzen Alfa unterwegs, summen hier mit einem elektrischen Strandwägelchen durch den Ort, auf dem Sonnenverdeck das Blaulicht, darunter die Herren in ihren Mackeruniformen und coolen Sonnenbrillen, was so gar nicht zusammen passen will.
Mir hat es ein graues Vehicel, eine Moto Guzzi, angetan. Vorne Motorrad, hinten Laster, Kardanantrieb, Starrachse, schwere Plattfedern, die Pritsche hydraulisch zu kippen. So mein Jahrgang und immer noch in Betrieb. Vier Exemplare habe ich gesehen.
Abends versank der Ort in Dunkelheit und Stille. Straßenbeleuchtung gibt es nicht. Um diese Jahreszeit stehen noch viele Häuser dunkel und leer.
Ein Besuch auf Stromboli ohne Aufstieg zum Krater ist schwer vorstellbar. Alle wollen hinauf. Wir auch. Am Kirchplatz befinden sich die Büros der Bergführer. Die Tour beginnt um 16:30 Uhr. Wegen dem Aschestaub und den Schwefeldämpfen hatte Rita schweren Herzens auf die Tour verzichten müssen. Drei Gruppen mit insgesamt 40 Leuten machten sich bereit. Und ich hatte befürchtet, dass mangels Teilnehmer keine Exkursion stattfindet!
Mit gelben, roten oder blauen Schutzhelmen versehen, Stirnlampen und warmen Klamotten im Rucksack, Bergschuhen an den Füßen, Stock und Hut, alles auch zu leihen, stiegen wir bergauf. Mario, unser knarziger Bergführer, klein, hager, bärtig, von Wind und Wetter gegerbt, ein Bilderbuchguide, stieg mit Hund voraus. Den Schluss der internationalen Gruppe machte die Organisatorin von Magmatrek, eine Weltenbummlerin, die hier hängen geblieben war, sehr groß, sehr schlank, die Hosenbeine hochgekrempelt, in bunten Ringelstrümpfen bis zu den Knien.
Es war warm, der Aufstieg über die Geröllfelder schweißtreibend. Bis zur Vegetationsgrenze, erzählte Mario, wurden früher angebaut: Wein, Kapern, Getreide und Gemüse. Die alten Terrassen verfallen, sind heute von Schilf und Macchia überwuchert. Die Insel lebt vom Tourismus. Ausschließlich. Seit den gewaltigen Ausbrüchen des Vulkans 2002 und 2003 boomt das Geschäft. Viele wollen den Vulkan sehen, bleiben zwei bis drei Tage und reisen wieder ab. Nur die Badetouristen, die sich im Sommer an den schwarzen Sandstränden von der Sonne rösten lassen und sich am glasklaren Wasser erfreuen, bleiben länger.
Nach zweieinhalb Stunden hatten wir den 918 m hohen Gipfel erreicht, standen vorsichtig am bröckeligen Rand des Kraters und starrten gespannt auf die rauchenden, größeren und kleineren Schlote im Krater. Hier hatten schon Wolken von kleinsten Mücken auf uns gewartet, setzten sich auf Helm und Nase und begleiteten uns in den Sonnenuntergang. Wie schon auf dem Ätna saßen Marienkäfer auf den Steinen. Auch sie scheinen Vulkane zu mögen.
Heute waren alle vier Bocche aktiv. Links der Große, sich regelmäßig mit heftigen Explosionen Entladende, daneben der zweitgrößte Schlot. Aus ihm kocht und brodelt es in einem fort, werden dünne Fetzen glühenden Gesteins pulsierend ausgehustet. Weiter rechts ein dunkler Raucher, schwarzbraun qualmend, selten Lava speiend. Ganz außen, ein kleiner, spitz zulaufender Krater, wie eine Düse, der, wenn er nicht heftig weißen Rauch ausstößt, funkenstiebend wie ein Tischfeuerwerk glühende Magma ausbläst.
Zwischen 10 und 20 Minuten lag heute das Intervall der Ausbrüche. Mit einem erderschütternden Grollen, Donnern und Fauchen spie der große Schlund Magma gut hundert Meter in den Himmel. Rot glühend klatschten die Gesteinsfetzen zurück an den Kraterrand, leuchteten noch Minuten immer dunkler werdend nach. Ein unvergessliches Erlebnis, besonders in der Nacht. Ganz klein und verloren kam ich mir vor. Jeder Ausbruch erneut ein Erschrecken.
Eine Stunde harrten wir so staunend aus. Unser Bergführer hatte inzwischen eine Gruppe von fünf Deutschen aufgebracht, die ohne Führer von Ginostra, dem zweiten Ort der Insel, aufgestiegen waren. Carabinieri hatten das beobachtet und mit Funk den Bergführern gemeldet. Die Deutschen waren mit schwerem Gepäck unterwegs, hatten Zelte dabei und wollten oben übernachten. Das ist längst streng verboten, und ich unterstelle, sie wussten das auch. Ihr Plan hätte funktioniert, wenn die Carabinieri nicht gefunkt hätten. Sie hätten unter dem Gipfel unseren Abmarsch abgewartet und dann unseren Platz eingenommen. Daraus wurde nichts. Sie mussten mit uns absteigen und wurden von den Carabinieri erwartet.
Der nächtliche Abstieg führte über das Aschenfeld der Rina Grande flott nach unten. Knöcheltief bei jedem Schritt einsinkend war das federleichtes Gehen. Die Lichter der Stirnlampen zuckten und irrten durch Staub, über Köpfe und Beine, links und rechts in die Dunkelheit, seltener auf den Pfad. Das war auch nicht notwendig, folgten wir doch in enger Reihe passgenau den Schritten des Vordermannes bzw. der Vorderfrau.
WikiMapia-Links: [Stromboli]
Sonntag, 30. März 2008
Heute wollten wir so weit hinauf als möglich. Die Grenze, so vermuteten wir, wird von Ritas Asthma gesetzt. Doch lange bevor ihr das Atmen zur Qual wurde, bremste uns ein Schild mit Zutrittsverbot. Ab 400 Meter Höhe ist der Zutritt nur mit Führer erlaubt, wer trotz Verbot aufsteigt muss mit 500 € Strafe rechnen. Auch unserem Reiseführer entnahmen wir, dass es aus Sicherheitsgründen Sinn macht, das Verbot zu respektieren. Zu aktiv ist der Vulkan, zu gefährlich der Boden ringsum.
Wir nahmen das ernst und spazierten auf einem herrlichen Höhenweg bis zur Feuerrutsche, der Sciara del Fuoco. Von hier fließt in maximaler Schräge die glühende Lava ins Meer, zuletzt 2007. Jetzt ist es eine unheimliche, schwarzbraune Schlacken- und Aschenrutsche zwischen zwei Bergflanken.
Auf 400 m, an einer der Flanken, der Fili del Fuoco, hatten wir uns einen Sitz gebaut und blickten staunend hinauf zum Kraterrand, aus dem regelmäßig düsteres Grollen, Fauchen und Donnern schallte, Aschewolken in die Höhe schossen und, bei einem heftigen Ausbruch, auch große Lavabrocken in die Höhe geschleudert wurden. Nach den Explosionen herrschte gespenstische Stille. Von der Feuerrutsche hörten wir ein gläsernes Knirschen und Knacken, ähnlich wie das Brechen von Eis. Ängstlich dachten wir schon, der Hang gerät ins Rutschen. Doch die Stille wurde abgelöst von den grellen Schreien der Möwen, die im warmen Aufwind über den dunklen Lava- und Aschebahnen segelnd ihre Kreise zogen, und alles blieb wie es war.
Wie gebannt blieben wir fast zwei Stunden auf unserem Beobachtungsplatz und stiegen erst ab, als auch die Sonne sich davon machte. Im Osservatorio, der ehemaligen Marinestation Semaforo di Labronzo, jetzt Pizzeria, machten wir Halt, beobachteten von der Terrasse aus den Sonnenuntergang, die weiteren Eruptionen des Vulkans und genossen dabei komfortabel Pizza und Roten.
Nachmittags war das Tankschiff mit dem Trinkwasser für die Insel gekommen. Aus der Höhe hatten wir gesehen, wie es direkt auf den Ort und nicht zur Anlegemole zulief. Mit lautem Rasseln liefen die Anker aus ins Meer, fassten Grund, und das Schiff drehte sich um die Anker mit dem Heck zum Land. Ein Boot zog Taue vom Schiff zum Ufer, dann wurde der Schlauch hinüber gezogen und angeschlossen. Nachts hörten wir leise die Pumpen auf dem Schiff arbeiten. Sie pressen das Wasser hinauf in Zisternen an Land.
Gleiches hatten wir auf Marèttimo und Salina beobachtet. Die frühere Wasserversorgung über Zisternen reicht längst nicht mehr aus. Die Inseln hängen am Tropf.
Trotz nächtlicher Frische saßen wir noch lange in den Liegestühlen auf unserer Dachterrasse und verloren uns in den Wolken von Sternen, die wir nur selten und nie in dieser Klarheit gesehen haben. Schon gar nicht mit der Begleitmusik eines donnernden Vulkans.
WikiMapia-Links: [Stromboli], [Sciara del Fuoco]
1 Kommentar Am 17.05.08, 16:37 in Auszeitkultur, Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Samstag, 29. März 2008
Eine halbe Stunde vor Abfahrt des Aliscafo der Ustica-Lines stehen wir vor dem Büro um Karten für die Fahrt nach Stromboli zu kaufen. Geschlossen! Das nebenan liegende Officio von Siremar, der anderen Linie, ist längst geöffnet. Das hilft uns aber nicht. Kurz vor knapp rollert der Fahrkartenmann schwungvoll an, schließt auf und stellt mir, auf zwei Mobiltelefonen gleichzeitig sprechend, die Fahrkarten aus. Wir hasten zur Landungsbrücke, der Aliscafo läuft ein, nimmt uns auf und mit zur rasenden Fahrt über Panarea nach Stromboli. Knapp eine Stunde dauert der Ritt über die Wellen. Panarea ist die kleinste Insel der Eolie. Sie soll die Insel der Millionäre sein. Dazu gehören wir nicht und fahren deshalb weiter nach Stromboli, vorbei an bizarren Felsriffen und Basiluzzo, das seinen felsigen Rücken wie ein vorzeitliches Ungetüm aus dem Wasser streckt.
Stromboli! Schon in meiner frühen Jugend wollte ich hierher. Filmaufnahmen von ins Meer fließenden Lavamassen hatten mich fasziniert. Und, so lächerlich es klingt, auch unser kleines Elektroöfelchen von damals, anmaßend mit dem Namen Stromboli auf der Front, zwei rot glühende Heizspiralen, wechselweise oder zusammen schaltbar, Licht und Wärme verströmend, hatte daran seinen Anteil. Sie lockten mich hierher.
Im Frühjahr 1949 drehte der Regisseur Roberto Rosselini mit Ingrid Bergmann den Film “Stromboli - Terra di dio” und verwendete dazu Originalaufnahmen des großen Vulkanausbruchs von 1930. Der Film und seine Handlung ist mir nicht mehr in Erinnerung, die Bilder vom Ausbruch schon. An einer Villa im Ort fanden wir ein verwittertes Schild mit dem Hinweis, dass die beiden während der Dreharbeiten hier gewohnt haben. Die zentrale Bar trägt den Namen “Ingrid”.
Jetzt sitzen wir auf der Dachterrasse unserer schönen Unterkunft Casa del Sole, schauen auf das blaue Meer mit dem senkrecht aus dem Wasser ragenden Inselchen Strombolicchio, schauen hinter uns hinauf zum mächtigen Vulkankegel, der regelmäßig Rauch und Asche zum Himmel bläst und Wolken fängt.
Rita ist mit mir einig: Hier und in CaseCaroCarrubo hat es uns bisher am besten gefallen.
WikiMapia-Links: [Stromboli], [Panarea]
Freitag, 28. März 2008
Hinter unserer Ferienwohnung geht es hinauf und hinauf zum Monte Fossa delle Felci. Ein fast 1000 m hoher, längst erloschener Vulkanschlot, entsprechend steil, mit von Erosion zerklüfteten Flanken. Die Einschnitte und Abbrüche legen schwarze und braunrote Felsbänder frei, von Urgewalten gefaltet und zusammengebacken.
Unser Aufstieg fiel buchstäblich ins Wasser. Dauerregen prasselte beim Aufwachen auf das Dach, Windböen trieben den Regen unter das Vordach bis zur Eingangstüre. Das blieb so bis in den Nachmittag. Der Regen ließ nach, es wurde heller und heller, bis schließlich die Sonne die meisten Wolken verdampft hatte.
Für den Aufstieg war es zu spät, für eine ausgedehnte Inselerkundung auch. So blieb uns nur eine Rundfahrt mit dem kleinen Inselbus. Der klappert auf seiner letzten Fahrt alle Dörfer ab, zuerst Lingua, dann Malfa, Leni Rinella und zurück nach S. Marina Salina. Dafür benötigt er knapp zwei Stunden.
In Malfa erlebten wir, wenn auch nur kurz, den spektakulärsten Sonnenuntergang unserer Reise. Der Horizont feuerrot, davor die Inseln Filicudi und Alicudi wie Scherenschnitte dunkelblau, das Meer fast schwarz.
WikiMapia-Links: [Salina], [Monte Fossa delle Felci], [Lingua], [Malfa], [Leni], [Rinella], [S. Marina Salina], [Filicudi], [Alicudi]
Donnerstag, 27. März 2008
8:30 Uhr startete der Aliscafo, das Tragflächenboot, nach Salina. Das Meer war ruhig, die Sonne schien, eine ruhige Überfahrt. Erste Anlegestelle war Vulcano, eine schöne, aus Fumarolen rauchende aber nach Schwefel stinkende Insel. Danach war uns nicht. Nächster Stopp war Lipari, die größte der Inselgruppe, bekannt für ihre Bimssteinbrüche. Die sehen schauerlich aus. Riesige, grauweiße Wunden in den Bergflanken, mit gewaltigen Abraumhalden und Verladestationen. Danach war uns auch nicht. Salina, die zweitgrößte Insel der Eolie dagegen ist ein grünes Paradies. Strände gibt es fast keine. Deshalb spielt der Tourismus auch noch nicht die erste Geige. Es wird Wein angebaut, hauptsächlich Malvasier. Daraus wird ein bekannter Süßwein hergestellt. Die Insel ist gebirgig. Nur zwischen zwei erkalteten Vulkanschloten und etwas Schwemmland an der Küste haben sich Siedlungsflächen gebildet. Kleine Dörfer, noch landwirtschaftlich geprägt, in wildromantischer Lage.
Wir suchten Unterkunft in S. Marina Salina, einer der zwei Anlegestellen für das Schnellboot. Auf dem Weg vom Hafen in den Ort wurden wir von Marino Mandile angesprochen. Die Unterkunft, die er uns anbot hat uns gleich gefallen. Ein großes Schlafzimmer mit WC und Bad, eine kleine Wohnküche, und davor ein überdachter Freisitz mit Blick über den Ort auf das Meer. Das funkelte und glitzerte in der Sonne. Scheinbar nah wölbte sich die Insel Panarea aus dem Meer, schon weiter weg, aber noch gut sichtbar, Stromboli mit Rauchfahne an der Spitze. Da kam Urlaubsstimmung auf.
WikiMapia-Links: [Salina], [Vulcano], [Lipari], [S. Marina Salina]
1 Kommentar Am 17.05.08, 16:35 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Mittwoch, 26. März 2008
Die Eisenbahn hat uns nach Milazzo getragen. Von hier starten die Fähren zu den Eolischen Inseln. Samstag sind wir auf Stromboli, ab morgen auf Salina.
Auch Milazzo ist sehens- und erlebenswert. Ein nettes Städtchen mit einem relativ uninteressanten alten Castel, dafür schönen Wanderwegen an der Spitze der Halbinsel, schwindelerregend an der Steilküste entlang, auf alten Bauernwegen - ein Genuss. Rückzugs wählten wir den Weg am Kiesstrand. Früher wurden bei Stürmen Muscheln angespült. Heute sind die Strände übersät mit Plastikmüll.
Dienstag, 25. März 2008
Wir sind noch einen Tag länger als geplant im Kloster geblieben. Die dicken Mauern hatten uns im Sturm wohl behütet. Rita hat trotzdem kaum geschlafen. Das Donnern der Brandung und das Fauchen des Windes durch alle Ritzen haben die ganze Nacht über angehalten und uns auch in den Morgen begleitet. Bei solchem Wetter wollten wir nicht reisen. Für diesen mutigen Entschluss wurden wir zwei Stunden später belohnt. Der Sturm war zu heftigem Wind abgeflaut, die Wolken rissen auf und machten blauem Himmel und der Sonne Platz. Wir wagten uns aus dem Kloster an die hohe Hafenmole. Ein schmaler Durchgang führt von dort auf die Felsenklippen. Die habe ich neugierig betreten und wurde sofort mit den Resten einer zerschmetterten Woge abgestraft. Genug, um schnell den Rückzug ins Kaffee am Hafen anzutreten. Der Wirt stand hinter der Glastüre und betrachtete zerknirscht, was der Sturm an seiner Zeltüberdachung angerichtet hatte. Die schwere Plane war zerrissen. Viele Cafè müssen getrunken werden, um den Schaden auszugleichen. Wir machten den Anfang.
Unser anschließender zweiter Versuch, La Rocca zu besteigen war erfolgreich. Der “Wächter des Berges” hatte nicht frei. Wir wurden eintretend freundlich registriert und Stunden später ordentlich ausgestrichen. Niemand bleibt unbemerkt oben. Hatten wir auch nicht vor. Wir umrundeten das alte Castello, genossen die tolle Aussicht und den Sonnenschein und strebten nachmittags dem Domplatz zu. Der war inzwischen fest in deutscher Hand. Es war wie am Chiemsee, nur mit weniger Japanern.
Montag, 24. März 2008
La Rocca zu besteigen war eigentlich für Sonntag vorgesehen. Weil ich das Licht scheute, hatten wir die Wanderung auf heute verschoben. Die Verwaltung hat es nicht zugelassen. Der Aufstieg war versperrt. “La Rocca bleibt geschlossen”, war auf einem Aushang zu lesen. “Montag, den 24.03.2008, Unterschrift”. Das war’s dann. Eine Italienerin, die ebenfalls aufsteigen wollte gratulierte uns lachend zu “Bella Italia”.
Am Abend überraschte uns ein heftiger Gewittersturm mit Eisregen. Wir hatten uns schon gewundert. Als wir nachmittags ins Kloster kamen, hatten uns die fürsorglichen Schwestern den Elektroheizer angemacht. Sieben Stunden später wussten wir, warum. Der Sturm tobte und trieb gewaltige Wellen an die Felsen unter uns, die Gischt sprühte bis zu uns im dritten Stock, Blitze zuckten und Hagel prasselte ans Fenster, die Temperatur ging in den Keller.
Wir dachten an die zwei Frauen im Zelt und litten mit ihnen. Ähnliches hatten wir zu Beginn unserer Wanderung im Juni 2007 erlebt.
Sonntag, 23. März 2008
Vielleicht habe ich mir eine Sonnenallergie zugezogen. Schon in Catania und am Ätna hatte ich mir, trotz Sonnencreme, eine rote Birne geholt. In Catania kauften wir in der Apotheke eine Schutzpaste mit Faktor 50 Plus. Das war eine Zinkoxidpaste, die mich weiß tünchte und schweinchenrot schimmern ließ. Sie hat nicht geholfen, und vertragen habe ich sie auch nicht.
Deshalb gingen wir heute der Sonne aus dem Weg, blieben im Schatten. Abends bummelten wir durch die vollen Gassen. Alle beglückwünschten sich, Buona Pasqua, schöne Ostern. Kneipen und Läden waren auf. Die Apotheke auch. Ich kaufte mir eine neue Sonnencreme. Wieder 50 Plus, aber für Hypersensible und Leute mit Sonnenallergie.
Samstag, 22. März 2008
Wandertag. Mit dem Bus sind wir zum Kloster Giblmanna gefahren. Der auf der Karte eingezeichnete Wanderweg war nicht gekennzeichnet, die Wegführung durch neu in den Berg gefräste Wege und durch überwachsene Pfade stark verändert. Mit Kompass und Höhenmesser fanden wir uns zurecht. Über Stunden trafen wir keinen Mensch, genossen die Ruhe und wanderten über Ferla nach CefalĂą zurück.
Morgens im Bus hatten wir zwei Berlinerinnen kennen gelernt. Beide, so Ende 50, waren mit dem Zelt unterwegs. Respekt! Was sind wir doch für Weicheier. Wir trösteten uns damit, dass die Zwei das ja nur für 14 Tage machen. Trotzdem - tauschen wollten wir nicht. Nachts wird es immer noch kalt, Warmwasser gab´s für sie auch nicht, sie waren die Einzigen auf dem Campingplatz - Brrrr!
Freitag, 21. März 2008
Über die vom Meer ausgewaschenen und abgeschliffenen Felsen turnten wir abseits des langen, schönen Sandstrandes am Meer entlang nach Osten, erreichten den neu angelegten Fischer- und Yachthafen, der betonstrotzend die Ansicht der eigentlich schönen Bucht versaut. Das Ende der Bucht besteht aus großen, rund und glatt geschliffenen, rötlich schimmernden Felsen (ich tippe auf Granit), die von der Ruine eines antiken Wachturms gekrönt sind. Das sieht schön aus, ist aber für Spaziergänger nicht zugänglich. Schöne Ferienvillen sind hier zu mieten, sie liegen allerdings außerhalb unseres Budgets.
CefalĂą ist an einen gewaltigen Felsklotz, La Rossa, gebaut. Durch hohe senkrechte Felswände geschützt, liegen oben ein alter Tempel und ein Kastell. La Rocca wollten wir gemütlich umlaufen, fanden aber nur wüste Straßen mit tobendem Verkehr. Fußgänger sind außerhalb der Stadt nicht vorgesehen, vielleicht auch nicht gern gesehen. In der Stadt ist für sie alles gerichtet. Renovierte mittelalterliche Bauten, ein Dom mit herrlichen Mosaiken, schön gepflasterte Gässchen, Läden, Kaffees, Bars - alles was des Touristen Herz und Magen begehrt.
Im Gegensatz zu Taormina, das uns wie ein potemkinsches Dorf, ein Sizilien-Wunderland, vorkam, ist CefalĂą noch eine normal belebte sizilianische Kleinstadt in schönster Lage. Noch gibt es kleine Läden für den täglichen Bedarf, abends flanieren die Familien in den Straßen. Heute besonders.
Karfreitag ist in Italien kein Feiertag, aber Höhepunkt der Karwoche. Das wird auch in CefalĂą mit einer Prozession begangen. Aus den Kirchen des Ortes ziehen kleine Prozessionen zum Domplatz, und von dort gemeinsam unter Gebeten, Gesängen und der immergleich klagenden Melodie der Blasmusik stundenlang durch den Ort wieder zum Dom.
Donnerstag, 20. März 2008
CefalĂą liegt am Rande des Parco delle Madonie. Seit 1989 ist ein Großteil des Gebirges als Naturpark ausgewiesen. Bis fast 2.000 Meter hoch sind die Berge. Zum Meer hin meist kahl, auf der Südseite mit Kastanien- und Steineichenwäldern bewachsen. Größter Ort ist Castelbuono. Das mittelalterliche Städtchen liegt auf 420 Meter Höhe am Fuße des mächtigen Pizzo Carbonara. Auf 1.300 Meter liegt die Berghütte des Alpenvereins CAI. Von dort aus verlaufen die meisten ausgewiesenen Wanderwege, doch die sind für uns wieder mal nicht erreichbar. Es besteht keine Busverbindung. Bis Castelbuono reisen wir im Bus durch ein weites, fruchtbares Tal, um diese Zeit sattgrün, mit Blumenwiesen und blühenden Bäumen. Wir bummelten durch den kleinen Ort, saßen im Schatten der trutzigen Burg und überlegten, wie die Herren von Castello dei Ventimiglia hier gegen ihre Untertanen gehaust haben.
Mittwoch, 19. März 2008
Mit Bus und Zug über Palermo nach CefalĂą. Wir sind mal wieder im Kloster gelandet. In bester Lage am kleinen Hafen der Altstadt. Das Durchschnittsalter unserer gastgebenden Nonnen zählen wir auf 80 plus. Wir verstehen sie nicht, sie uns nicht, doch wir kommen bestens miteinander aus. Der Bau hat für die Schwestern und Gäste über 100 Zimmer. Wir wohnen ruhig in Zimmer 74, am Ende des langen Klosterganges, mit Blick auf das Meer. Das leuchtet uns türkisgrün und blau und rauscht uns sanft in den Schlaf.
Dienstag, 18. März 2008
Der Via Roma entlang gelangten wir zum Torre di Frederico. Den achteckigen Turm ließ Friedrich II für seine astronomischen Beobachtungen bauen. Weil wir das alte und immer noch beeindruckende Bauwerk umrundeten, kam uns ein Renovierungstrupp zuvor. Eine Besichtigung war nicht mehr möglich. Sie strichen die Eingangstüre!
Alternativ schlenderten wir über den großen Markt auf der Piazza Europa und fanden am oberen Ende einen Brunnen, der von keinem Stadtprospekt erwähnt, um sich herum, die Geschichte von Enna auf Kupfertafeln zeigt. Im Gegensatz zu vielen italienischen Denkmälern, war die Darstellung erfreulich schlicht, nicht heroisierend, und zeigte auch die düsteren Kapitel der Geschichte. Auch der Führer des Sklavenaufstandes war hier nicht ein geschwollener Bodybuilder, sondern ein unter jubelnden befreiten Sklaven stehender Anführer mit gestreckter Faust.
Wir haben auf unserer Reise viele Denkmäler betrachtet. Jedes Nest hat, wie bei uns, sein Kriegerdenkmal. In fast allen großen Kirchen wird der “gefallenen Helden” gedacht. Die im Krieg verheizten Soldaten werden mit stolzgeschwellter Brust und in Heldenpose dargestellt, manchmal mit einem Friedensengelchen auf der Hand. Für unseren Geschmack waren die Denkmale eher Karikaturen, und wir mussten uns zusammennehmen, um nicht loszulachen.
Das offizielle Denkmal für den Aufstand der Sklaven am Castello di Lombardi gehört auch zu dieser Sorte Lachmal. Ein geschwollener Bodybuilder, ein Zombi, der schreiend seine Ketten zerreißt. Die Rebellion hat Besseres verdient und an der Piazza Europa auch erhalten.
Montag, 17. März 2008
Unser Reiseziel war Enna, der 1.100 Meter hoch auf einem Berg gelegene Mittelpunkt der Insel, eine über Jahrtausende umkämpfte strategische Bastion. 135 v.u.Z. erschallte von hier der Ruf der Sklaven nach Freiheit. Ein Aufstand, der die ganze Insel erfasste, lang vor Spartakus. Im Müller-Reiseführer lesen wir: “Fast drei Jahre konnten die Revolutionäre die Stadt halten - sie fiel durch Verrat, der Aufstand endete im Blutbad.”
Diesen Ort wollten wir erspüren.
Der Bus brachte uns von Nicolosi nach Catania. Am zentralen Busbahnhof erstanden wir Karten nach Enna. Der Bus wurde rammelvoll, auf dem Mittelgang drängelten sich Mit-Fahrgäste, doch die Organisation war perfekt. Beim nächsten Busbahnhof stand ein Zusatzbus bereit, und so kamen wir entspannt reisend durch Hügel und Felder nach Enna.
Die Suche nach einer Unterkunft verlief problemlos. Wir hatten mal wieder Glück. Bei der Touristeninfo erhielten wir ein Unterkunftverzeichnis mit Preisen, eine Seltenheit, und die Visitenkarte von Bed & Breakfast Proserpina (www.bbenna.it). Das abgewrackte Drei-Sterne-Hotel Sicilia wollte 92 € fürs Doppelzimmer ohne Frühstück. Für 50 € bezogen wir B & B Proserpina mit WC/Bad, Zentralheizung, Fernseher, Frühstücksraum und einem fürsorglichen Vermieter. Alles war nagelneu und liebevoll eingerichtet. Abends holte uns dann der Sohn des Vermieters ab und brachte uns zu einem Restaurant, mit dem sie einen Fixpreis für das Essen verabredet hatten. Wir aßen vorzügliche vegetarische Antipasti und nachfolgend feine Pasta d’Enna in einem der schönsten und besten Ristorante in Enna für fast schon peinliche 10 € pro Person. 1/2 Liter Roter inklusive!
Außer diesen wichtigen Rahmenbedingungen hat Enna einiges zu bieten. La Settimana Santa, die Karwoche, wird hier besonders begangen. Mitglieder der Zünfte und Bruderschaften ziehen, mit Kapuzen vermummt, von ihren jeweiligen Kirchen zum Dom. Voraus die Blasmusik mit düsteren Weisen, dann die Kapuzenmänner, jede Bruderschaft in anderer Farbe, dann der Pfarrer mit dem Kreuz. So geht das die ganze Woche bis Karfreitag.
Dieser Brauch hat seinen Ursprung in Spanien und soll den Menschen in den Hintergrund, das Kreuz und die Passion Christi in den Vordergrund stellen. Tatsächlich ist das gespenstische Treiben heute ein Volksfest der sizilianischen Frömmigkeit und natürlich Touristenattraktion.
1 Kommentar Am 29.03.08, 16:30 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Sonntag, 16. März 2008
Palmsonntag. Vor der Kirche auf der Piazza sind Stühle aufgestellt, der Altar ins Freie verlegt. An Ständen werden geflochtene Palmsträußchen verkauft. Unerschrockene nehmen sich ganze Palmwedel. Katholische Pfadfinder in blauer Kluft, die brachialen blauen kurzen Hosen aus breitem Cord reichen den Jungs und ihren in die Jahre gekommenen Vorturnern bis fast ans Knie, die Mädchen tragen baugleiche Hosenröcke züchtig übers Knie, nehmen Aufstellung. Und während wir unter Sonnenschirm im Kaffee Capucino und Cornetti genießen, füllen sich die Sitzreihen, die Pfadfinder marschieren palmwedelschwingend los, die Ministranten haben Briketts auf den Weihrauch gelegt und lassen es im Laufen qualmen, die Orgel spielt, ein Chor singt und der Pfarrer schreitet würdevoll zum Altar. Heute zerreißen keine Böller die Luft, keine Mofas lärmen ums Eck, sogar die Hauptstraße ist für den Verkehr gesperrt. Wir ziehen uns in unser Hostel zurück. Als einzige Gäste machen wir es uns auf der Terrasse gemütlich und picknicken im Sonnenschein.
Der Verdauungsspaziergang führte uns zu den Monti Rossi. Von deren Kratern wälzte sich 1669 der verheerende Lavastrom nach Catania. Die Krater zeigen sich heute pinienbestanden freundlich, ein Trimmdichpfad führt hinauf. Am Fuß der Berge hat die Gemeinde einen Campingplatz und eine Grillstelle eingerichtet. Die war mit Sonntagsausflüglern gut besucht. Auf dem Berg waren wir dann die Einzigen.
Es war unser letzter Tag im Hostel Etna Garden Park, der aufgehübschten Juhe. Seit Castelammare del Golfo hatten wir keine Unterkunft mit Zentralheizung gehabt. Hier wurde geheizt, was die Heizkörper hergaben. Im Zimmer mussten wir sie abdrehen, um Schlaf zu finden.
Samstag, 15. März 2008
Mit dem Bus fuhren wir bis zur Talstation der Funivia dell’ Etnea und schwebten mit der Kabinenbahn auf 2.500 Meter. Hier war der Skibetrieb noch voll im Gang. Ein Schlepplift zog die Skienthusiasten zu den letzten von der Sonne nicht weggeschmolzenen zwei Pisten. Hier warten auch die Geländewagen, um Touristen auf 2.900 Meter zum Torre del Filosofo zu bringen. Auf diesen Service verzichteten wir und folgten zu Fuß dem durch den Schnee gefrästen Weg und erreichten den Pian del Lago, eine unwirklich scheinende schwarze Aschen- und Schlackenlandschaft. Die Sonne hatte in den letzten Tagen einen Großteil des Schnees abgeschmolzen. Vor uns ragte der “Cratere di Suduest” mit rauchenden Flanken steil aus der Mondlandschaft und schickte uns immer mal wieder einen schwefelig stinkenden Gashauch. Rechts von uns ging es senkrecht bergab ins “Valle del Bove”, ein 7 mal 5 Kilometer messender Taleinbruch mit bis zu 1.000 Meter hohen Seitenwänden. Ein riesiges Auffangbecken für Lavamassen.
Eine einsam am Rand auf 2.800 Meter liegende Messstation war unser Rastplatz. Photovoltaikanlagen ragten aus dem schwarzen Gebrösel, Antennen waren in den Himmel gerichtet, Erdungskabel liefen zu riesigen Stahlnägeln, die in den Untergrund getrieben worden waren. Wie einsam auf einer Mondstation kamen wir uns vor und sahen doch hinüber zum italienischen Festland, der Stiefelspitze, sahen weit unter uns die Küstenorte Toarmina, Giarre, Acireale und Catania, westlich, im Dunst noch zu erkennen, Augusta und Siracusa, dahinter die Ibleischen Berge.
Im Windschatten der Messstation war gut rasten. Doch weil sich im Valle del Bove Nebel bildeten, die sich erschreckend schnell auf uns zu bewegten, machten wir uns auf den Rückweg. Über Asche- und Schneefelder erreichten wir die Kabinenbahn und schwebten hinunter zum Refugio Sapienza.
Der Abend in Nicolosi brachte uns überraschend die beste Pizza auf unserer ganzen Reise. Wieder war im Ort der Heilige los und wurde auf einer Lade von jungen Männern durch das Dorf geschleppt. Davor die Ministranten, Weihrauchkessel schwingend, dahinter die zwei fülligen Pfarrer der Gemeinde. Dem Heiligen folgten Honoratioren, Würdenträger, dann das Volk.
Das war unser Glück. Derweil sich die Prozession weiter durch die nächtlich dunklen Gassen schlängelte, hatten wir Platz in der Pizzeria Antichi Proverbi gefunden. Wenig später bildete sich vor dem Eingang eine lange Schlange Hungriger.
Im Gegensatz zu den Einheimischen begnügten wir uns mit Pizza und Salat. Ringsum wurden als Beilage zur wirklich großen und mit besten Zutaten belegten Pizza, dem Zeitgeist entsprechend, noch Pommes mit Mayo und Ketchup verspeist. In Mannheim ist das auch nicht anders.
Freitag, 14. März 2008
Nicolisi nennt sich “Tor zum Ätna”, deshalb haben wir den Ort zum Ausgangspunkt unserer Wanderungen gemacht. Im Nachhinein stellten wir fest, dass es von Cantania aus ebenso einfach gegangen wäre. Der Bus zum Ätna ist derselbe. Um diese Jahreszeit fährt er nur einmal am Tag über Nicolosi zum Refugio Sapienza mit der Talstation der Kabinenbahn Funivia Etnea. Morgens ab Catania um 8:20 Uhr, Nicolosi 9:25 Uhr und 16:30 Uhr von der Talstation zurück. Wir hatten angenommen, dass es von Nicolosi regelmäßige Verbindungen nach oben gibt. Denkste!
Kurz nach 9 Uhr kamen wir in Nicolosi an, bezogen unser Zimmer im Hostel, einer früheren Jugendherberge, die jetzt plüschig nach Höherem strebt, und saßen erstmal fest. Strahlender Sonnenschein, ideales Bergwetter, glasklar präsentierte sich der Gipfel.
Wie wir so bergmäßig aufgebrezelt aber bergfern im Kaffee saßen, kam Hubertus aus Hildesheim. Ein Zwei-Meter-Mann, der mich spöttisch musterte und bemerkte, “Sieht gut aus”, und ich antwortete “bringt aber nichts”. Auf sein “Wieso?” erklärte ich ihm unseren Schlamassel. “Wir können Euch ja mitnehmen”, meinte er. Claudia, seine Partnerin, war damit auch einverstanden, und so kamen wir dann doch noch zum Ätna.
Für eine größere Wanderung blieb keine Zeit. Wir wählten einen kleinen Krater, den Monte Silvestre Superiore. Über schwarzbraunen, lockeren Lavaschutt quälten wir uns auf den Kraterrand, suchten und fanden eine weniger windige Ecke für ein vulkanisches Picknick. Der Ausblick ließ keine Wünsche offen. Unter uns die jüngsten Lavafelder von 2003 und 2001, schwarze, krustig erstarrte Steinflüsse, daneben die Krater früherer Ausbrüche, die dem Ätna aus seinen Flanken quollen, Zeugen schrecklicher Verwüstungen, wie die Monti Rossi bei Nicolosi. Von hier wälzte sich 1669 ein Lavastrom 25 km nach Catania und zerstörte es weitgehend.
Von Nicolosi bis Catania zieht sich heute Dorf an Dorf in dichter Bebauung, die von den gerühmten Gärten des Ätna wenig übrig lässt.
Unser Picknick in 2.000 Meter Höhe weckte die Lust auf mehr. Wir beschlossen, am nächsten Tag weiter aufzusteigen. Die Höhenluft hatte uns aber auch rechtschaffen müde gemacht. Nach unserer Rückkehr zum Hostel gingen wir früh zu Bett und ließen uns weder von Böllerschüssen noch Straßenprozession mit Blasmusik aus ihm vertreiben. Der Heilige Guiseppe, Beschützer der Familie, zu dessen Ehren das Spektakel stattfand, ließ uns ruhig schlafen.
Kommentar schreiben Am 29.03.08, 16:24 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Donnerstag, 13. März 2008
Für unsere geplante Wanderung am Ätna fehlten mir Handschuhe und Sonnenbrille. Letztere hatte ich in Comiso liegen lassen, die Handschuhe zuhause. Der große Markt in Catania bietet alles. Handschuhe erstand ich für 4 €, nur eine gute Sonnenbrille fand ich nicht. Das Angebot war riesig. Jede Menge gefälschte Edelmarken und Billigbrillen mit fragwürdigen Angaben zu Polarisation und UV-Werten. Beim Optiker fand ich dann die passende zu sattem Preis. Die Strafe für Vergesslichkeit.
Mittwoch, 12. März 2008
Endlich haben wir es geschafft. Wir rumpelten mit der Ferrovia Circumetnea, das ist eine Schmalspureisenbahn, um den Ätna. 1895 wurde der erste Streckenabschnitt in Betrieb genommen. Die eingesetzte Technik hat sich seitdem nicht sehr geändert. Die Schranken an den Straßenübergängen werden von Schrankenwärtern noch von Hand geschlossen. Meist so kurzfristig, dass die Bahn noch die letzten Autos zur sofortigen Wegfahrt anpfeifen muss. Die Wagen sind dieselgetrieben und erinnerten mich an die alten roten Schienenbusse bei uns. Die Streckenführung ist für Touristen eine Attraktion. Sie verbindet die kleinen Städte am Ätna, durchneidet alte und neue Lavafelder, Felder und Gärten und gewährt einen ständigen Blick auf den weißen Riesen, der sich heute ohne Wolken zeigte.
Bis Randazzo, einer kleinen Stadt mit mittelalterlichem Stadtkern am Nordhang des Ätna, fuhren wir zwei Stunden mit der Bahn. Außer der Besichtigung der Altstadt gab es wenig zu erkunden. Die Geschäfte schlossen kurz nach unserer Ankunft, menschenleer die Gassen, die interessanten Lavaformationen lagen außerhalb fußläufiger Reichweite. Wir nahmen den ersten Nachmittagszug zurück nach Catania.
Dienstag, 11. März 2008
Catania hat es uns angetan. Wir finden, es ist die schönste Stadt, die wir bisher auf Sizilien besucht haben. Mit dieser Meinung stehen wir möglicherweise alleine. In Taormina saßen wir neben einem älteren deutschen Paar, das sich vor Abscheu über die Stadt gar nicht beruhigen konnte. “Dass es so eine Stadt in Europa geben kann, unglaublich!”, meinte sie. “Schlimmer als Palermo”, ergänzte er. “Die ganzen Gelder verschwinden in den Taschen der Mafia - und wir zahlen das”, wusste sie, was die Engländer am Tisch in ihrer europakritischen Haltung bestärkte: “Sarkosy, my god …”
Den Himmel auf Erden hatten sich die fetten Benediktinermönche ergaunert. Ihr Kloster in Catania war nach dem in Mafra, Portugal, das zweitgrößte in Europa. Der Klosterbau wurde 1558 angefangen und hielt jedem Vergleich mit Königsschlössern stand. Heute sind die Literaturwissenschaftler der Universität Catania darin untergebracht. Die dazu gehörende riesige Kirche San Nicola wurde nie vollendet. Als wir den düsteren, weitgehend leeren Bau besichtigten, bot uns ein Aufseher an, das Dach zu besteigen. Er schloss uns eine eiserne Pforte auf und wir stiegen eine enge Wendeltreppe hinauf. Vom Dach sahen wir auf die Stadt. Früher war das Kloster von armseligen Hütten umgeben. Die wurden abgerissen, damit die Mönche dem Elend nicht zu nahe waren. Heute stehen vor dem Kloster die mehr oder minder alten kreuz und quer geparkten Studentenvehikel.
Der Himmel hatte sich schwarz eingefärbt und es roch nach Regen. Dem entkamen wir nicht. Beim Markt Fiera o’ Luni gerieten wir und die im Abbau befindlichen Marktbetreiber in heftigen Regen. Alte, hochbepackte Karren mit eisenbeschlagenen Rädern wurden eilig vom Platz in die Gassen gezogen. Die Räder ratterten, begleitet vom Schimpfen und Rufen der Karrenzieher, über das schwarze Basaltpflaster. Wir flüchteten in die Trattoria Aldo, einst ein Stammlokal der Marktleute, heute ein viel besuchtes Speiselokal. Beste Qualität, große Auswahl an frischen Antipasti und Spezialitäten zu vernünftigen Preisen. So lässt sich Regenwetter gut ertragen.
Montag, 10. März 2008
Wir haben dem Alter Tribut gezollt und sind ins “Holland International” umgezogen. Ein Holländer und seine italienische Frau vermieten in einem alten Palazzo Zimmer. Das letzte freie haben wir bekommen. Leider sind wir nicht die einzigen Bewohner. Vier Schnaken konnte ich erschlagen, die zahlreichen Überlebenden zogen sich in unerreichbare Höhen der gewölbten Decke zurück. Zum ersten Mal in diesem Jahr griff Rita zu Autan.
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Sonntag, 09. März 2008
Sonntag und Sonnenschein ist Großkampftag in Taormina. Wir reisten ab. Auf dem Platz vor der Bar stauten sich schon am frühen Morgen die Reisegruppen. Wir kamen in den negativen Stau. Nach Randazzo, unserem nächsten Reiseziel, fahren sonntags keine Busse. Vom Bahnhof unten am Meer sollte uns der Zug nach Giarre bringen. Der fuhr dann erst um 14:53 Uhr, was uns einen sonnigen Aufenthalt im Bahnhof bescherte. In Giarre hofften wir, Zug oder Bus nach Randazzo zu finden. Fehlanzeige. Unsere Suche nach Bed & Breakfast verlief ebenfalls ergebnislos. Entweder waren die Vermieter nicht da oder nicht zur Vermietung für eine Nacht bereit. So strandeten wir wieder am Bahnhof von Giarre, warteten eine weitere Stunde bis uns der Zug nach Catania brachte.
Da war es Nacht geworden. Kostenbewusst hatten wir das Hotel Agora gewählt. Eine Jugendherberge am Hafen. Die Nachtwanderung dahin war spannend, die Stadt voller Leben und zwei Betten waren auch noch frei. Im Schlafsaal und auch nur in zwei oberen Betten. Beim Ein- und Ausstieg ins Hochbett spürten wir schmerzlich unser Alter. Den Altersdurchschnitt der Gäste haben wir an diesem Abend kräftig angehoben.
Zur Herberge gehören eine Bar und ein Restaurant. Die Musik aus der Bar war guter alter Rock, das Essen im Ristorante bemerkenswert. Aufgetragen wird in einem Gewölbekeller, der mit einer Grotte im Lavagestein verbunden ist. Durch diese rauscht ein glasklarer Bach. Einmalig! Das Essen war gut, wir mit dem Tag halbwegs versöhnt, die Nacht kurz. Das lag weniger an der Musik, auch nicht an den jugendlichen Zimmergenossinnen und -genossen, sondern an den Schnaken. Die Nacht war warm, der Frühling ist da!
WikiMapia-Links: [Taormina], [Randazzo], [Giarre], [Catania], [Hotel Agora]
Samstag, 08. März 2008
Der Monte Veneretta bietet mit 884 Metern den besten Blick auf den Ätna und die Ostküste. Die Sonne hat uns morgens mal wieder in das Bett geschienen, uns in die Bar zum CafĂ© begleitet und den Berg hinauf gewärmt. Erst nach der Gipfelrast überließ sie einer schwarzen Wolkenwand das Feld. Die näherte sich schnell vom Meer her, brandete an den Berg und hüllte uns ein. Es blieb für uns beim Nebel.
Auf dem Rückweg nach Taormina entgingen wir nicht der Aufmerksamkeit einer alten Bäuerin. Ihre ärmliche Hütte liegt am Berg und Weg zum Gipfel. Das verschafft ihr einen kleinen Anteil am Geschäft mit Touristen. Beim Aufstieg wollte sie uns mit Proviant versorgen, beim Abstieg mit Wein. Den haben wir dann auf der Steinbank vor dem Häuschen aus Plastikbechern genossen. Dazu gab es etwas alten Panetone-Kuchen und Orangen. Für den rustikalen Imbiss schienen ihr rustikale 10 € angemessen. Mir waren 5 € schon zuviel. Mit zwei zusätzlichen Orangen einigten wir uns auf 7 €. Immer noch ein stolzer Preis.
In Taormina war inzwischen auf der Piazza IX Aprile, dem schönsten Platz, eine Bühne errichtet worden. Funkelnde Sterne am Himmel, unten das Meer und die Lichter von Giardini Naxos und der Bergdörfer am Ätna. Die Band “Strummula” spielte sizilianischen Ethnorock und brachte damit in kalter Nacht den Platz und uns zum Tanzen.
Das Konzert hatte die Associazione Penelope, eine Frauenhilfsorganisation, organisiert. Unter den Zuhörern waren die Männer in der Überzahl, was am Internationalen Frauentag, Feste della Donne 8 Marzo, kein schlechtes Zeichen sein muss.
WikiMapia-Links: [Monte Veneretta], [Taormina], [Piazza IX Aprile], [Giardini Naxos]
Freitag, 07. März 2008
Taormina ist auch um diese Zeit Ziel vieler Touristen. Das Preisniveau entspricht der Höhenlage und dem Ausblick. Im Südwesten zeigt sich mächtig der Ätna, nordöstlich sind die kalabrische Küste und der Stretto, die Meerenge von Messina, zu sehen. Der Ort ist ganz und gar touristisch, eine Art Sizilien Wunderland, besteht fast ausschließlich aus historischen Kulissen, hinter denen sich Hotels, Bars, Restaurants, Souvernir- und Spezialitätenläden eingerichtet haben. Überwiegende Sprache ist deutsch in allen Dialekten (wo kommen die ganzen Österreicher her?), gefolgt von englisch.
Die Sonne hat uns morgens geweckt und dann den ganzen Tag Verstecken gespielt. Kaum draußen - schon wieder weg. Uns hat´s zu einem ausgedehnten Stadtbummel mit Kaffeehausbesuch im Freien gereicht.
WikiMapia-Links: [Taormina], [Ätna], [Stretto, die Meerenge von Messina]
Donnerstag, 06. März 2008
Busfahrt über Catania nach Taormina. Alles klappte problemlos. Gegen halb vier kamen wir in der Touristenhochburg an. An der Piazza Vittorio Emanuele II, wir hatten auf einer Parkbank gerade nach dem Unterkunftsverzeichnis gekramt, sprach uns eine ältere Frau an. In den schönsten Farben schilderte sie uns ihre Zimmer gleich im Zentrum. Wir ließen uns zur Villa Ingeniere abschleppen. Jetzt wohnen wir für drei Tage mitten in der Altstadt. Zwei von drei Zimmern waren bessere Löcher. Unseres hat ein großes Fenster nach Osten in den von einem Orangenbäumchen bestandenen Innenhof, eigentlich ganz nett, nur abgewohnt. Bad und Toilette sind auf dem Gang. Da wir die einzigen Lochbewohner sind und es leidlich sauber ist, haben wir das Zimmer nach zähen Preisverhandlungen für 50 € am Tag inklusive Elektrostrahlerheizung und exklusive Frühstück genommen. Geschlafen haben wir aus naheliegenden Gründen in unseren Schlafsäcken.
WikiMapia-Links: [Catania], [Taormina], [Piazza Vittorio Emanuele II]
Mittwoch, 05. März 2008
Rita sammelt wilden Spargel, ich bin auf Fotopirsch, Renate sägt Holz. Das Mittagessen genießen wir im Freien bei Sonnenschein und Weißwein aus biologischem Anbau. Heute ist unser letzter Tag in CaseCaroCarrubo. Wir haben uns wohl gefühlt. Hier Urlaub zu machen können wir ohne Einschränkung empfehlen.
Kommentar schreiben Am 29.03.08, 16:20 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Dienstag, 04. März 2008
Ragusa Ibla soll die tollste der Barockstädte sein. Die Lage ist auch einmalig. Die Stadt blieb unverbaut auf der Bergnase erhalten. Nur wirklich belebt kam sie uns nicht vor. Eher wie ein Museum mit Hotels, Ristorante und Bars. Wir fanden es ganz nett, durchwanderten die Gassen und stiegen dann wieder nach Ragusa hinauf. Dort brodeln das Leben und der Verkehr.
Zu dem hatten wir möglichst wenig beigetragen. Morgens liefen wir eineinhalb Stunden nach Comiso zur Haltestelle, um mit dem Bus nach Ragusa zu gelangen. Für den Rückweg wählten wir den Zug. Der rumpelt über eine landschaftlich tolle Strecke, einer Schlucht entlang hinunter nach Comiso. Wir waren die einzigen Fahrgäste nach Comiso. Die Waggons waren uralt, die Bahnhöfe unterwegs und in Comiso im Zustand fortgeschrittenen Verfalls. Schade.
In Comiso bummelten wir in der Abendsonne durch die Altstadt, genehmigten uns ein Gläschen Weißwein in der Bar, schauten im Internet nach Neuigkeiten. Wir hatten uns mit Renate verabredet. Sie nahm uns mit nach Hause und ersparte uns damit eine weitere Nachtwanderung.
CaseCaroCarrubo ist wunderschön. Einen Mietwagen sollten die Gäste aber schon haben. Nur zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es zu beschwerlich.
WikiMapia-Links: [Ragusa Ibla], [Comiso]
Montag, 03. März 2008
Kuschelwarm am Küchenfeuer. Ruhetag. Der Haushund Luzzo, ein Mischling mit kleinem Schäferhundeanteil, profitiert davon und erhält eine Sonderration Streicheleinheiten. Er ist Renate zugelaufen, hat sich seine Bleibe selbst ausgesucht. Jetzt geht es ihm prächtig. Die Zeit davor muss schlimm gewesen sein. Schnelle Bewegungen, das Aufheben von Stöcken oder der Versuch, ihn anzuleinen treiben ihn zur Flucht. Er ist schlau und gelehrig, aber ein großer Angsthase. Ganz im Gegensatz zu Fafa, der schwarzen Katze, ganz Dame mit Ansprüchen. Sie holt sich bei Bedarf die Streicheleinheiten ab. Ihre schwarze Tochter Mimi verbittet sich Annäherungsversuche, verlangt aber nachdrücklich ihr Fressen. Der grau getigerte Kater ist auf Achse, lässt sich kaum blicken. Das ist ein Glück für die vielen Vögel ringsrum. Spatzen nisten unter den Dachziegeln und veranstalten ein wildes Geschrei, wenn die Katzen aufs Dach steigen. Die vielen neu gepflanzten und inzwischen großen Bäume bieten Nistplätze. Eine Seltenheit in der Gegend. CaseCaroCarrubo ist halt auch ein wenig Arche für Tiere.
Die zählen in Sizilien nicht viel, sind bestenfalls Nutzvieh. Wir haben auf unseren Wanderungen schlimme Tierhaltungen gesehen. Speziell bei Wasserbüffeln und Kühen. Massen auf engstem Raum, total verdreckt und abgerissen. Hier hat der heilige Franziskus nicht den Tieren gepredigt.
Sonntag, 02. März 2008
In campagna, auf dem Land, bei Antonio und seiner Frau Elena. Sie sind Freunde von Renate und renovieren einen alten Bauernhof, der später ihr Wohnhaus werden soll. Zwischen Feldern, am Rande einer Schlucht gelegen, bietet er Natur pur. Terrassenfelder und eine Höhle, die als Stall genutzt wurde, gehören dazu. Wasseranschluss gibt es nicht. Die Versorgung wird über eine Zisterne erreicht.
Vor dem Haus hatte der Sohn, Andrea, in einer Stahlwanne ein mächtiges Feuer entfacht. In der Glut wurden dann gefüllte Carciofi gegrillt. Nach Pasta und begleitet von rotem Fasswein ein Schmaus. Für die Siesta hatte Antonio uns Hängematten zwischen die Bäume gespannt. In denen schaukelten wir, bis es dann doch zu kalt wurde und wir uns in die Sonne flüchteten.
Elena ist Russin. Abends saßen wir in ihrer Stadtwohnung in Mòdica zusammen. Sie hatte Buchweizen mit Gemüse gekocht. Bei der Abendkälte das Richtige. Mit Elena und Renate waren wir einer Meinung, dass in Sizilien die Heizungen fehlen. Antonio sah das nicht so. In der Wohnung gibt es eine Klimaanlage für den Sommer, im Winter muss Rotwein als Heizung genügen. Daraus entspann sich eine muntere Diskussion, wo mehr getrunken wird, in Russland oder Sizilien. Elena erzählte, dass sie anfangs befürchtete, ihr Mann und die sizilianischen Freunde seien Alkoholiker. Da war es aber Winter. Antonio wusste, was alle wissen, dass in Russland Unmengen an Wodka getrunken werden. Davon wollte Elena nichts wissen und meinen unsachlichen Hinweis auf den wodkastarken Jelzin konterte sie kurz mit dem Hinweis, dass sie ihn nie betrunken gesehen hat.
WikiMapia-Links: [Mòdica]
Samstag, 01. März 2008
Ausflug nach Chiaramonte Gulfi. Das lag schweißtreibend hoch am Berg, erfreute uns aber mit einer hübschen Altstadt und schönem Ausblick. Verwöhnt von Renates Küche machte das berühmte Lokal mit den Schweinespezialitäten keinen Stich.
Auf kleinen Nebenstraßen waren wir gewandert und hatten zu unserer Verblüffung grabsteingroße Hinweissteine erblickt. Fein eingemeißelt war darauf vom “Gran Sentiero Ibleo” zu lesen. Über den gibt es keine Unterlagen, und wir trafen auch niemanden, der den Weg kennt. EU-Gelder machen das möglich. Da werden Tourismusprojekte eingereicht, die Baufirmen dicke Aufträge bringen, aber völlig unsinnig sind oder nach der Erstellung in Vergessenheit geraten und verfallen. In Comiso wurden in einer Naturschutzzone schicke Wege mit Betonstelen angelegt. In Pantalica wurden Wege angelegt, die heute zugewachsen und verfallen sind, am Fürstensitz eine unnötige Aussichtsplattform aus Holz gebaut und mit einer Infotafel versehen, welche die Anlage seitenverkehrt zeigt. Der zugehörige Text sollte in Italienisch und wohl Englisch geschrieben sein. Tatsächlich war der Text zweimal in der Landessprache. Besonders beliebt sind Holzgeländer entlang von Wanderwegen. Der Typ ist italienweit der gleiche. In der Toskana und in Umbrien umkränzt er Rastplätze, an der Amalfiküste begleitet er unnötig und landschaftsstörend viele Kilometer die Wanderer, in Sizilien alles, was nicht gleich betoniert werden konnte.
WikiMapia-Links: [Chiaramonte Gulfi]
Freitag, 29. Februar 2008
Klack, Klack, Klack - Rita schlägt Mandeln aus der Schale. Luzzo, der Hofhund, schaut zu, ich widme mich wieder dem Kleinholz. Die abgeschnittenen Äste der Mandelbäume leisten zähen Widerstand gegen weitere Verkleinerung. Mit der Baumschere rücke ich ihnen zu Leibe. Sie haben mich geschafft. Die ungewohnte Arbeit lässt an der Hand Blasen schwellen. Ich gebe mich geschlagen.
Statt mich mit Ästen abzuplagen, lese ich von Leonardo Sciascia “mein Sizilien”. Seine bekanntesten (auch verfilmten) Bücher sind die Mafia-Romane “Der Tag der Eule” und “Tote auf Bestellung”. 1989 ist er gestorben. 1995 wurde die Sammlung seiner Notizen zu Sizilien im Verlag Klaus Wagenbach Berlin herausgegeben. Faszinierend und hilfreich zum Verständnis der sizilianischen Kultur und Lebensweise. Hier finde ich auch Parallelen zur faktischen Absetzung der heiligen Lucia und Einsetzung der Madonna der Tränen als Stadtheilige in Siracusa. Sciascia zitiert dazu Pitre, einen frühen Chronisten des Sizilianischen:
“Diese Schutzpatrone sind nicht immer dieselben gewesen. Irgendein Vorfall, ein Unglücksfall, ein die Allgemeinheit betreffender Übelstand genügten, und der alte Schutzpatron wurde durch einen neuen ersetzt, in dessen Schutz die Frommen dann mit Sack und Pack überwechselten. So sehen wir wie in einem Kaleidoskop, wie die heilige Rosalia bei uns in Palermo an die Stelle der heiligen Christina tritt und in Vittoria ihrerseits durch den heiligen Johannes den Täufer, den Schutzpatron vieler Gemeinden in der Gegend von Syrakus ersetzt wird, den in Giniosa wiederum der heilige Nikolaus von Bari verdrängt und in Butera der heilige Rochus, der in Pietraperzia um der Madonna von der Höhle willen in Vergessenheit gerät. Der heilige Nikolaus trägt in Nicosia den Sieg über den heiligen Luca Casale davon, zieht jedoch in Noto den Kürzeren, als man den Sarg des Leichnams von Corrado Confalonieri öffnet, den die Einwohner von Noto schon zu ihrem Schutzpatron erhoben hatten, ehe er heilig gesprochen war. Die heilige Katharina entmachtet in der gleichnamigen Gemeinde Santa Caterina in der Provinz Caltanisetta den heiligen Julius, weicht jedoch selbst der Gnadenmadonna, wie in Niscemi die Madonna mit dem Brief der Madonna vom Wald und in Palazzolo Acreide die Madonna von Odigitria dem heiligen Apostel Paulus, in Montelebre die Madonna vom Rosenkranz dem Gekreuzigten, in Castronovo der heilige Georg dem heiligen Vitalis und in Chiramonte Gulfi der heilige Lorenz, der in Aidone den Platz des heiligen Papstes Leo III erobert, dem heiligen Vitus.
Wenn wir auf die Daten dieser Wechsel schauen, so werden wir sie während oder kurz nach der Pest im Jahre 1624 (Palermo, Monreale, Gungi, Naro, Caltanisetta etc.) oder nach der im Jahre 1743 (Provinz Messina) oder aber infolge irgendeiner unvorhergesehenen Katastrophe (Ausbruch des Ätna, Erdbeben) finden ….”
Sciascia schreibt weiter:” Den unmittelbaren Anlass zu solchen Wechseln gab gewöhnlich eine Vision, die irgendein Einwohner vom neuen Heiligen, der zum Nachfolger des alten Schutzpatrons bestimmt war, hatte oder zu haben vorgab.”
Dieser unbekümmerte Umgang mit den Heiligen setzt sich im Individuellen fort. Jede Kirche bietet an den Seitenaltären und Kapellen einen bunten Strauß von Heiligen. So findet jeder und jede den Platz, seinen Schutzheiligen um Hilfe anzurufen. Dass es unter den Heiligen, gleich Fachärzten, Spezialisten für alle Sorten Gebrechen gibt, kann nicht wundern.
Nun soll, in den zehn Geboten so verordnet, niemand fremde Götter neben dem Allmächtigen haben. Ansatzweise durchgehalten haben das nur die Muslime. Für sie gibt es Allah den Allmächtigen und eine Handvoll Propheten, basta. Im südlichen Italien und in Sizilien dagegen wimmelt eine bunte Welt von Nebengöttern, mit schmerzenden Madonnen an der Spitze, gefolgt vom Heer der Heiligen, deren Zahl der Vatikan auch fleißig mehrt.
Mir scheint das die Fortsetzung der griechischen Götterwelt zu sein. Die war mir immer sympathisch.
Donnerstag, 28. Februar 2008
Aktiv wollten wir sein. Renate hatten wir um sinnvolle Beschäftigung gebeten. Rita konnte Mandeln knacken, ich hatte Grobmotorisches gewünscht und mich an die Zerkleinerung von Baumschnitt gemacht. Gut getrocknet dient das der Heizung im Winter. Die, so finden wir, im Gegensatz zu den Sizilianern, ist um diese Jahreszeit dringend angesagt.
In der großen Wohnküche bullert der Ofen. Von Renate früh geschürt, wärmt er uns beim Frühstück, mittags und abends in gemütlicher Runde. Auch im Gästehaus steht ein Holzofen. Den haben wir bisher nicht genutzt. Abends haben wir den einfachen Weg gewählt und den Gasofen angezündet. Tagsüber war es meistens warm.
Auch heute hat die Sonne geschienen. Rita saß mit dem Hammer bewaffnet an der Steinmauer vor dem Haus und schlug Mandelkerne aus ihrer harten Schale. Ein mühseliges Geschäft, dessen Ergebnis durch meine Geschmacktests geschmälert wurde.
Renates Mittagessen war wieder wunderbar, und bei dem anschließenden Cafè mit einem Schuss Sambuca verging die Zeit wie im Fluge. So wurde es fast 15 Uhr, bis wir gestiefelt und mit Tagesrucksäcken beschert Comiso zustrebten. Zwei Wege führen in die Stadt. Für den Hinweg wählten wir die Strecke über den Berg, der Rückweg sollte taleben sein.
Verlaufen haben wir uns nicht. Dennoch benötigten wir zwei Stunden bis zur Stadtmitte. Nach eineinhalb Stunden kamen wir am Schloss des Marchese Canicarao vorbei. Eine Sozialcooperative betreibt das Gut und bietet auch Bed & Breakfast im romantisch bröckeligen Gemäuer. Im großen, hochherrschaftlichen Brunnen tummeln sich Enten, Gänse fauchten wenig friedfertig nach uns mit gereckten Hälsen.
Dem Frieden gewidmet ist das buddhistische Heiligtum auf dem Berg hinter dem Schloss. Weiß strahlt die Kuppel der Stupa ins Tal, Gebetsfahnen flattern im Wind.
Nachdem wir auf unserer Wanderung schon auf der Baar bei Schwenningen an einer Stupa vorbeikamen, hat uns das nicht mehr überrascht. Das Heiligtum in Comiso war auch Ergebnis des Widerstandes gegen die Atomraketen. Morishita, ein buddhistischer Mönch aus Japan, lebte zehn Jahre im Friedenscamp Vigna Verde und baute mit vielen Helfern die Friedenspagode.
Für uns war es zu spät geworden um hinaufzusteigen. Wir mussten uns beeilen, wollten wir doch vor der Dunkelheit wieder zuhause sein.
Die folgende halbe Stunde bis zur Stadtmitte war auch nur im Eilschritt zu ertragen. Dreiachsige Laster, mit Abraum aus den Steinbrüchen schwer beladen, quälten sich wie am Band über den ausgefahrenen Weg und ließen die Landschaft und uns im Staub versinken.
Kaum dass wir die staubige Straße hinter uns hatten, jagte uns der Autoverkehr auf der gehweglosen Einfallschneise in die Stadt. Wir flüchteten in eine Nebenstraße, klein, schmal, ohne Verkehr und erreichten das nette Zentrum des Städtchens. Zur Besichtigung blieb uns nicht viel Zeit. Ein Blick in die große Kirche, Post einwerfen, Brot kaufen, und schon war es wieder höchste Zeit, uns auf den Rückweg zu machen.
Allzu schnell war die Sonne abgetaucht. Straßenlampen leuchteten uns gelbfahl die ersten Kilometer, dann wurde es Nacht. Die Straße schrumpfte zum Feldweg, dessen tiefe Kuhlen, Rillen und Wellen nur noch zu ahnen waren. Nicht einmal der Mond ließ sich sehen.
Tapfer nahmen wir uns an der Hand und stolperten geradeaus. Immer geradeaus, vorbei an großen Feldern, kläffenden Hunden, düsteren Baumreihen, verlassenen Gehöften. Gefühlsmäßig glaubten wir, angekommen zu sein. Rechts, etwas entfernt, lag ein Bauernhof. Dahinter ein Berg, schemenhaft weiß die Steinmauern, dunkle Schatten wie Wald. Doch kein Abzweig zu CaseCaroCarrubo.
Ein Anruf bei Renate brachte dann Sicherheit. Hundert Meter weiter fanden wir den gesuchten Weg.
WikiMapia-Links: [Comiso], [Schloss des Marchese Canicarao], [Friedenspagode], [Case Caro Carrubo]
Mittwoch, 27.Februar 2008
Wieder ein Ruhe- und Lesetag. Ganz untätig sind wir nicht geblieben. Wir haben das Grundstück erkundet. Der Ebene zu liegt, gleich neben dem meist trockenen Bachbett, auf leicht ansteigendem Grund, der Olivenhain. Der gepflügte und geeggte Boden leuchtet in hellen Brauntönen, die Stämme der meist jungen Bäume haben einen weißen Baumanstrich. Der, so habe ich gelernt, pflegt die Rinde, bewahrt deren natürliche Elastizität und setzt allmählich Spurenelemente frei, die von den Wurzeln aufgenommen werden.
Den Hang hinauf gelangen wir zu den ersten Terrassenfeldern, noch drei bis vier Meter breit, der Boden auch bearbeitet, von Bäumen bestanden oder mit Gemüse bepflanzt. Dann geht es steil berauf, die Terrassen werden schmal, auch hier Oliven- und Mandelbäume, dazu verschiedene Obstbäume, Zypressen, vereinzelt kleine Palmen und an den Steinmauern die weit ausladenden Ohrenkakteen. Ein kleiner Wald, der mit dem Johannisbrotbaum am Zufahrtsweg und den Häusern endet.
Zwischen den Häusern Büsche und Blumenbeete, Veilchen blühen, Rosmarinstauden, schulterhoch, blau blühend, einschmeichelnd sanft duftend. Hinter den Häusern, weiter den Hügel hinauf, stehen Mandelbäume, die, gerade verblüht, frischgrüne schmale Blätter ausgetrieben haben. Wo Felsen die dünne Bodenschicht durchbrochen haben steht bodendeckend wilder Thymian, den wir mit unseren Händen durchstreifen und dann den würzigen Duft erschnuppern.
Auf dieser steinig würzigen Fläche finden wir die Eidechse. Aus Steinen gelegt, windet sie sich viele Meter lang und noch aus großer Ferne gut sichtbar, den Hang hinab. Die Augen, zwei große Steine, leuchten kalkweiß und geben dem steinernen Wesen Leben.
Dienstag, 26. Februar 2008
CaseCaroCarrubo ist, wie Rita sagt, eine Insel auf der Insel. Das gilt in vielerlei Hinsicht.
Das Grundstück, rund vier Hektar, ist eine grüne, baumbestandene, mit blühenden Büschen und Blumen bunt leuchtende, von hellen Trockensteinmauern umfasste Insel inmitten karstig kahler Bergrücken und Weideflächen. Der Mandel- und Olivengarten ist Einkommensquelle und Zier zugleich, die Jungbäume fein geschnitten, die Gemüsebeete liebevoll gepflegt. Hauspatron ist der große Johannisbrotbaum. Im Sommer gesuchter Schattenspender und bevorzugter Aufenthaltsort. In seinen dicken, weit ausladenden Ästen ist ein Baumbett gebaut. Wir ziehen die Wärme des Gästehauses und der großen Küche vor.
1992 wurde mit dem Wiederaufbau der verlassenen und stark verfallenen Gebäude und der Rekultivierung des Landes begonnen. Heute sind das Haupthaus, das Küchenhaus und das Gästehaus fertiggestellt, ein drittes Haus zum Teil renoviert. Dabei wurden ökologische Grundsätze eingehalten. Solarzellen dienen der Lichterzeugung, und eine Solaranlage der Warmwasserbereitung. Auch damit ist CaseCaroCarrubo eine Insel auf der Insel.
Nicht genug. Es ist ein gemeinschaftliches Projekt und Begegnungsstätte. “Gemeinschaftliches Leben und Arbeiten als ein bewusstes Lernen mit- und aneinander trägt viel zum persönlichen Wachstum und zur Entwicklung bei”, schreiben die Initiatoren in einer Selbstdarstellung. Unterstützt wird das Projekt durch das Modell Wasserburg e.V., ein Verein in der Nähe von Lindau am Bodensee ( www.eulenspiegel-wasserburg.de ).
Viele Menschen haben mitgebaut, mitgeholfen, sich an der Finanzierung beteiligt. Keimzelle und Schlüsselpersonen sind Renate Brutschin und Nunzio Taranto. Nunzio ist in Comiso aufgewachsen. Ihn haben wir nicht kennen gelernt. Er lebt mit seiner Partnerin überwiegend in der Schweiz. Renate ist zur Zeit die einzige ständige Bewohnerin. Sie hat 16 Jahre im “Gemeinsam-Wohnen-und-Arbeiten-Projekt” Eulenspiegel, einer Gaststätte, die wirtschaftliche Grundlage und Kommunikationsort der Gemeinschaft war, gelebt und gearbeitet. CaseCaroCarrubo wurde, neben ihrer künstlerischen Arbeit, dem Malen, zur neuen Aufgabe.
Uns hat sie angeboten, gemeinsam mit ihr zu kochen und zu essen. Das haben wir gerne angenommen. In der großen Wohnküche sind wir ihr zur Hand gegangen, und sie hat uns mit leckeren vegetarischen Gerichten erfreut. Frühmorgens hat sie den Ofen angeheizt, und wenn wir endlich aus den Federn kamen war’s kuschelig warm und das Frühstück gerichtet.
Noch schöner: Wir haben von ihr reichlich Literatur bekommen. Unterhaltsames und Ernstes aus und über Italien, speziell Sizilien.
In schöner Umgebung Zeit zum Lesen zu haben ist ein unerhörter Luxus.
WikiMapia-Links: [Case Caro Carrubo]
Montag, 25. Februar 2008
Busfahrpläne sind eine Wissenschaft für sich. Von Modica nach Comiso wollten wir. Der ausgehängte Plan zeigte uns eine Verbindung um 10:30 Uhr. Perfekt! Nicht zu früh und nicht zu spät. Wir waren zeitig da, warteten und warteten. Mit uns viele andere. Busse kamen und gingen. Nach Catania, Siracusa, Ispica, Pozallo, Scicli, Ragusa …., keiner nach Comiso. Gegen elf Uhr glaubten wir an keine Verspätung mehr und suchten nach Ursachen für das Ausbleiben. Dabei fanden wir auf der Rückseite der Anschlagtafel einen weiteren Plan mit anderen Abfahrtszeiten. Bis auf die verschiedenen Zeiten schien alles gleich. Erst bei genauerem Studium stellten wir in der Kopfzeile des Aushangs den winzigen, aber entscheidenden Unterschied fest. “Per” oder “da”, von oder nach Modica. Wir hatten unter “nach” Modica gesucht. “Von” Modica fuhr der nächste Bus erst um 13:00 Uhr. Auch gut.
Unsere Rucksäcke deponierten wir in einer Raststätte am Busbahnhof. An der Theke arbeitete eine junge Deutsche, die ihrem Liebsten nach Sizilien gefolgt war. Modica fand sie ganz nett, mehr nicht. Sie verwahrte für uns die Rucksäcke und wir schlenderten zum Abschied nochmal durch die Stadt, aßen eine Kleinigkeit in der Raststätte, schnappten unsere Rucksäcke und freuten uns über den pünktlich ankommenden und abfahrenden Bus.
Der trug uns aus der Schlucht von Modica hinauf auf die Hochebene, weiteren Schluchten und Einschnitten entlang nach Ragusa. Zuerst sahen wir Ragusa Ibla, die alte Stadt, auf einer Felsnase gelegen, die kleinen Häuser wie Bauklötze übereinander an den Berg gestapelt, die Spitze von einer Kirche mit hoch aufragender Kuppel gekrönt. Dahinter Ragusa. Die Neustadt hat sich weit in die Hochfläche hineingefressen. Moderne Bauten und Industriegebiete haben die traditionellen Weideflächen überwuchert. Nur in der Provinz Ragusa sind alle Felder und Weiden akkurat mit Trockensteinmauern eingefasst. Hunderte von Kilometern dieser kalksteinweißen, von Generationen aufgebauten Mauern überziehen wie ein Netz aus unregelmäßigen Rechtecken das Land. Die Wege dazwischen wie Kanäle, in denen das Vieh zu den Weiden getrieben wurde und die heute sich begegnende Autofahrer verzweifelt nach Ausweichmöglichkeiten suchen lassen.
Wir hatten nur kurzen Aufenthalt in Ragusa. Die SS 115 hat das Autofahren leicht gemacht. Hohe Brücken überspannen die Schluchten, und das breite Asphaltband durchschneidet rigoros die kleinen Parzellen und schafft so schnelle Verbindung zwischen den Orten. Für uns nach Comiso. Wenige Minuten nach Ragusa sehen wir vom Rand des Hochplateaus die Stadt unter uns liegen. In Serpentinen windet sich die Straße ins Tal des Ippari, eine weite Ebene, aus der die Gewächshäuser und mit Plastikplanen überzogenen Felder wie Eisflächen heraufspiegeln.
In wilder Kurvenfahrt brachte uns der Bus hinunter, tauchte ein in das Verkehrsgewühl der Stadt und entließ uns auf der beschaulichen Piazza Majorana, der zentralen Bushaltestelle. Dort wurden wir von Renate abgeholt. Wir hatten uns schon vor Weihnachten telefonisch abgesprochen und uns dann von Siracusa aus für heute verabredet. CaseCaroCarrubo, die Häuser zum lieben Johannisbrotbaum, wollten wir kennen lernen. Das Wohnprojekt hat seine Wurzeln im Friedenscamp “Verde Vigna” an der US-Militärbasis Comiso, einem der größten Atomraketenstationierungsorte Europas.
Die Atomsprengköpfe sind weg, die Basis weitgehend geräumt und für uns nur deshalb sichtbar, weil in der untergehenden Sonne der Wasserturm der Amerikaner wie ein Raumschiff stählern linsenförmig auf hohen, dünnen Stelzen in der Ebene halb zu schweben scheint.
CaseCaroCarrubo liegt an den Ausläufern der Monti Iblei, auf halbem Weg zwischen Comiso und dem Bergstädtchen Chiaramonte Gulfi. Schön an einem Hügel gelegen, haben wir einen weiten Blick in die Ebene, bis hin zum Meer, das 25 km entfernt im Westen dunstig schimmert.
Wir ziehen in das hübsche Gästehaus und schauen von der mit gelbem Jasmin blühend umwachsenen Veranda in den Sonnenuntergang.
WikiMapia-Links: [Modica], [Comiso], [Ragusa Ibla], [Ragusa], [Piazza Angelo Majorana], [Chiaramonte Gulfi], [Case Caro Carrubo]
Sonntag, 24. Februar 2008
Die Morgensonne hatte es erst spät geschafft etwas Wärme in die Stadt zu bringen. Wir schlenderten noch einmal auf den Wegen, die wir zuvor mit Raffaele gegangen waren, saßen in der Sonne, tranken Aperol mit Eis! und beobachteten das laute sonntägliche Treiben auf der Piazza. Ein kleiner Krustel-Antikmarkt am Platz hatte zusätzlich Besucher angezogen, den Verkehr behindert und uns erfreut.
Als es nach Mittag langsam wieder kalt wurde, räumten wir unseren Beobachtungsplatz und ruhten in unseren Schlafsäcken.
Morgen heißt unser Ziel Comiso. Da wurden mal Demonstranten zusammengeknüppelt und Atomraketen stationiert. Da wollen wir hin.
WikiMapia-Links: [Mòdica], [Comiso]
Kommentar schreiben Am 29.03.08, 16:17 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Samstag, 23. Februar 2008
Die in Mòdica gefertigte Schokolade ist nicht unser Ding. Sie ist von kristalliner Konsistenz. Wir mögen die couchierte glatte Schokolade. Von Zotter zum Beispiel. Umwerfend gut sind die Biscotti di Mandorla, das Mandelgebäck. Das gibt es in x Varianten. Ein Überraschungscoup gelingt der netten Verkäuferin bei Bonaiuto. Sie serviert uns grüne, in Öl eingelegte Oliven. Die kommen aber nur so daher, in Wirklichkeit bestehen sie aus Marzipan. Trotz oder wegen des Olivenöls ein leckeres Häppchen.
Marzipan mag ich nicht. Seit Kindheitstagen ist es mir herzlich zuwider. Auf Sizilien habe ich meine Meinung geändert. Marzipan ist hier keine harte, kompakte Süßbombe, sondern eher mürb, luftig und mit feinem Mandelgeschmack.
Heute Morgen hat uns Raffaele auf der Straße aufgelesen. Wir bewunderten gerade barocke Balkonverzierungen, Fratzen, Fabeltiere, als er uns ansprach und uns Führung durch seine Heimatstadt anbot.
Raffaele ist Ende 60, Rentner, liebt sein Mòdica, seine Frau, seine zwei Töchter und zwei Enkel, deren Foto er uns stolz zeigt. Zweieinhalb Jahre hat er in Deutschland, bei VDM in Mainz, gearbeitet. Das war Ende der 60er Jahre. Deutschland, sagte er, hat ihm gut gefallen. Als Kulturschock ist ihm das Frühstück mit Ei, Wurst und Käse in Erinnerung geblieben. Für ihn war das ein Mittagessen. Frühstück, prima colazione, ist ein Cafè, eine Zigarette - basta.
Dann das viele Bier. Daran hatte er sich gerade gewöhnt, “Oktoberfest, oi joi joi!”, dann erledigte ihn eine Einladung zu Bier und Schnaps. Zwei Tage habe er gebraucht, um sich davon zu erholen.
Uns schenkte er schöne Erinnerungen an Mòdica. Auch wenn wir nur ein Drittel seiner Erzählungen zu Kirchen, Gassen und Plätzen verstanden - er trug die Geschichte und Geschichten so lebhaft vor, dass wir mitgerissen schauten und lauschten. Er öffnete uns Türen, die uns sonst verschlossen geblieben wären, fuhr uns in seinem Wagen zu schönen Aussichtsplätzen, saß mit uns in Kirchen und erzählte, wie es in seiner Jugendzeit war und vermittelte uns damit ein lebendiges Bild von Mòdica. Den Vormittag und, nach einer Mittagspause den ganzen Nachmittag hatte er für uns reserviert. Abends verabschiedeten wir uns wie Freunde.
Wir folgten seinem Tipp. In einer Osteria saßen wir warm, aßen beste örtliche Bauernküche und schlüpften danach schnell, zurück im feuchtkalten Palazzo, in unsere Schlafsäcke.
WikiMapia-Links: [Mòdica], [Antica Dolceria Bonaiuto Di Ruta Carmelo], andere Links: [Antica Dolceria Bonaiuto Di Ruta Carmelo]
Freitag, 22. Februar 2008
Zum Abschied zeigte sich Syrakus noch einmal in bestem Licht. Die Sonne schien uns frühmorgens ins Bett, das Meer lag still , glitzerte und funkelte, langschnabelige weiße Vögel (keine Ahnung was das für welche sind) jagten, sich unter schrillen Schreien steil ins Meer stürzend, kleine Fische. Wir packten unsere Rucksäcke und verließen die Insel Ortigia und Syrakus.
Fast zwei Stunden kämpfte sich der Bus über schmale Straßen und durch zugeparkte Städtchen, bis wir Mòdica erreichten. Sie ist eine von acht Städten, die für ihr barockes Stadtbild von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Palazzolo Acrèide und Noto hatten wir schon gesehen. Mòdica war Ritas Wunsch. Es ist berühmt für seine Schokolade, sein Mandelgebäck und viele andere süße Köstlichkeiten. Hier ist die barocke Stadt nur Verpackung für einen Inhalt, der barocke Körperformen erzeugt.
Die Stadt ist in den Zusammenstoß zweier tiefer Schluchten gebaut. Das gibt ihr ein dramatisches Äußeres und bildet einen schönen Kontrast zum süßen Inhalt und den barocken Formen. Bed & Breakfast haben wir in einem alten Palazzo genommen. Unser Zimmer ist groß, hell, mit Gewölbedecke und meterdicker Außenwand. Im Sommer eine feine Sache. Im Winter saukalt, feucht und mit dem alten Klimagerät nicht warm zu bekommen. Dafür sind die Vermieter sehr nett. Junge Leute, die das Haus als Ferienprojekt in Form einer Cooperative betreiben. Das allein wärmt uns nicht. Wieder erweisen sich unsere Daunenschlafsäcke und die merinowollene Unterwäsche als wichtigste Ausrüstungsteile.
WikiMapia-Links: [Insel Ortigia und Syrakus], [Mòdica], [Palazzolo Acrèide], [Noto]
Donnerstag, 21. Februar 2008
Letzter Tag in Syrakus. Morgen reisen wir weiter nach Mòdica, der Schokoladenmetropole.
In zwei Internetpoints brachte ich die Rechner zum Absturz, weil ich von meinem passwortbewehrten USB-Stick Bewerbungsunterlagen herunterladen wollte. Dazu wird auf dem Gastrechner ein kleines Programm installiert, über das ich das Passwort eingeben kann. Den automatischen Installationsversuch quittierten beide Rechner mit einer Notabschaltung. Die Rechner wurden heruntergefahren. Das Personal im Internetpoint konnte sich das nicht erklären, ich machte ein unschuldiges Gesicht und versuchte es an anderer Stelle erneut. Mit dem gleichen Ergebnis.
Ich nehme das als Zeichen, dass die Zeit für Bewerbungen noch nicht gekommen ist.
Mittwoch, 20. Februar 2008
Eine Orgie in Barock. Noto war heute unser Ausflugsziel. Den Weg zum Busbahnhof haben wir in nicht mal 20 Minuten geschafft. Notgedrungen - wir hatten zu lange gefrühstückt und wollten den Bus erreichen. In letzter Minute kamen wir außer Atem an. Eine Stunde später stiegen wir erholt in Noto aus.
Wie alle Städte hier im Süden wurde auch Noto 1693 durch ein Erdbeben völlig zerstört und in barocker Pracht wieder aufgebaut. In keiner der Städte blieb das barocke Stadtbild so erhalten wie in Noto. Es gilt deshalb als Perle der Barockarchitektur. Das können wir bestätigen. Von der Dachterrasse des Clarissenklosters hatten wir eine tolle Aussicht auf die alte Stadt. Alles leuchtet in der honiggelben Farbe des Kalksandsteines, aus dem die Kirchen, Palazzi und Häuser gebaut sind. Vieles ist neu renoviert, alles stark auf den Tourismus ausgerichtet und deshalb fast zu schön um wahr zu sein.
Wir saßen auf der Piazza XVI. Maggio, tranken Cafè, genossen die Sonne, die schöne Umgebung und machten uns bei Zeiten auf den Rückweg nach Syrakus.
WikiMapia-Links: [Noto], Clarissenkloster ?, [Piazza XVI. Maggio], [Syrakus]
Dienstag, 19.Februar 2008
Ein Tag am Meer und doch zu Hause. Morgens gingen wir auf den Markt einkaufen, nachmittags besuchte ich einen meiner Lieblingsplätze, den Waschsalon.
Von Hand waschen ist nicht mein Ding. Im Waschsalon fühle ich mich besser. Die Technik ist narrensicher. Drei Programme: Heiß, lauwarm, kalt, was Baumwolle, Synthetik und Wolle entspricht. Ein Automat zur Ausgabe von Waschmittel und riesige Wäschetrockner mit wahlweise sechs oder zwölf Minuten Laufzeit. Ich blieb auf der sicheren Seite. Alles lauwarm mit Feinwaschmittel waschen und zwölf Minuten sanft trocknen. Nach einer dreiviertel Stunde war alles erledigt. Alles sauber, alles trocken. Der Technik sein Dank.
Im Internet haben wir nach Übernachtungsmöglichkeiten in Mòdica recherchiert. Freitag fahren wir in diese kleine Stadt im Hinterland.
Montag, 18. Februar 2008
Zweiter Anlauf nach PantĂ lica. Jetzt hatten wir wirklich Ahnung. In Sortino kannte mich der Metzger noch, ein Bauer kommentierte unser Wiedersehen freundlich. So klein ist das Städtchen und wirklich nett.
Heute benötigten wir nur eine Stunde bis zum Schutzgebiet. Das Wetter war schön, aber saukalt. Im Durchgang zur Schlucht der Calcinara war in den Wegpfützen das Wasser von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Wir beeilten uns, in die Sonne zu kommen. Die schien uns in der Anaposchlucht. Auf halber Höhe wanderten wir durch weitere Nekropolen. Eine Grabhöhle fanden wir auch bewohnt. Eine mit Heu gepolsterte Schlafstätte, Mantel, Salz, Kochtopf und ein Vorrat an Feuerholz zeugten von einem Bewohner. Angetroffen haben wir ihn nicht.
Im 3. Jahrhundert u.Z. hatten sich verfolgte Christen hier niedergelassen und die Grabkammern zu Wohnungen und Kirchen umgenutzt. Die byzantinischen Kapellen fanden wir in beklagenswertem Zustand.
Höhepunkt unserer Wanderung, auch im geografischen Sinn, war Anaktoron mit den Grundmauern des megalithischen Palastes. Der liegt auf der höchsten Stelle des Plateaus, auf dem die Stadt der Sikuler vor dreitausend Jahren errichtet wurde.
Rita hatte ihn zuerst gesehen, obwohl sie ihre Brille in Syrakus vergessen hatte und sie in ihrer Fernsicht eingeschränkt war. Gegenüber strahlte Sortino in der Abendsonne. Im Hintergrund stand mächtig und weiß der Gipfel des Ätna. Ein unwirklich schönes Bild, das nur vom Palast aus zu sehen war.
Auch ich hatte meinen Part bei der Vergesslichkeit und unsere Digi-Kamera nicht eingepackt. Einer der schönsten Ausblicke blieb so ungeknipst, aber unvergesslich in unserem Gedächtnis.
WikiMapia-Links: [Sortino], [Nekropole PantĂ lica], [Anaktoron], [im Norden der Gipfel des Ätna], andere Links: [Pantalica], [Pantalica], [Karte, Lage von Pantalica], [Übersichtskarte (unter den Bildchen liegen Links)], [Anapo], [PantĂ lica]
Sonntag, 17. Februar 2008
Sonne, Wind und Wellen. Es ist ziemlich kalt. Leidlich warm saßen wir am Frühstückstisch und kommentierten den Vorbeilauf der mehr oder minder erschöpften Teilnehmer des 18. Stadtmarathon von Syrakus. Nachmittags wagten auch wir uns aus der Höhle, schlenderten um die Insel, bekamen noch den Zieleinlauf des letzten, zähen Teilnehmers zu sehen, tranken Cafè und suchten wieder die häusliche Wärme.
Samstag, 16. Februar 2008
Im Hinterland, 45 Kilometer von Syrakus, inmitten der Monti Iblei, liegt Palazzolo Acrèide, ein nettes Bergstädtchen. Auf 700 m Höhe überragt es das Gebiet bis zur Küste. Im 7. Jahrhundert v.u.Z. wurde es von Syrakus unter dem Namen Akrai gegründet. Unterhalb der Reste der antiken Stadt liegt die nach dem Erdbeben von 1693 in barockem Stil wieder aufgebaute Stadt. Das ist schon ein paar Tage her, was sich im Stadtbild bröckelnd zeigt. Der Ortskern um die Piazza del Popolo ist freundlich, gegen Abend, wenn die Läden geöffnet und die Straßen belebt sind, richtig heimelig. Die Rentner stehen in Gruppen vor den Bars, Frauen mit Kindern streben dem Abendgottesdienst zu. Die von steinernen Löwen bewachte und mit allerlei Fratzen und barockem Geschnörkel verzierte Kirche thront hoch über dem Platz, nur über eine steile Freitreppe zu erreichen. Gehbehinderte Alte werden sich wohl eine der vielen anderen Kirchen im Städtchen aussuchen müssen.
Wir interessieren uns heute nicht für Kirchen, sondern für die Casa Museo Antonio Ucello. Der Namensgeber und Gründer war Dichter und Anthropologe. Sein Ziel war es, Sitten, Gebräuche, Traditionen, Gegenstände, Trachten, Musik, Erzählungen, Überlieferungen und Bilder der bäuerlichen sizilianischen Kultur zu dokumentieren und zu erhalten. In einem alten Haus gestaltete er die Räume im Stil eines für die ibleischen Berge typischen Bauernhauses. Im Erdgeschoss die Arbeitsräume des Vorarbeiters, im zweiten Stock die Zimmer des Landbesitzers.
Mahlwerke und Pressen zur Herstellung von Olivenöl, Honigpressen, Ackergeräte ganz aus Holz, Haushaltseinrichtungen, Heiligenbilder, Theaterpuppen, ein Hausaltar - alles in 30 Jahren zusammengetragen und jetzt liebevoll im Kontext zum räumlichen Leben gezeigt.
Wir waren wieder einmal spät dran. Kurz vor 12 läuteten wir an der Museumspforte. Um 13 Uhr ist unumstößlich Mittagspause. Unsere Führerin durch das Museum sorgte dann auch freundlich aber bestimmt dafür, dass wir die Casa Museo zügig durchschritten. Um 12:55 Uhr wurden wir wieder zur Pforte geführt und verabschiedet.
Im Museum war es kalt gewesen. Draußen pfiff dazu ein kalter Wind. Essenszeit war es auch. Unscheinbar, in einer Nebenstraße gelegen, fanden wir das Ristorante Andrea. Stolz klebt der Slowfood-Aufkleber an der Tür. Spezialität sind Gerichte aus den Monti Iblei. Wir leisteten uns das Degustationsmenü und wurden nicht enttäuscht. Brot, Pasta, Soßen - alles selbst gemacht. Auch eine Orangenmarmelade, die es mit Feigen und Datteln zu sizilianischem Käse gab.
Mit meinem brachialen Minimalitalienisch fragte ich nach der Marmelade, erfuhr, dass sie wöchentlich frisch aus biologisch angebauten Orangen für den Eigenbedarf gefertigt wird. Meine Fragerei muss so dummdreist gewesen sein, dass wir zum Abschied ein Glas davon geschenkt bekamen.
Schwerst gesättigt traten wir den griechischen Hinterlassenschaften näher. Bissig kalt blies der Wind durch das antike Teatro Greco, die Steinbrüche und Tempelreste. Nur in den Grabkammern war es nicht so kalt, aber eben auch nicht gemütlich. Wir zogen eine Umwanderung auf der Panoramastraße der weiteren Trümmererkundung vor, gingen bei Sonnenuntergang hinab in die Stadt, vorbei an unglaublich vielen schönen Cafès, tranken heißen Tee in einem solchen und hofften, dass der letzte Bus nach Syrakus um 19 Uhr fährt. Tat er auch.
WikiMapia-Links: [Palazzolo Acrèide], [Akrai], [Piazza del Popolo], [Kirche thront hoch über dem Platz, nur über eine steile Freitreppe zu erreichen], [Casa Museo Antonio Ucello], [Ristorante Andrea], [Teatro Greco]
Freitag, 15. Februar 2008
Haushaltstag. Um staubbedingte Reizungen von Ritas Bronchien zu verringern, haben wir unsere Wohnung von unten bis oben nass geputzt, die Betten frisch bezogen, Handtücher getauscht und Decken ausgeschüttelt.
Unsere Wohnung ist in einem alten Palazzo. Der ist frisch renoviert, was man ihm von außen nicht ansieht. Die Tür zur Wohnung, zweiflügelig, groß, mit zu Gitter verflochtenem 18er-Rundstahl bewehrt, dahinter Glas, ist unsere Tür und unser Fenster zur Wohnküche zugleich. Die Straße ist unsere Terrasse zum Meer. Wohnhöhe in den alten Palazzi sind etwa 4,80 Meter, was bei uns den Einbau einer Galerie ermöglichte. Sie trägt unser Schlafzimmer, aus dem unser Blick, ebenfalls durch Gitter, übers Meer geht. Wenn morgens die Sonne hinter dem Horizont aus dem Meer steigt, das ist zur Zeit kurz nach sieben, scheint sie uns direkt ins Bett.
Nicht selten versucht das Meer auch so weit zu kommen. Vom Wind zu sich überstürzenden Wogen aufgebaut, gegen die felsige Steilküste geworfen, zu Gischt zerschmettert, überzieht es die geparkten Autos und unsere Fenster mit schmutziggrauen Salzkristallen, dringt durch Tür- und Fensterritzen und lässt unsere Vorhänge im Rhythmus von Wind und Wellen schweben.
Im Anschluss an unsere Wohnküche wurde das Bad mit WC, Bidet und Dusche eingebaut. Schön gemacht. Geheizt wird über die Klimaanlage. Für Ritas Bronchien nicht optimal, aber ausreichend warm. Die wenigsten Häuser hier verfügen über eine Heizung. Ist die Sonne weg, wird es im Winter feucht und kalt. Die Menschen mit wenig Geld sitzen dick vermummt in ihren Wohnungen, nur notdürftig von kleinen Elektrostrahlern gewärmt.
Nach dem Einkaufen, Putzen und einer wärmenden Minestrone haben wir uns ins kuschelig warme Bett verzogen, den Regen ohne uns Rauschen lassen und sind erst abends zu einem kurzen Bummel durch die Stadt aufgebrochen.
Donnerstag, 14. Februar 2008
Mehrere hundert Meter tief haben sich der Anapo und sein Nebenfluss, die Calcinara, in den Kalkstein hinein gefressen. Das zwischen den Flüssen entstandene Felsplateau war schon in der Bronzezeit seit dem 13. Jahrhundert v.u.Z. von den Sikulern, einer der frühen Kulturen auf Sizilien, besiedelt worden. Auf zwei Seiten von den Felswänden der Schluchten gut geschützt, hatten sie ihre Stadt auf dem Hochplateau gebaut. Sie war aus Holz, von ihr ist außer den Grundmauern des Herrschersitzes nichts geblieben. Was blieb sind über 5000 Grabhöhlen in den Schluchtwänden. PantĂ lica heißt die Totenstadt. Sie wollten wir zu Fuß erkunden.
Mit dem Auto ist das kein Problem. An den Eingängen zum Schutzgebiet sind Parkplätze eingerichtet. Von hier aus kann mensch in gut vier Stunden eine Rundwanderung durch die Schluchten und über das Plateau unternehmen. Wir näherten uns mit dem Bus über Sortino, einem netten Bergstädtchen, 6 Kilometer Berg und Tal vom Schutzgebiet entfernt.
Morgens schien uns die Sonne ins Bett, kein Wölkchen am Himmel. Ideales Wanderwetter. 30 Minuten zu Fuß bis zum Busbahnhof. Nach einer Stunde Fahrt über Stadt und Land auf den Berg sahen wir die von Schnee weiße Spitze des Ätna, passend mit Rauchfahne, und erreichten um 10 Uhr Sortino.
Der Busfahrer fragte ungläubig, ob wir wirklich nach Pantalica wollten. Von hier seien es wenigstens 6 km nur bis zum Parkeingang. Wir gaben uns aufgeklärt, nickten wissend, er ließ uns an einer Abzweigung aussteigen und wir machten uns fröhlich auf den Weg. Rita mit stark lädierten, schmerzenden Bronchien, ich mit einem Rucksack voll Verpflegung. Die Straßenkilometer zogen sich in die Tiefe, wieder in die Höhe und vor allem in die Länge. Nach einer Stunde erwarteten wir sehnlich hinter jeder Biegung den Eingang. Doch wir brauchten fast zwei Stunden bis wir am Zugang zur Schlucht der Calcinara standen.
Eine wilde Gebirgslandschaft tat sich vor uns auf. Weiße Kalkfelsen, von Wind und Wetter zerfressen, steile Abbrüche, unterbrochen von schmalen Bändern mit Gras und Bäumen, bilden die Wände der Schlucht, tief unten, versteckt unter Oleanderbüschen, das Flüsschen Calcinara.
Der Weg in die Schlucht ist tausende von Jahren alt. Karrenbreit in den nackten Fels gemeißelt, durch Erosion, Steinschlag und Erdrutsche teilweise zerstört, führt er vorbei an einzelnen Grabkammern, deren viereckige Eingänge, Türen gleich, wie frisch gemeißelt wirken. Dahinter liegen Grabkammern. Die Neueren klein, ältere wohnzimmergroß.
Wir machten erstmal Pause, saßen auf dem herausgeschlagenen Felsweg in der Sonne und konnten uns nicht satt sehen. Das Vesper war schnell verzehrt. Die Neugier trieb uns weiter, und dann sahen wir, was Pantalica so berühmt gemacht hat. An der gegenüberliegenden Seite der Schlucht, in senkrechten Felswänden, Öffnung an Öffnung, viereckige, schwarze Löcher, Eingänge in Unbekanntes. Die Sikuler hatten ihre Toten in diesen aufwändig herausgemeißelten Kammern bestattet. Harter Kalkstein musste dazu herausgebrochen werden. Welch ein Aufwand zu einer Zeit, als es gerade mal Werkzeuge aus Bronze gab. Für die Sikuler muss der Tod der Anfang einer weit wichtigeren weiten Reise gewesen sein. Warum sonst hätten sie sich diese Mühe machen sollen?
Wir stiegen den steinernen Pfad hinab bis zum Fluss. Der plätschert glasklar, von Oleander beschattet, zwischen rundgeschliffenen Kieseln, darunter große braune, poröse, wie Lavabomben ausschauende Brocken, und sammelt sich auf seinem Weg zum Anapo immer wieder in graugrün schimmernden Becken, die ungetrübten Badegenuss versprechen. Mir war es dann doch zu kalt. Die Zeit war schon fortgeschritten, und wir wollten mehr sehen.
Auf Trittsteinen überquerten wir das Flüsschen, der gemeißelte Felsweg nahm uns wieder auf und führte uns zwischen Grabkammern nach oben. Jede Grabanlage hat ihren gemeißelten Zugang. Nur die Kammern in den senkrechten Wänden sind unerreichbar.
Wir wanderten jetzt am Sockel des Plateaus, das die Stadt der Sikuler trug und wechselten zur Anaposchlucht. Sie ist tiefer, breiter und ebenso Teil des Schutzgebietes. Den Fluss entlang rumpelte früher eine Schmalspurbahn. Heute ist die Trasse Wanderweg, auf dem ein Kleinbus Touristen 13 km durchs Tal kutschiert.
Wir wollten uns in der Schluchtwand auf alten Wegen bewegen, doch die fortgeschrittene Zeit zwang uns zur Umkehr. Um 18:30 fährt der letzte Bus von Sortino nach Syrakus. Den wollten wir nicht verpassen. Ein Hotel ist im idyllischen Sortino nicht zu finden.
Wir lagen gut in der Zeit, hatten in Anbetracht von Ritas angeschlagener Gesundheit reichlich Reserven einkalkuliert. Ohne Karte, nach Gefühl, wählten wir einen Rückweg der früher, in Vor-Auto-Zeiten, der Hauptweg gewesen sein mag. Der führte uns zwischen alten Trockensteinmauern, teils steil und steinig, direkt nach Sortino.
Wir sahen das Städtchen schon vor uns auf dem Berg liegen. Nur ein kurzer Abstieg zum Bach, die kleine Straße gegenüber in Serpentinen hinauf - doch dazwischen weidete eine Herde Ziegen, schön mit Glöckchen bimmelnd, allerdings von einem Rudel Hunde bewacht, die unsere Annäherung ernst nahmen.
Auch ein Hirte war aus der Ferne auszumachen. Er schien von uns keine Notiz zu nehmen. Ich versuchte es mit Pfeifen. In meiner Jugendzeit hatte das mit Daumen und Zeigefinger auch gut funktioniert. Heute kam nur ein klägliches Pffft zustande. Bei weiteren Versuchen war es schon besser, aber nicht ausreichend, um den Hirten zum Hundebändiger werden zu lassen.
Wir näherten uns bis auf Rufweite “Posso?”, kann ich?, rief ich dem Hirten zu. Der, so etwa 14 Jahre alt, nickte, schnappte den großen, weißen Hirtenhund und winkte uns heran.
Bei Wanderungen in Griechenland hatte ich vor Jahren meine Erfahrungen mit diesen blindwütigen Flokadis gemacht. Die wichen zurück, wenn ich einen Stein aufnahm und Anstalten machte, ihn zu werfen. Ich war mir aber nicht sicher, ob die weißen Riesen auf Sizilien das auch so halten.
Der Hirtenjunge hat das Problem für uns gelöst. Die anderen Hunde umkreisten uns wild kläffend in respektvollem Abstand, den weißen konnte er nur mit Mühe am Halsband halten. Wir machten, dass wir vorbeikamen. Über eine schmale, alte Steinbrücke erreichten wir die andere Seite und beeilten uns, Raum zu schaffen.
Der weitere Aufstieg verlief, von Ritas pfeifenden Bronchien abgesehen, problemlos. In Serpentinen ging es hoch nach Sortina. Die Sonne hatte nur noch wenig Kraft, es wurde kalt, und wir waren froh, in einer Bar Schutz zu finden. Bei Tee und mit Ricotta gefülltem leckerem Gebäck tankten wir neue Kraft.
Bis zur Abfahrt des Busses war noch Zeit. Die nutzten wir, um den kleinen Ort zu erkunden. Als erstes fanden wir die Azienda Agricola. Supernette Leute, die eigenen Honig und Olivenöl verkauften, aber auch guten Wein in Flaschen oder aus dem Fass zu bieten haben.
Mit Thymianhonig aus PantĂ lica, Honigpastillen, einer unglaublich reichhaltigen Bohnen-, Linsen-, Körnermischung für Minestrone und zwei Liter Fasswein verließen wir den schönen Laden. Ein paar Straßen weiter stießen wir auf eine kleine Metzgerei, deren Spezialität Würste und eine Art Sülze mit Limonen war. Wir durften probieren und waren begeistert, die Rucksäcke anschließend gut gefüllt.
So gerüstet stand unserer Heimfahrt nichts mehr im Wege. Sicherheitshalber 15 Minuten vor Abfahrt standen wir an der Haltestelle. Als 10 Minuten nach der angegebenen Zeit noch kein Bus gekommen war, erkundigte ich mich im Tabakladen nach dem Verbleib. Die Leute im Laden machten uns Hoffnung. “Der kommt hier vorbei”, meinten sie. Das glaubten wir 30 Minuten später nicht mehr. Ein netter Mann der, so seine Vorstellung, bei der Touristen-Info arbeitet, war auf uns aufmerksam geworden und hatte, mit zwei Mobiltelefonen bewaffnet, nachgeforscht.
Der Bus sei schon vorbei, hatte er zur Antwort erhalten. Unsere Stimmung sank schlagartig auf den Nullpunkt. Hier gibt es kein Hotel, nichts! Wie kommen wir nach Syrakus?
Unser Helfer telefonierte noch nach einer Fahrgelegenheit, als der Bus doch noch um die Ecke kam. Der Fahrer, völlig entnervt von parkenden Autolenkern, die die Straße verstopft hatten, ließ uns einsteigen und raste, mit beiden Händen wild gestikulierend, seinen Frust wortgewaltig entladend, Syrakus entgegen.
WikiMapia-Links: [Sortino], [Nekropole PantĂ lica], [Azienda Agricola], andere Links: [YouTube-Film über das Anapo-Tal], [UNESCO Welterbe: Syracuse and the Rocky Necropolis of Pantalica]
Mittwoch, 13. Februar 2008
In der Nacht hatte es ausdauernd geregnet. Das schien uns trotz morgendlichem Sonnenschein keine gute Voraussetzung für eine Schluchtenwanderung zu sein. Es wurde ein gemütlicher Tag auf Ortigia. Ausgedehnte Bummel durch stille Gassen, über schöne Plätze, Ruhepausen auf sonnenbeschienenen Bänken am Meer.
Syrakus war sikulisch, griechisch, römisch, byzantinisch, arabisch, normannisch, schwäbisch, aragonesisch, katalanisch, bourbonisch. Alle Kulturen haben Spuren hinterlassen, die Stadt und die Menschen geprägt. Vielleicht gibt ihr das ihren besonderen Reiz. Wir beschlossen, unseren Aufenthalt auf zwei Wochen zu verlängern.
WikiMapia-Links: [Ortigia]
Dienstag, 12. Februar 2008
Was wir im Archäologischen Park nicht gefunden haben, fanden wir im Archäologischen Museum Paolo Orsi: Beeindruckende Fundstücke der Alltagskultur und Kunst von der Steinzeit bis zum 5. Jahrhundert u.Z. in einer unglaublichen Fülle. Alles toll präsentiert, die Erläuterungen leider nur auf Italienisch.
Die Venus Anadyomene war mit weiteren Highlights der Sammlung nicht zu Hause. Sie weilt, wie uns ein ausgehängtes Plakat informierte, vom 25. Januar bis 25. Mai im Kunst- und Ausstellungshaus in Bonn. “Sizilien von Odysseus bis Garibaldi”, heißt die sicher sehenswerte Ausstellung.
Syrakus war eine der ersten christlichen Gemeinden. Der Apostel Paulus ist drei Tage zu Besuch gewesen. Die Stelle, an der er gepredigt haben soll, wollten wir anschauen, doch die Basilica e C di San Giavanniatacombe war für Normalsterbliche bis Ende Februar geschlossen. Die Katakomben von Syrakus sollen ausgedehnter sein als die von Rom. Zu besichtigen sind sie nicht.
Um doch noch Informationen zu Öffnungszeiten oder Anfahrtmöglichkeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bekommen, suchten und fanden wir gegenüber des geschlossenen S.Giovanni das Büro der Touristen-Info. An der Glastüre klebte ein Zettel: “Bis auf weiteres geschlossen”. Der durch die Glastüre einsehbare Raum enthielt zwei Stühle, aufgerissene Kartons mit Informationsmaterial, Fax und Telefon standen auf dem Boden. Den Schreibtisch hatten sie schon weggeschafft.
Das hat uns nicht mehr erschüttert. Die Touristen-Info in der Altstadt, bei der wir ganz zu Anfang waren, hatte zwar geöffnet, Infos gab es nur spärlich. Der Stadtplan war schlecht, Hinweise auf aktuell geschlossene Einrichtungen gab es keine, der Service war unmotiviert und unfreundlich. Eine der Frauen war mit Rauchen vor der Tür ausgelastet, die Zweite mit unseren Fragen überlastet.
So sorgten wir selbst für Information. Der Busbahnhof war von der Altstadt zum Bahnhof verlegt worden. Dort half uns ein freundlicher Busfahrer beim Auffinden der Abfahrtstafeln zu den umliegenden Orten. Einen Übersichtsplan gab es nicht, dafür zwei konkurrierende Busgesellschaften mit unterschiedlichen Fahrplänen.
Wir wollten die Totenstadt PantĂ lica besuchen und die Anaposchlucht durchwandern. Der Einstieg in das Naturschutzgebiet liegt weit entfernt von Bushaltestellen. Die Autovermietung bot uns einen FIAT Panda für 72,50 € pro Tag an. Mit Benzin hätte uns der Ausflug 90 € gekostet. Wir beschlossen, mehr und länger zu laufen.
WikiMapia-Links: [Archäologisches Museum Paolo Orsi], [Basilica e Catacombe di San Giovanni], [Bahnhof], [Nekropole PantĂ lica], [Anaposchlucht]
Montag, 11. Februar 2008
Als griechische Stadt wird Syrakus auf das Jahr 734 v.u.Z. datiert. 212 v.u.Z. wurde es von den Römern eingenommen. Was von Griechen und Römern blieb, haben wir heute im Archäologischen Park besichtigt. Zuerst die Steinbrüche, in denen tausende Sklaven für den Prunk und Glanz von Syrakus schufteten und starben, das Teatro Greco, in der Antike mit 15.000 Plätzen das größte Theater, Spielstätte klassischer Tragödien und Komödien, deren Zuschauer sich an dem realen Drama in den Steinbrüchen hinter ihnen wohl nicht gestört haben.
Auch in unmittelbarer Nachbarschaft, die Reste eines riesigen Altares, Aera di Ierone II, 200 Meter lang, 23 Meter breit. Hier wurden bei Volksfesten 450 Stiere gleichzeitig geopfert und anschließend verzehrt.
Die Römer liebten Gladiatorenkämpfe. Für das blutige Gemetzel bauten sie im 3. Jahrhundert u.Z. neben dem Altar ein großes Amphitheater.
Der antike Vergnügungspark hat uns nur mäßig Spaß bereitet. Ein Teil der Steinbrüche war gesperrt, die baulichen Reste nicht beeindruckend, passend dazu waren Wolken aufgezogen und hatten uns mit Nieselregen aus dem griechischen Theater in die sizilianische Kaffeebar vertrieben. Dort trotzten wir nur kurz der nassen Kälte und strebten stattdessen, gierig nach Wärme und Stärkung, Richtung Wallfahrtsstätte. Hinter der Betonglaubensrakete hatten wir am Tag zuvor eine kleine Hähnchenbraterei mit dem passenden Namen “Il Profumo di Pollo” entdeckt. Die Hähnchen werden vor Holzfeuer gegrillt. Das gibt Wärme, und schmecken tun sie auch.
WikiMapia-Links: [Archäologischer Park], [Teatro Greco], [Ara di Ierone II], [Amphitheater]
Sonntag, 10. Februar 2008
Erkundungstour durch die Stadt. Jenseits der Altstadtinsel, beim Archäologischen Museum, liegt die Wallfahrtskirche der Madonna der Tränen. Ein riesiger, faltiger Betonkegel, 102 Meter hoch, raketengleich, mit einer Madonnenstatue aus vergoldeter Bronze an der Spitze. Ein gewaltiger, von französischen Architekten entworfener Bau, auch im Innern riesig rund, nach oben in die Spitze offen, in den Betonfalten zur Spitze hin Glas, das dem Innenraum Licht gibt, an der Nordseite ein Altar vor einer weißen Marmorwand, in der das Reliquiar mit einem kleinen, kitschigen Madonnenbild seinen Platz gefunden hat. Eine bunt bemalte Madonna aus Gips mit brennendem Herzen auf schwarzem Glas ist das Ziel tausender Wallfahrer.
Das Bild war ein Hochzeitsgeschenk an Antonia Giusta und Angelo Iannuso, die im März 1953 geheiratet hatten. Sie waren arme, einfache Leute aus Syrakus. Aus der Broschüre “Padre Bruno erzählt”: “Unter den Blicken der Himmelsmutter begann nun in der Via degli Orti di S. Giorgo Nr.11 das von harter Arbeit geprägte Leben der jungen Familie, in der aber schon bald die Hoffnung auf ein neues werdendes Leben, die Frucht einer aufrichtigen Liebe, keimte.
Für Antonia war es eine schwierige Schwangerschaft, denn immer häufiger konnte sie nicht sehen. In der Nacht vom 28. auf den 29. August ging es Antonietta sehr schlecht. Gegen 3 Uhr morgens war sie vollends blind, und dieser Zustand hielt bis 8:30 Uhr an. Als sie einen Krampf erlitt, konnte sie plötzlich wieder sehen. Sie konnte es selbst nicht glauben, aber als sie die Augen öffnete sah sie, dass die Madonna am Kopfende ihres Bettes weinte.”
Am 1. September, eine eilends zusammengestellte Kommission hatte von dem Bild eine Flüssigkeitsprobe genommen, hatte das Weinen ein Ende. Die Begeisterung der Anwohner nahm erst seinen Anfang. Tausende drängten sich um das kleine Häuschen.
Die katholische Kirche, reich gesegnet mit Marienerscheinungen unterschiedlichster Art, stand dem weinenden Gipsbild zuerst kritisch gegenüber. Die Produktion von Heiligen fällt ihr leichter, stammen diese doch regelmäßig aus dem eigenen Personal. Nicht beeinflussbare Volkswunder mag der Apparat nicht. Umso mehr die Menschen. Am 5. September 1953 geschah die erste wundersame Heilung der kleinen Enza Moncada. Mit einem Jahr war sie an Kinderlähmung erkrankt. Angesichts der Madonna wurde sie geheilt.
Für eine weitere wundersame Heilung genügte schon ein geweihter Wattebausch, der mit der heiligen Madonna in Berührung gekommen war. Heute wird Watte, die mit dem Gesicht der Madonna in Berührung gebracht wurde, wie in Teebeuteln verkauft und findet reißenden Absatz. Überhaupt ist jetzt alles für die massenhafte Abfertigung gerichtet. Ein Pilgerhotel wurde gebaut, jede Menge Altare, Gebetsräume und Beichtstühle stehen zur Verfügung.
Wir nahmen die Angebote nicht wahr und gelangten, nicht viel weiter, zur Kirche und Grabstätte der heiligen Lucia. Sie wurde im 3. Jahrhundert während der Christenverfolgung umgebracht. Bis das Madonnenbild zu weinen anfing, war Lucia unumstrittener Star der lokalen Religiosität. Heute muss sie sich die Rolle mit der Madonna der Tränen teilen.
Auf der Suche nach Gesundheit, Liebe und Glück finden wir ums Eck einen weiteren Helfer. Der Prophet Francois bietet sich an. Syrakus hat für alle was.
WikiMapia-Links: [Archäologisches Museum], [Wallfahrtskirche der Madonna der Tränen], [Via degli Orti di S. Giorgo Nr.11], [Kirche und Grabstätte der heiligen Lucia], [Der Prophet Francois, Via Generale Cialdini 7, 96100 Syrakus SR, Italien] andere Links: [Der Prophet Francois]
Samstag, 09. Februar 2008
Syrakus war zu ihrer Blütezeit im 6. bis 3. Jahrhundert v.u.Z. eine der größten und reichsten Städte des Mittelmeerraumes. Mehrere hunderttausend Einwohner haben hier gelebt. Heute ist Syrakus eine Provinzstadt. Vom griechischen Glanz ist wenig geblieben. Die Ausgrabungsstätten sind im Gegensatz zu Agrigent, Selinunte und Segesta unspektakulär und klein. Dafür besitzt sie eine schöne Altstadt, Ortigia. Die für kapitalistisches Wirtschaften unpraktische Lage auf einer mit Brücken zum Festland verbundenen Insel hat sie von den Betonbauwut weitgehend verschont. Bezahlt hat sie die Lage mit jahrzehntelangem Verfall und Abwanderung. Heute ist viel renoviert und noch mehr in Renovierung. Das hat seinen Preis. Der allerorten präsente Baustaub, der auch in unserer Klause schwebt, verursacht bei Rita wiederholt Atemprobleme.
Außer Sonntags ist jeden Tag vormittags Markt in den Gassen neben den Resten des Apollo-Tempels. Gemüse, Obst, Brot, Wurst und Käse werden von den Bauern der Umgebung laut beworben. Fischer bieten alle Arten von Meeresgetier, in kleinen Läden gibt es Wein, Gewürze, Honig, Marmelade und was wir sonst noch brauchen.
Was mir besonders gefällt: Hier gibt es Wein aus dem Fass. Wer keinen eigenen Behälter mitbringt, bekommt den Wein in gebrauchte Zwei-Liter-Wasserflaschen abgefüllt. Außer Weiß, Rot und Rossato gibt es noch die Auswahl 12,5 % oder forte, stark, 13,5 %. Forte ist zwei Jahre alt und schmeckt schon wie Sherry. Wir haben uns für die schwache weiße Variante entschieden. Die ist secco, durchgegoren und schmeckt nach dem zweiten Glas nach mehr.
WikiMapia-Links: [Syrakus], [Ortigia], [Apollo-Tempel]
Freitag, 08. Februar 2008
Johann Gottfried Seumes “Spaziergang nach Syrakus” war mir Vorbild gewesen. Er war im 18 Jahrhundert von Deutschland nach Syrakus gelaufen. Seine Aufzeichnungen sind lesenswert. Was er geleistet, erlebt und erlitten hat, war uns (zum Glück) nicht möglich. Für mich war es ein zusätzlicher Anreiz, hierher zu gelangen.
Syrakus - allein der Name ist ein Versprechen - ohne dass ich sagen kann, was ich erwartete. Aus der Schulzeit waren mir undeutliche Erinnerungen an Syrakus als Geburts- und Sterbeort von Archimedes im Kopf. “Störe meine Kreise nicht” sollen seine letzten Worte gewesen sein, bevor ihn ein römischer Söldner erschlug.
Die muntere Götterwelt der Griechen fanden wir als Schüler ganz nett, wichtiger waren uns die Rolling Stones und die Mädchen aus der Parallelklasse.
Um von Agrigent nach Syrakus zu gelangen, bedurfte es einiger Anstrengungen. Weil wir Bahnfahren der Busfahrt vorziehen, schaukelten wir auf verschlungenen Schienenpfaden über Caltanisetta, Enna nach Catania am Fuße des Ätna. Laut Fahrplan hatten wir knapp eineinhalb Stunden Aufenthalt, bis uns der Intercity nach Syrakus bringen sollte. Unsere Rucksäcke gaben wir für gutes Geld in der Gepäckverwahrung auf, “Bitte klingeln, Service kommt innerhalb 15 Minuten”, und strebten raschen Schrittes in die Innenstadt, erreichten den großen, wegen Baumaßnahmen komplett umzäunten Park Villa Bellini, tranken in einer Bar stehend einen Cafè, sausten die Via Etnea hinunter, am Teatro Bellini vorbei, zurück zum Bahnhof. Catania Stadtrundgang in 45 Minuten!
Im Bahnhof wurden wir dann ausgebremst. Unsere Rucksäcke erhielten wir wider Erwarten unverzüglich zurück, der Intercity dagegen kam mit einstündiger Verspätung und zuckelte dann ausgiebig die Küste entlang. Bei Augusta glitzerten Wolken von weißen und gelben Lichtern von den Türmen und Anlagen der Raffinerien, das Meer lag schwarz und trug geduldig große Tanker, ein Kraftwerk reckte Kühl- und Abgastürme in den Himmel, Industriebauten wechselten mit Einkaufzentren, dann Wohnblocks und endlich erreichten wir gegen halb acht abends Syrakus.
Unsere Unterkunft, wir hatten eine Ferienwohnung zwei Tage zuvor über Internet gebucht, lag in der Altstadt Ortigia. Das war ein ganzes Stück vom Bahnhof entfernt. Wir leisteten uns zum ersten Mal auf unserer Reise ein Taxi.
Sturm war aufgekommen, und als wir die Straße, in welcher unsere Wohnung liegt, erreichten, donnerte die Brandung gegen die Felsen, das Meer schäumte, der Wind peitschte Schaumkronen aus dem Wasser und trieb sie in Fetzen durch die am Meer liegenden Straßen.
Kein Mensch war in dunkler Nacht und Sturm auf der Straße, Hausnummern nicht vorhanden. Via Nizza 46 war die gesuchte Adresse. Zum Glück hatten wir die Telefonnummer der Vermieterin aufgeschrieben. Sie lotste den Fahrer zu unserem Appartamento. Das ist klein und fein, vom Bett bis zur Küche und Küchenausrüstung ganz und gar von IKEA.
Wir packten aus, richteten uns ein, unternahmen eine kurze Erkundung der umliegenden Gegend und schliefen erschöpft in IKEA-Bettwäsche dem Morgen entgegen.
WikiMapia-Links: [Agrigent], [Caltanisetta], [Enna], [Catania], [Syrakus (Siracusa)], [Tour von Agrigent nach Syrakus], [Park Villa Bellini], [Via Etnea], [Teatro Bellini], [Bahnhof], [Augusta], [Syrakus, Altstadt Ortigia], [Via Nizza]
Kommentar schreiben Am 06.03.08, 15:50 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Donnerstag, 07. Februar 2008
Gereizt hatten wir das Hotel verlassen, in einer Bar guten Kaffe und Cornetti bekommen. Die Sonne schien vom blauen Himmel, weiße Wolken segelten meerwärts, und wir liefen in das Tal der Tempel. Die Tempel, oder was davon übrig ist, liegen auf einem Felsenrücken aufgereiht. Der älteste Tempel ist aus dem 6. Jahrhundert v.u.Z. Der bekannteste, weil am besten erhaltene, ist der Concordia-Tempel. Unser Hotel hat sich zutreffend seinen Namen gegeben. Die Besitzer wollten möglicherweise damit andeuten, dass es kaum mehr als eine Ruine ist. Wir hatten das nur nicht verstanden.
Der gute Zustand des Tempels - alle 34 Säulen stehen, nur das Dach ist eingefallen - ist der katholischen Kirche zu verdanken. Im 6. Jahrhundert hat sie Zwischenwände einziehen lassen und den Tempel zu einer Kirche umgebaut. So getarnt hat er alle monotheistischen Anfechtungen und Erdbeben überstanden, die den anderen Tempeln, soweit sie nicht diversen Eroberern zum Opfer fielen, zum Verhängnis wurden.
So widerfuhr es dem Tempel des Olympischen Zeus. Tausende von karthagoschen Sklaven mussten ihn nach verlorener Schlacht als griechisches Siegesdenkmal errichten. Nach 74 Jahren Bauzeit eroberte Karthago die Stadt und ließ den riesigen Tempel noch vor seiner Fertigstellung zerstören.
Heute sitzen wir zwischen den Trümmern und ahnen, wie herrlich die Tempel einst ausgesehen haben, bewundern die Größe der Bauwerke, die Präzision der Ausführung und wissen vom Elend der Erbauer, und dass die Auftraggeber, durch Größenwahn und Gier nach mehr in wahnwitzigen Kriegen untereinander, Griechen, Karthager, Elymer, Römer, alles verspielt und zerstört haben.
Segesta, Selinunte und Agrigent waren für wenige Jahrhunderte mächtige und prächtige Städte, dann nur noch Steinbrüche, Ziegen- und Schafweiden, bis sich mit Beginn des 18. Jahrhunderts Bildungsreisende und später Scharen von Touristen für die Trümmer interessierten, Ausgrabungen und Aufrichtungen veranlasst wurden.
Mehr durch Zufall kamen wir zum Garten von Kolymbetra. Er liegt eingebettet zwischen Tuffsteinwänden in einer natürlichen Schlucht, von einem Bächlein durchflossen und mit kleinen Speicherbecken auch im Sommer zu bewässern. Der Abstieg von der steinigen, weitgehend kahlen Ruinenhochfläche ins grüne, von Orangen- und Zitronenbäumen, Olivenbäumen, Pistazien- und Bananenbäumen, Quitten- und Maulbeerbäumen, Feigen-, Granatapfel- und Kakibäumen, verschiedensten Sträuchern überquellende Tal ist wie der Wechsel in eine andere Welt.
Eine Umweltstiftung, der FAI, hat dafür gesorgt, dass der zuletzt verwilderte Garten wieder hergestellt wurde. Seit dem 19. Jahrhundert war er ein fester Bestandteil der Besichtigung im Tal der Tempel gewesen. Jetzt besuchen ihn nicht viele. Er kostet zusätzlich Eintritt. Wir streiften kreuz und quer durch den Garten, saßen zwischen prallvollen Zitrusbäumen, aßen jede Menge unterschiedlichster Orangen, manche blutrot und fruchtig sauer, andere hell und zuckersüß, große, kleine, von glattem Äußeren oder mit Rillen und Beulen, birnenförmige und runde.
Aus diesem Paradiesgarten heraus stiegen wir hinauf zum Tempel di Vulcano. Auch ein schöner Ort, kaum von Touristen besucht. Bevor das Gebiet geschützte archäologische Zone wurde, war der Tempel Teil eines Bauernhofes. Der steht heute verlassen. Zwei kleine, kümmerliche Säulen, die das Vordach zur Bauernhütte trugen, zeugen vom Streben des Bauern, sein Haus der Tempelnachbarschaft würdig werden zu lassen.
Zurück ging es zur Schmuddelherberge. Im nahe gelegenen Internetpoint lasen wir Nachrichten von Freunden, aktualisierten das Tagebuch und landeten spät in einer winzig kleinen Trattoria. Im Fernsehen brüllte eine Comedyshow, uns wurde als Tagesessen, eine unerwartet gute spanische Paella mit Sangria, serviert.
WikiMapia-Links: [Concordia-Tempel], [Garten von Kolymbetra], [Tempel di Vulcano]
Mittwoch, 06. Februar 2008
Unsere Trümmertour führt uns von Segesta über Selinunte nach Agrigent, von dort nach Syrakus. Um nach Agrigent zu kommen, haben wir in Castelvetrano den Bus bestiegen, sind mit ihm zwei Stunden die Küste bis Porto Empedòcle, einem potthässlichen Industrieort, entlang getingelt und haben dann das berühmte Agrigent gesehen.
Das hatten wir nicht erwartet. Die Stadt liegt prächtig auf einem Bergrücken in Sichtweite zum Meer - das hatten wir erwartet - umschlungen von auf Betonpfeilern aufgeständerten Hochstraßen, eingefasst von einem Kranz aus Hochhäusern. Die Tempel im Tal davor nehmen sich dagegen unscheinbar aus.
Der Bus durchquerte die archäologische Stätte und setzte uns oben in der Stadtmitte ab.
Die Touristeninfo war schnell gefunden, das Low-Budget-Hotel Concordia auch. Außerordentlich günstig in der Altstadt gelegen, die weniger teuren Zimmer im Untergeschoss bestenfalls auf dem Niveau einfacher Jugendherbergen.
Der Portier, der uns die Zimmer zeigte, avisierte uns in vertraulichem Unterton, dass er uns für wenig mehr Geld noch Besseres zu bieten hätte. Allerdings sei wegen dem Mandelblütenfest alles belegt. Er wolle aber sein Möglichstes tun. Das bestand darin, dass er uns nach einem Telefongespräch ein noch größeres Loch als gehobene Alternative zeigte. Wir lehnten dankend ab und begnügten uns mit dem Kellerplatz.
Ein Umstand, den wir zu spät erkannt hatten war, dass ein Haus nebenan gerade renoviert wurde. Feinster Baustaub war durch die reichlich vorhandenen Fensterritzen gedrungen und setzten Ritas Bronchien matt. Das geschieht nicht schlagartig, sondern in einem sich ständig verschlimmernden Prozess.
In Agrigent wurde das Mandelblütenfest gefeiert. Folkloregruppen zogen musizierend durch die Straßen der Altstadt, von der Panoramastraße sahen wir die beleuchteten Tempel im Tal, alles war ganz nett, nur die Nacht wurde für Rita kurz. Das Klimagerät hatte gut funktioniert und Warmluft durch das Zimmer geblasen, dabei den feinen, zuvor unsichtbaren Staub aufgewirbelt und die Zimmerluft damit gesättigt. Für mich war es ein unangenehmer Reiz in der Nase, für Rita blanke Atemnot, die nur mit Spray, geöffnetem Fenster und ausgeschalteter Heizung zu mildern war.
Kommentar schreiben Am 06.03.08, 15:17 in Auszeitkultur, Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Dienstag, 05. Februar 2008
Kann mensch einen ganzen Tag genüsslich zwischen Trümmern zubringen? Wir konnten es. Die Sonne schien, der blaue Himmel gab den richtigen Hintergrund für die gelb leuchtenden steinernen Monumente, nur der Wind trieb es zu arg und ließ Sandwolken durch die Ruinen tanzen.
Über 100.000 Einwohner soll das antike Selinunte zu seiner besten Zeit, im 6.-5. Jahrhundert v.u.Z. gehabt haben. Mehrfach besiegt wurde es 250 v.u.Z. endgültig geschleift. Was blieb, wurde im 6. Jahrhundert von einem Erdbeben zerstört, dann als Baumaterial gebraucht und heute für Touristen genutzt.
Die kommen im Sommer zuhauf. Der Eingangsbereich liegt wie zur Abwehr feindlicher Truppen zwischen neu aufgeschütteten betonverstärkten meterhohen Wällen. Das Info-Zentrum, eigentlich nur eine Verkaufsstelle für Tickets und Trümmer-Literatur, ist in einem der Wälle eingebunkert. Vom Dorf aus ist jetzt von den nachts beleuchteten Tempeln nichts mehr zu sehen. Dafür dürften ein Bauunternehmen und der Dünen-Architekt (sie nennen das wirklich Dünen!) gutes Geld mit Sinnlosem verdient haben. Die historischen Befestigungsanlagen um die Akropolis von Selinunte sind gegen diese Wälle eine Augenweide.
Die Tempel liegen in Trümmern. Zwei wurden teilweise wieder aufgerichtet. Die Stadt selbst wurde nicht ausgegraben.
Die griechischen Siedler, die sich 628 v.u.Z. hier niederließen, hatten sich ein schönes Fleckchen Erde ausgesucht. Der Hügel, auf dem die Stadt gebaut wurde, wird links und rechts von den Flüsschen Cottone und Modione umflossen. Während der Cottone als klares Bächlein durch das sanfte Tal plätschert, stinkt sich der Modione abwasserschwanger ins Meer. Das mag bei den alten Griechen schon so gewesen sein. Irgendwohin mussten die Abwässer der Hunderttausend.
Westlich vom Stinkefluss liegt das Heiligtum der Demeter Malophoros, der Apfel tragenden Fruchtbarkeitsgöttin. Auf diese Seite der Ausgrabungsstätte verlaufen sich offensichtlich selten Besucher. Wir waren mit einem Hirten und seiner Schafherde allein.
Beim Heiligtum, im Windschatten von Hügel und Gebüsch, mit schönem Ausblick auf die Akropolis und das Meer, packten wir unser Picknick aus und ließen die Jahrtausende an uns vorbeiziehen.
WikiMapia-Links: [das antike Selinunte], [Akropolis von Selinunte (jedenfalls da in der Nähe)], [Heiligtum der Demeter Malophoros], Andere Links: [Karte von Selinunte]
Montag, 04. Februar 2008
Der Zug brachte uns nach Castelvetrano. Marsala und Mazara del Vallo ließen wir rechts liegen. Unser Ziel war Selinunte. Nur vom Zug aus sahen wir die Salinen von Mozia, schön wiederhergestellte Windmühlen mit roten Dächern, die endlosen Weingärten im flachen Land um Marsala, die Tuffsteinbrüche bei Mazara del Vallo und jede Menge Olivengärten um Castelvetrano. Von hier kommen die großen in Marsala eingelegten Oliven. Köstlich!
Selinunte war noch 13 km entfernt. Nur Straße, kein Weg zum laufen. Wir fragten im Bahnhof nach einer Verbindung. “Non c’è!”, gibt es nicht, war die Antwort. Die war richtig und doch falsch. Früher gab es eine Bahnverbindung. Die ist jetzt stillgelegt. Bahnler kann mensch halt nur nach Bahnverbindung fragen. Anderes existiert nicht.
Soviel war dann doch zu erfahren: Es fährt ein Bus nach Selinunte. Wann? Wo? Schulterzucken. In der Stadt vielleicht. Also schulterten wir die Rucksäcke und liefen Richtung Stadt. Wir waren gerade 100 Meter gegangen, als ein Bus stoppte und der Fahrer aus dem Fenster fragte: “Selinunte?”. Wir nickten. Mit einer Kopfbewegung forderte er uns auf einzusteigen.
Heute war unser Glückstag. Der Fahrer empfahl uns die Backpacker-Unterkunft Il Pescatore, setzte uns am Ortseingang ab, ein Bewohner wies uns freundlich den Weg und so kamen wir ohne Verzug zu einem schönen Zimmer mit Küche und einem kleinen Elektoheizer bei “Il Pescatore”.
Im Windschatten war es sommerlich warm, der kleine Ort am Meer idyllisch ruhig. Wir kauften reichlich ein und kochten uns ein feines Mahl in der bestens ausgerüsteten Küche.
WikiMapia-Links: [Castelvetrano], [Marsala], [Mazara del Vallo], [Mozia], [Selinunte], [Il Pescatore]
Bildimpressionen 26.01.2008 bis 03.02.2008
Sonntag, 03. Februar 2008
Abschied von der Insel. Ein letztes Foto mit Signora Mimma und Signor Gaspare Aliotti. Hundchen begleitet uns bis zur Anlegestelle, liegt, bis das Schiff eintrifft zufrieden, von mir gekrault, zu meinen Füßen.
Morgens hat ein Tankschiff am Pier festgemacht. Wasser für Marèttimo. Selbst im Winter ist die Insel auf Fremdversorgung angewiesen.
Wir steigen in das Tragflächenboot, nehmen im Gegensatz zu den erfahrenen Inselbewohnern am Bugfenster Platz und los ging der wilde Ritt über die Wellen zur Nachbarinsel Favignana. Kein besonderer Seegang für die Mannschaft, uns hat´s gereicht. Rita wurde es leicht übel.
Im Windschatten von Favignana ging es gemächlich weiter nach Levanzo, der kleinsten besiedelten Insel der Egaden. Von dort im Spurt nach Trapani.
Im bewährten Hotel Maccotta nahmen wir Quartier, durchstreiften die inzwischen von Kindercarneval infizierte Stadt, suchten und fanden ein Internetcafè und gönnten uns erneut ein Abendessen bei Cantina Siciliana.
WikiMapia-Links: [Marèttimo], [Favignana], [Levanzo], [Favignana], [Egadischen Inseln], [Trapani], [Altstadthotel Maccotta], [Cantina Siciliana]
Samstag, 02. Februar 2008
Die ganze Nacht hat der Wind einen Weg ins Haus gesucht. Heute Morgen hat er ihn gefunden. Mit lautem Knall und Klirren gab das Fenster im Nebenzimmer nach. Nach kurzer Schadensbesichtigung beschloss ich, das Zimmer dem Wind zu überlassen und im Bett der Flaute entgegen zu dämmern.
Nach dem Frühstück blies der Wind dezenter, wir schulterten die Rucksäcke, schnürten die Schuhe, das Hundchen quälte sich aus einer windstillen Ecke und zu dritt machten wir uns an den Aufstieg zum “Semaforo”.
Das bedeutet im Italienischen “Ampel”. Auf der Bergspitze steht auch eine Steinhütte, halb verfallen, mit niedergelegtem Stahlmast, der möglicherweise ein Leuchtzeichen getragen hat. Der Weg zum Gipfel führt vorbei an den Resten einer römischen Villa, daneben ein byzantinisches Kirchlein in beklagenswertem Zustand, durch alte Terrassenfelder bis zum felsigen Gipfelgrat.
Der hatte sich inzwischen in Wolken gehüllt und gab nur ab und zu den Blick frei auf das Meer und den unter uns liegenden Ort Marèttimo.
Den Rückweg nahmen wir über die einsame Westseite der Insel. Knapp unter der Gipfelwolke saßen wir in der Sonne und beobachteten, wie aus dem Nichts die Wolken aus dem Meer entstanden, das Meer die Wolken in der Sonne ausschwitzte, zuerst als wassergesättigter Dunst, der von Wind und Inselbergen nach oben gepresst kondensierte, in Wolken den Gipfel umgab, um sich dann nach der Insel wieder in Nichts aufzulösen.
Eine schöne letzte Wanderung auf der Insel, die außer Fisch, Bergen und Meer wenig zu bieten hat und mir deshalb als besonders schön in Erinnerung bleibt.
Für Rita war die Insel ein riesiger Steinhaufen, schön waren der viele Rosmarin, die Esel und Signora Mimmas Fischküche.
WikiMapia-Links: [Marèttimo]
Freitag, 01. Februar 2008
Unsere gelbe Wäscheleine, elastisch und doppelt in sich verzwirnt, so dass die Wäsche dazwischen geklemmt ohne zusätzliche Hilfsmittel aufgehängt werden kann, brachte sogar Signora Mimma zum Staunen. Am Sonntag verlassen wir die Insel, deshalb war es heute Zeit Wäsche zu waschen. Die flattert jetzt auf der Dachterrasse in Sonne und Wind, wir dazwischen und die Signora davor.
Wie immer trägt sie eine Art gefütterten Hausrock, einer schwäbischen Kittelschürze ähnlich, mit Hausschuhen in der gleichen Farbe, heute in dunklem Rot. Sie ist klein, kräftig, das Haar onduliert mit rötlichem Schimmer, immer in Aktion: kochen, nähen, putzen, aufräumen. Sie ist gerne Hausfrau, sagt sie. Immer schon gewesen. Kinder, Haushalt, sparen - sempre!
Ihr Mann Gaspare, etwas größer, aber hager, mit kurzen grauen Haaren, schmalem Gesicht, Brille, akkurat geschnittenem Oberlippenbart, immer gepflegt gekleidet, ist unbestritten der Chef des Hauses. Läutet das Telefon, nimmt er ab. “Si, Pronto!”. Zur Abendzeit, wenn wir glücklich am Essenstisch saßen, rief meist eines der erwachsenen Kinder an. Nach ein paar Sätzen mit dem Vater führte die Mamma das eigentliche Gespräch. Sie ist das Zentrum der Familie. Sie managt auch die Vermietung der Apartments.
Signor Gaspare betont immer wieder, dass seine Frau eine ganz besonders Gute sei.
Das sehen wir auch so.
Donnerstag, 31. Januar 2008
Wie jeden Morgen zog der Geruch von frisch gebackenem Brot durch die Gassen von Marèttimo. Immer der Nase nach ging ich zum Paneficio, dem Bäcker, ließ mir noch heiß aus dem Ofen das Brot geben und schlenderte vorbei an Booten, die wie andernorts parkende Autos, hier den Winter über in den Straßen abgestellt sind - besser gesagt: auf Kiel liegen. Autos gibt es nicht viele, machen hier mangels Straßen auch keinen Sinn. Postauto und Krankenwagen sind Elektrofahrzeuge, Obst und Gemüse werden von einem dreirädrigen Piaggio verkauft. Kran, Gabelstapler und Baumaschinen sind hier die hauptsächlichen Verkehrsteilnehmer, manchmal auch Jungs auf Geländemaschinen, Einzylinder Zweitakter, die lärmend, knatternd, blaue Ölfahnen hinter sich lassend, auch auf Bergwegen anzutreffen sind.
Heute blieben wir davon verschont. Nach selbst gebrautem Kaffee, frischem Brot mit Butter und Orangenmarmelade, wanderten wir zur Punta Troia. Auf einer Felsennadel, nur noch durch eine schmale Landzunge mit der Insel verbunden, liegt dort eine kleine, aus der Ferne imposant wirkende Festung. Aus der Nähe betrachtet, ein schon reichlich verfallener Beobachtungsposten aus den Zeiten, als Piraten die Gestade unsicher machten. Der Weg dahin, knapp zwei Stunden, wunderschön, ein Auf und Ab auf schmalen, steinigen Pfaden, manchmal über steilen Abgründen in den bröckeligen Fels geschlagen.
Signora Mimma hatte das rechte Mittel, um nach diesen Anstrengungen für Ausgleich zu sorgen. Es gab mit Zimt gewürzte Fischsuppe, auch ohne geriebenen Parmesan schon ein Genuss, und als zweiten Gang in Wurzelgemüse gedünsteten Fisch. Den ließen wir abschließend in sizilianischem Rotwein schwimmen. Um 11 Uhr fiel der Strom aus und wir ins Bett.
WikiMapia-Links: [Marèttimo], [Punta Troia]
Mittwoch, 30. Januar 2008
Von Marèttimo sagt man, dass hier das Meer zum Fenster hereinkommt. Tatsächlich bläst der Wind von allen Seiten. Heute besonders. Für die Insulaner war es ein laues Lüftchen. Die kleinen Fischerboote tuckerten aus dem Hafen wie immer, die Fähren kamen und gingen, nur wir blieben wo wir waren, ließen den Heizstrahler laufen und wagten uns erst gegen Abend zu einem kleinen Dorfspaziergang aus dem Haus. Da hatte der Wind die Lust am Blasen schon wieder verloren und wir liefen uns für ein weiteres furioses Abendessen mit Fisch bei Signora Mimma warm.
WikiMapia-Links: [Marèttimo]
Dienstag, 29. Januar 2008
686 Meter ragt der Monte Falcone aus dem Meer. Er bestimmt den wildesten Teil der Insel. Seine Nord- und Westseite ist so felsig steil und unnahbar, dass den Bergen Marèttimos von den Werbetextern der Beinamen “Dolomiten des Mittelmeeres” verpasst wurden.
Das Wetter versprach, gut zu bleiben, der Gipfel war wolkenfrei und blieb es auch, als ich die letzten hundert Meter zum Gipfel allein aufstieg. Rita fand, die Aussicht auf unserem Rastplatz unter dem Gipfel sei schön genug, warm und sonnig. Kein Grund, sich schwitzend auf einen kahlen, zugigen Felskopf zu schinden.
Das sah ich natürlich nicht so. Der Ausblick vom Gipfel war grandios, reichte über die ganze Insel bis zu den Nachbarinseln Levanzo, Favingnana und den dahinter liegenden Berge Siziliens. Sogar das tunesische Cap Bon und die Vulkaninsel Pantelleria sollen von hier zu sehen sein. Doch will ich nicht behaupten, sie gesehen zu haben.
Dafür sah ich eine Gemse, oder was ich dafür hielt. Beim Abendessen wurde ich aufgeklärt, dass es da oben Mufflons gibt. Wie auch immer - als ich den Foto zückte brachte sich das Tier mit ein paar eleganten Sätzen von Fels zu Fels in Sicherheit.
Auch Spuren von Wildschweinen und Hasen habe ich gesehen. Zu unzugänglich ist das Gebiet, als dass den jagdgeilen Insulanern die Ausrottung gelungen wäre.
WikiMapia-Links: [Monte Falcone], [Marèttimo], [Levanzo], [Favingnana], [tunesisches Cap Bon], [Vulkaninsel Pantelleria]
Montag, 28. Januar 2008
Heute war Wandertag. Gestern hatten wir uns schon ein wenig eingelaufen. Weit sind wir nicht gekommen - so viel gab es zu sehen und zu bestaunen. Warmer Wind hüllte uns sanft in Duftwolken von blühendem Rosmarin, das Meer leuchtete und glitzerte türkisgrün in der Sonne, außer uns nur ein paar Möwen in stiller Landschaft. Ein Holzschild wies uns zu einer Sorgente, einer Quelle. Versteckt unter dem schützenden Blätterdach eines immergrünen Baumes plätscherte in einer kleinen Felsengrotte Wasser von der Decke und sammelte sich in einem Becken am Grund. Zum Dank für diesen Wassersegen war eine Madonna in der Grotte aufgestellt worden. Ein schöner Ort, an dem wir tranken und verweilten.
Heute wollten wir auf die wildere Westseite der Insel. Sie ist unbewohnt. Der alte, verlassene Leuchtturm an der Punta Libèccio war unser Ziel. Unaufgefordert angeschlossen hatte sich der Hund des Hauses, ein traurig blickender, leicht angeschmutzter weißer Mischling mit schwarzen Flecken und einem lädierten linken Hinterbein. Das ließ ihn im Normaltempo humpeln, Spurts bewältigte das Hundchen auf drei Beinen. Vorbei an Katzen, Eseln und krähenden Hähnen zogen wir wie die Bremer Stadtmusikanten auf der einzigen Autostraße auf Marèttimo entlang. Sie führt vom Ort zum Friedhof.
“Was Besseres als den Tod finden wir überall”, sagten sich die Stadtmusikanten im Märchen. So sahen wir das auch, ließen den Friedhof links liegen und machten uns auf den Weg.
In einer Bergmulde, windgeschützt und offensichtlich von ausreichend Niederschlag begünstigt, liegt die ehemalige Siedlung Carcaredda. Die früheren Terrassenfelder sind jetzt mit Kiefern bepflanzt, die Trockenmauern gepflegt. Ein schöner Platz zum Rasten. Hier hatten wir auch mit Wasser gerechnet. Das gab es auch, war aber nicht trinkbar. Mit Pflegearbeiten beauftragte Arbeiter gaben uns von ihrem Wasser etwas ab, Hundchen trank eine Pfütze leer und weiter gings zur Punta Libèccio.
Der Leuchtturm bot einen trostlosen Anblick. Die Außenanlagen, auch ein Solarzellenfeld, waren Vandalismus, Wind und Wetter zum Opfer gefallen, die Küste passte dazu: steinig, steil, kahl, windgepeitscht. Selbst dem Inselhund hat das nicht gefallen. Er war verschwunden und tauchte erst wieder auf, als wir auf dem Rückweg in einem kleinen Kieferwäldchen hoch über dem Meer rasteten.
Wo heute Kiefern wachsen, waren früher kleine steinige Felder. Die Menschen hausten in einfachsten Steinhütten. Auf Marèttimo lebten vor 1900 mehr als 1200 Menschen. Viele wanderten nach Monterei/Californien aus. Auch die Eltern und Geschwister von Gaspare Aleotti. Er blieb alleine zurück, hatte gute Arbeit gefunden, fuhr zur See, wurde Kapitän und führte 30 Jahre lang Fähren von Sizilien zu allen Inseln.
Vor 55 Jahren hatte er sein Frau Mimma kennen gelernt. Seit 50 Jahren sind sie verheiratet, haben drei Töchter, einen Sohn und sechs Enkelkinder. Im Sommer helfen alle zusammen. Dann sind nicht nur die Zimmer im alten Elternhaus an Touristen vermietet, sondern etliche Apartments mehr. Wer will kann sich mit den Schiffen von Rosa dei venti, zwei schöne alte Fischerboote, zu Tauch- und Badeplätzen schippern lassen oder zu Fuß auf Exkursion gehen.
Signora Mimma kocht dann für die Familie, nicht für die Gäste. Wir haben das Glück, die einzigen Gäste zu sein. Ihr Angebot, mit ihnen abends zu essen, haben wir gerne angenommen.
Auf Marèttimo gibt es alle Tage frischen Fisch. Der zuckte noch, als Signor Gaspare ihn schuppte und ausnahm.
WikiMapia-Links: [Punta Libèccio], [Marèttimo]
Sonntag, 27. Januar 2008
Den Hotelportier haben wir früh aufgeschreckt. Der Schlaf stand ihm noch ins Gesicht geschrieben, als wir das Hotel Richtung Hafen verließen. Der Zeitungsladen am Eck hatte geöffnet, die Samstagszeitung aus Deutschland war mit einem Tag Verzug angekommen. Leider nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ. Von Bologna bis Neapel hatten wir zuverlässig und tagesaktuell in allen Städten die Süddeutsche Zeitung kaufen können. Auf Sizilien bisher nur die FAZ. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen, ich lese auf der Insel FAZ.
Am Abfahrskai zu den Egadischen Inseln warteten nur wenige Reisende, alle winterlich gekleidet und mit Gepäck und Rollkoffern schwer beladen. Mit unseren Rucksäcken waren wir als Touristen leicht auszumachen und wurden gleich mit Namen angesprochen: “Signor Stockmar?”
Unsere Gastgeber, Signora Mimma und Signor Gaspare Aliotti, beide in den Siebzigern, reisten mit uns nach Marèttimo. Tochter und Schwiegersohn hatten sie zum Hafen gebracht.
Das Tragflächenboot lief ein, nahm uns auf, verließ in langsamer Fahrt den Hafen, beschleunigte mit aufheulenden Motoren, hob sich weiß gischtend auf seinen Flügeln aus dem blauen Meer, jagte auf die Hauptinsel Favignana zu, ließ dort die meisten Passagiere aussteigen und trug den kümmerlichen Rest der Reisenden zur weit abgelegenen Insel Marèttimo.
Wir hatten gelesen, dass sie die ursprünglichste, landschaftlich schönste der Inseln sei. 800 Einwohner soll sie haben. “Im Winter 100, mit uns jetzt 104″, meinte unser Gastgeber. Große Hotelbauten wurden hier nicht zugelassen. Dennoch tummeln sich im August bis zu 3000 Gäste auf der Insel. Jede nur halbwegs bewohnbare Kammer wird dann vermietet.
Wir sind im Haus der Familie Aliotti, direkt am Meer, gleich neben dem winzigen Hafen, in Marèttimo-Ort, untergebracht. Mehr Ort gibt es nicht. Ein wenig flacher Fels, vielleicht vier Fußballfelder groß, hat die Ansiedlung möglich gemacht. Weiß liegen die würfelförmigen Häuser mit den hellblauen Fensterläden in der Sonne. Ein Anblick wie in Griechenland. Hinter den Häusern geht es steil empor. Wild gezackte Bergrücken, Felsabstürze, dazwischen Flecken mit Kiefernwald, aufgegebene steile Terrassenfelder und Rosmarinsträucher - überall Rosmarin!
Im Ort sind die meisten Fensterläden geschlossen, kein Restaurant hat geöffnet, nur die Bar neben der Kirche ist Tag und Nacht Treffpunkt der wenigen Inselbewohner. Viele sind von Dezember bis März in Trapani, wie unsere Vermieter auch. Früher kommen sie nur der Gäste wegen. Im Winter ist das selten der Fall. Die Insel ist bei Winterstürmen oft tagelang nicht erreichbar. Was uns egal ist. Wir sind gut angekommen, haben uns gleich wohl gefühlt und bleiben gerne länger.
Sonntags haben auf Marèttiomo alle Läden geschlossen. Unsere fürsorglichen Gastgeber laden uns zum Mittag- und Abendessen ein. Signora Mimma kocht umwerfend gut. Was ein Glück.
WikiMapia-Links: [Egadischen Inseln], [Favignana], [Trapani]
Samstag, 26. Januar 2008
Die von Samstag auf Sonntag verschobene Anreise nach Marèttimo hatte uns den Abschied von Castellammare del Golfo bequem gemacht. Statt schon um 07:00 Uhr den Bus nach Trapani nehmen zu müssen, konnten wir um 09:30 Uhr fahren und hatten noch genügend Zeit, das in der Nähe liegende Erice zu besichtigen und uns für eine Nacht im Hotel einzurichten.
Von Trapanai ist Erice kaum zu erkennen. Die alte Hauptstadt der Elymer liegt 751 m höher auf einem gewaltigen Felsklotz, kaum bezwingbar über steilen Abgründen, oft, auch bei hellem Sonnenschein, nebelverhangen.
17 km muss sich der Bus von der Stadt in vielen Serpentinen auf den eigentlich nahen Berg schrauben. Der Ausblick unterwegs war überwältigend. Damit war es vorbei, als wir Erice erreichten. Wolken umhüllten die Stadt, der Wind trieb Nebelfetzen durch die engen, in symmetrischen Mustern gepflasterten Gassen und ließ Gebäude und Türme auftauchen und wieder verschwinden. Wir hatten beide das Gefühl, in die Bretagne versetzt zu sein. Alles grau in grau, steinern, von Wind und Wetter mitgenommen, unnahbar, abweisend.
Unser Besuch fiel in die Nachmittagszeit. Alles war verschlossen, selbst die vielen Kirchen. Am einzigen noch geöffneten Souvenirgeschäft baumelten, neben dem üblichen ausgestellten Kitsch, Boxershorts mit einem Aufdruck von Benito Mussolini in Feldherrenpose.
Nur eine Handvoll Besucher streifte durch die verlassenen Gassen, die zur Hauptsaison die Menschenmassen kaum fassen können.
Den Resten der Stadtmauer entlang umrundeten wir die Stadt bis zum alten normannischen Castel, das trutzig alles überragt. Unter uns, von Nebel und untergehender Sonne wie durch Weichzeichner verzerrt, zeigten sich Trapani und seine Salinen.
Ohne Sonne wurde es eiskalt auf dem Berg, und wir eilten mit den letzten Touristen dem Bus zu und wieder Trapani entgegen. Im Altstadthotel Maccotta hatten wir angenehme Unterkunft gefunden, in der Cantina Siciliana wurde uns am Abend zur Vorspeise Thunfisch in den verschiedensten Zubereitungsformen gereicht. Nie zuvor hatte ich getrockneten Thunfisch gegessen. Bei abschließendem Couscous mit Fischsuppe wurde uns wieder warm.
WikiMapia-Links: [Marèttimo], [Castellammare del Golfo], [Trapani], [Erice], [Altstadthotel Maccotta], [Cantina Siciliana]
Freitag, 25. Januar 2008
Der Wetterbericht hatte Sturm und Regen vorausgesagt. Der Regen hatte sich in der Nacht ausgetobt, morgens riss nur noch der Wind wütend am Sonnendach unserer Veranda. Der Heizkörper spendete wohlige Wärme, das Frühstück zog sich über den Vormittag hin. Nachmittags konnten wir uns aufraffen, um im Internet nach Übernachtungsgelegenheiten auf der Insel Marèttimo zu recherchieren. Der Wetterbericht versprach für die nächsten Tage sonniges Hochdruckwetter. Das wollen wir nutzen, um die westlichste der Egadischen Inseln kennen zu lernen. Im Internet stellten wir dann fest, dass die Unterkunft unserer Wahl erst im März wieder öffnet. Bei der nächsten Adresse, Rosa dei Venti, meldete sich nur der Anrufbeantworter: “Niemand zu Hause. Mobil erreichbar unter der Nummer blablabla.” Vier Anrufe benötigte ich, um die Nummer Zahl für Zahl zu verstehen. Richtig sogar - ich erreichte die Familie am späten Abend und erfuhr, dass sie regelmäßig ab Dezember in ihrem Haus in Trapani wohnen. Der kommende Sonntag wäre der früheste Termin, zu dem wir anreisen könnten.
WikiMapia-Links: [Insel Marèttimo], [Egadischen Inseln], [Trapani]
Kommentar schreiben Am 06.03.08, 15:11 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Montag, 04. Februar 2008
Der Carneval hat auch Trapani erfasst. Wir fluechten nach Selinunte. Dort stehen nur griechische Truemmer, die Erbauer sind seit Jahrtausenden weg, da zieht es uns hin.
Sonntag, 03. Februar 2008
Ein bewegter Ritt auf dem Tragflaechenboot brachte uns zurueck nach Trapanai. …. (Text folgt)
Samstag, 02. Februar 2008
Die ganze Nacht hat der Wind einen Weg ins Haus gesucht. Heute Morgen hat er ihn gefunden. … (Text folgt)
Freitag, 01, Februar 2008
Unsere gelbe Waescheleine, elastisch und doppelt in sich verzwirnt, so dass die Waesche dazwischen geklemmt ohne zusaetzlichen Hilfsmittel aufgehaengt werden kann, brachte sogar Seniora Mimma zum Staunen. … (Text folgt)
Donnerstag, 31. januar 2008
Wie jedem Morgen zog der Geruch von frisch gebackenem Brot durch die Gassen von Marèttimo. …. (text folgt)
Mittwoch, 30. Januar 2008
Von Marèttimo sagt man, dass hier das Meer zum Fenster hereinkommt. …..(Text folgt)
Dienstag, 29. Januar 2008
686 Meter ragt der Monte Falcone aus dem Meer. …(Text folgt)
Montag, 28. Januar 2008
Heute war Wandertag. Gestern hatten wir uns schon ein wenig eingelaufen. Weit sind wir nicht gekommen - so viel gab es zu sehen und zu staunen. Warmer Wind huellte uns sanft in Duftwolken von bluehendem Rosmarin, das Meer leuchtete und glitzerte tuerkisgruen in der Sonne, ausser uns nur ein paar Moewen in stiller Landschaft….. (Text folgt)
Sonntag, 27. Januar 2008
Den Hotelpotier haben wir frueh aufgeschreckt. Der Schlaf stand ihm noch ins Gesicht geschrieben, als wir das Hotel verliessen. … (Text folgt)
Samstag, 26. Januar 2008
Die von Samstag auf Sonntag verschobene Anreise nach Marèttimo hatte uns den Abschied von Castellammare del Golfo bequem gemacht….. Text folgt)
Freitag, 25. Januar 2008
Der Wetterbericht hatte Sturm und Regen vorausgesagt. Der Regen hatte sich in der Nacht ausgetobt, morgens riss nur noch der Wind wütend am Sonnendach unserer Veranda. Der Heizkörper spendete wohlige Wärme, das Frühstück zog sich über den Vormittag hin. Nachmittags konnten wir uns aufraffen, um im Internet nach Übernachtungsgelegenheiten auf der Insel Marèttimo zu recherchieren. Der Wetterbericht versprach für die nächsten Tage sonniges Hochdruckwetter. Das wollen wir nutzen, um die westlichste der Egadischen Inseln kennen zu lernen …..(text folgt)
Kommentar schreiben Am 05.02.08, 17:51 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Donnerstag, 24. Januar 2008
Trapani war heute unser Ziel. Die Stadt liegt auf einer sichelförmigen Landzunge am Meer. Hier fließen Mittelländisches und Tyrrhenisches Meer ineinander. Von hier fahren Schiffe nach Neapel, Sardinien, Tunesien, zur Insel Pantelleria und zu den Egadischen Inseln, unserem späteren Ziel.
Wir waren mit dem Bus über balata di Baia aus Castellammare del Golfo angereist, eine schöne Fahrt im Sonnenschein durch bergiges Bauernland, vorbei an Steinbrüchen, aus denen riesige weiße Felsquader geschnitten werden. Vor Trapani, auf der Spitze eines über 7000 Meter aufragenden Felsklotzes, sahen wir die Festung von Erice liegen, die alte Hauptstadt der Elymer, deren verlassene Stadt Segesta wir vergangenen Dienstag besichtigt hatten.
Trapani war der antike Hafen von Erice. Heute ist sie eine geschäftige Hafenstadt mit zweifelhaftem Ruf, schöner Lage und wenig historischer Bausubstanz. Im Zweiten Weltkrieg mehrfach bombardiert, war von der Altstadt am Hafen außer Trümmern nicht viel geblieben. Das soll vor wenigen Jahren noch trostlos ausgesehen haben. Inzwischen wurden große Anstrengungen unternommen, die Stadt in die Neuzeit zu führen. Das zeigt sich in hohen, hässlichen Betonbauten, die ohne städteplanerische Rücksichten zwischen die 3 - 4- stöckigen Häuser gesetzt wurden. Das zeigt sich aber auch an den vielen renovierten Häusern und Palazzi der Altstadt. Manchmal wurden auch nur die Fassaden renoviert und das restliche Gebäude zugemauert. Doch in allen Ecken der Altstadt wird gemauert, gesägt und gehämmert, eine Fußgängerzone ist eingerichtet und Schickimicki-Läden zeigen, dass hier nicht mehr die Ärmsten der Stadt wohnen. Als neueste Errungenschaft sind elektrisch betriebene Stadtbusse zu bewundern.
Wir schlenderten zum Fischerhafen, “Bootle gugge” ist meine Lieblingsbeschäftigung, haben uns an der Bastione Conca, einer alten Befestigungsanlage am Meer, von stürmischem Wind vertreiben lassen, uns am Anlegeplatz für Fährschiffe nach der Passage zur Insel Marèttimo erkundigt, sind kreuz und quer durch die verwinkelte Altstadt gezogen und kurz vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof angelangt. Um 16:20 Uhr sollte er uns nach Castellammare del Golfo bringen. Das glaubten wir, richtig dem Fahrplan entnommen zu haben.
Der Zug, ein ganz modernes Teil, stand auch wie erwartet am Bahnsteig, der angeschriebene Zielbahnhof Palermo stimmte. Was wir nicht wussten - der Zug fährt einen großen Rundkurs, zuerst der Küste entlang über Marsala, Mazara del Vallo, dann ins Inselinnere nach Castelvetrano, Gibellina, Alcamo um schließlich zwei Stunden später auf seinem Weg nach Palermo in Castelammare del Golfo einzutreffen.
So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Der Bahnbeamte auch nicht. Unsere Fahrkarten galten nur für den direkten Weg und nicht für eine Rundreise. Freundlich aber bestimmt verwies er uns auf die eine Stunde später mögliche Direktverbindung nach Alcamo. Dort könnten wir nach Castellammare del Golfo umsteigen.
Weil die Bahnstrecke schöne Ausblicke in die Landschaft versprach, hatten wir für den Rückweg von Trapani die Zugfahrt gewählt. Das hatte sich damit erledigt. Um 17:20 Uhr ging die Sonne unter, im letzten Licht zuckelten wir aus Trapani und erreichten in dunkler Nacht den Bahnhof von Alcamo. Der Zug endete hier und ließ uns mit wenigen anderen Fahrgästen auf dem zugigen, kalten Bahnsteig zurück.
Zehn Minuten später fuhr er ein, der schicke Zug, den wir schon in Trapani bewundert hatten. Nun durften auch wir ihn nutzen. Für eine Station bis Castellammare del Golfo! Zu unserer großen Erleichterung erwartete uns dort der Bus und trug uns hinauf in die kleine Stadt, unserer Casa entgegen.
Mittwoch, 23. Januar 2008
Wie vom Wetterbericht angedroht, hat es in der Nacht heftig geregnet und gestürmt. Entgegen der Vorhersage hatte sich morgens der Regen verzogen und blauem Himmel Platz gemacht. Der Wind war geblieben und ließ das Meer in großer Form auflaufen. Weiße Schaumkronen auf den Wellenkämmen, donnernde, weit aufspritzende Brandung an den Hafenbollwerken. Die Fischer hatten ihre kleinen Boote aufs sichere Ufer gezogen, nur die größeren Boote waren noch auf dem Wasser und rollten heftig in der Dünung.
Auf schlechtes Wetter eingestellt, hatten wir uns einen Ruhetag verordnet, schlenderten hinunter in die Altstadt, besuchten die sehr nette Truppe vom Touristenbüro und besichtigten anschließend das kleine arabisch-normannische Kastell. Es ist als Museum eingerichtet und zeigt u.a. die Geschichte des Thunfischfanges in dieser Region. Diesen begehrten Fisch hatte es früher zur Laichzeit hier massenhaft gegeben, zwei Meter lange Exemplare mit über 100 Kilo waren keine Seltenheit. Bis sechs Zentner wogen große Exemplare. Überall an der Küste zwischen Castellammare und Trapani stehen noch heute “tonnara”, Anlagen zum Fang und zur sofortigen Verarbeitung von Thunfisch. Längst außer Betrieb, weil sich der Fang nicht mehr lohnt, sind sie Zeugen einer Zeit, als das Mittelmeer noch reich an Fischen war. Heute dümpeln im Golf von Castellammare als Antwort auf die Überfischung große, ringförmige Fischfarmen.
Reichhaltig geblieben sind die Angebote der Pasticcerie, bei uns würde man Konditorei sagen. Wir gönnten uns noch ein Stück Cassata-Torte, suchten und fanden spät einen Internetpoint und beschlossen den Tag bei mit Käse und Schinken gefüllten Hühnerröllchen, die wir in Rosmarin anbrieten und mit Weißwein begossen.
Dienstag, 22. Januar 2008
Schon vor Sonnenaufgang klingelte der Wecker. Um 7:35 Uhr fuhr der Bus nach Segesta, der historischen Stadt der Elymer. Dort wollten wir den berühmten Tempel und das Amphitheater besichtigen.
An der Bushaltestelle herrschte Hochbetrieb. Busse mit Fahrzielen in alle Richtungen ließen Wolken von Schülern ein- und aussteigen. Auch wir fanden unseren Bus, bezahlten den Fahrtpreis von 6,40 € mit 7 € und erhielten vom Fahrer sein Kleingeld aus der Hosentasche zurück. 17 Cent in kleinen Roten. Mehr hatte er nicht zu bieten, was er mit einem Schulterzucken quittierte.
Die Fahrt führte uns durch das Tal des Fiume Freddo, des kalten Flusses, und dann des Fiume Caldo, des warmen Flusses. In ihn münden heiße Quellen. Das Flussbett ist tief in das Hügelland eingegraben. Überall gepflegte Weingärten. Von hier kommt der Bianco Alcamo, ein besonders feiner Weißwein.
Dominiert wird das Tal von der Autobahn, die auf Stelzen die liebliche Landschaft durchschneidet. Spielzeughaft nimmt sich dagegen die einspurige Eisenbahn aus. Sie schlängelt sich den Fluss entlang, rattert durch Tunnels und Viadukte und bleibt doch meist fern der Stätten, nach denen die Bahnhöfe benannt sind, weil die für sie unerreichbar auf den Bergspitzen liegen. Segesta hat gleich zwei Eisenbahnhaltestellen zu bieten. Beide liegen weitab. Also wählten wir den Bus. Der hielt kurz nach 8 Uhr am Tor der Ausgrabungsstätte. Wir stiegen aus und waren allein. Ein Berg, ein Zaun, ein Tor, ein Schild: Öffnungszeit 9:00 Uhr.
Das hatten wir gewusst, aber darauf gehofft, dass ein so berühmter Platz, Teil jeder pauschalen Sizilienrundreise, auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten etwas Infrastruktur, z.B. eine Bar, zu bieten hat. Das mag auch außer im Winter so sein. Heute war alles geschlossen, das nächste Nest, Calatafimi, 6 km entfernt auf dem nächsten Berg. Aus Erfahrung etwas klüger, hatten wir ausreichend Wasser und Proviant dabei und vor der Abfahrt ordentlich gefrühstückt. Auf eine erneute Fastenwanderung hatten wir keine Lust. Hunger und Durst haben uns deshalb nicht gequält, dafür das Bedürfnis nach einer Toilette. Die Wartezeit wurde lang.
Kurz vor 9 Uhr traf Wagen für Wagen eine gut gelaunte Parkbesatzung ein. Pünktlich um 9 Uhr wurde aufgeschlossen, und wir hatten Toilette und Ausgrabungsstätte für uns allein.
Das Ausgrabungsgebiet umfasst den Monte Bernardo. Auf ihm liegen die Reste der alten Stadt, die Burg und das Amphitheater, und auf einem Hügel davor der monumentale Tempel in griechischem Stil. 36 mächtige Säulen tragen das Dachgesims. Was aus der Ferne wie ein Neubau aussieht, zeigt aus der Nähe nicht nur den Zahn der Zeit über zwei Jahrtausende, sondern auch, dass der Tempel nie fertig gestellt wurde. Die dorischen Säulen sind noch nicht kanneliert, d.h. es fehlen die typischen senkrecht verlaufenden Rinnen, aus den Steinquadern des Sockels ragen noch die Transportzapfen.
Vielleicht hat diese Unfertigkeit verhindert, dass auch dieser Tempel von nachfolgenden Generationen als Steinbruch genutzt oder zu einer christlichen Kirche verbaut wurde. So thront er heute majestätisch über den Parkplätzen und dem Besucherzentrum.
Zur antiken Stadt auf dem Berg sind es von hier etwa 2 Kilometer und 200 Höhenmeter. Mensch kann sich mit einem Bus chauffieren lassen oder per Pedes das Gelände erkunden. Klar, dass wir den Berg zu Fuß angingen. Auf halbem Weg zum Gipfel zweigt ein schmaler Pfad in östlicher Richtung ab. Er führt, unterhalb der Reste der alten Stadtmauer am steilen Hang entlang hinunter zu den steinernen Zeugen eines früheren Heiligtums.
Eine Grundmauer aus großen Steinquadern wurde freigelegt und zeigte sich uns unter blühenden Mandelbäumen zuerst in bestem Licht. Auf der Mauer hielten wir Picknick, bis uns schnell dahinziehende Regenwolken mit Nieselregen besprengten. Ursprünglich wollten wir den ganzen Berg an der Basis umrunden und dann zum Amphitheater aufsteigen. Wetterbedingt haben wir das gelassen und den Rückweg angetreten. Den kleinen Abstecher hinunter zum Heiligtum können wir empfehlen. Landschaftlich wunderschön, wird er auch an Tagen mit hohem Besucherandrang wenig begangen.
Wieder oben angekommen, blies uns der Wind heftig ins Gesicht. Nieselregen wechselte mit Sonnenschein. Gut durchgeblasen saßen wir im alten Amphitheater das heute keine Vorstellung, aber uns als Zuschauer hatte und statt der Bühnenrückwand freie Sicht auf den Golf, die davor liegenden Weinberge, Örtchen, Bahn und Autobahn bot.
Zur Besichtigung hatten wir viel Zeit mitgebracht. Gemütlich schlenderten wir durch die Trümmer von Jahrtausenden, besichtigten archaische, in den Fels gemeißelte Reste von Wohnungen, elymische und römische Bauten und Befestigungsanlagen, eine Moschee, die von nachfolgenden christlichen Bewohnern zerstört worden war und mittelalterliche Siedlungsreste.
Warum die Stadt aufgegeben wurde ist nicht bekannt. Uns hat der heftige Wind wieder hinunter getrieben. Die Zeit bis zur Rückfahrt des Busses verbrachten wir am Straßenrand in Sichtweite einer Schafherde mit pfeifendem und singendem Hirten, zwei großen, weißwollige Schäferhunden, die uns in respektvoller Ferne hielten, und einem Schaf, das gerade ein Lämmchen geboren hatte.
Das lag noch am Boden, wurde von der Mutter geleckt und zum Aufstehen geschubst, was noch nicht so recht gelingen wollte. Die Vorderbeine gaben immer wieder nach. Die Herde war grasend ein ganzes Stück weitergezogen. Das Mutterschaf blickte wie hilfesuchend, dann und wann blökend, hinterher.
Nun nahm sich der Hirte des Lämmchens an, hob es zärtlich auf, brachte es zum Stehen, nahm das Mutterschaf zwischen die Beine und molk es an. Das Kleine, immer noch sehr wackelig und noch nicht ganz orientiert, wurde von ihm zu den Zitzen gezogen und zum Trinken animiert, was nach einigen Versuchen auch gelang.
Schaf und Lämmchen wohlauf. Wir stiegen in den Bus, der fuhr kreuz und quer durch die kleinen Ortschaften, sammelte Mitfahrer ein und lud uns in Castellammare del Golfo ab.
Über die Berge schoben sich rabenschwarze Wolken, der Wind frischte auf und trieb uns hinter die schützenden Wände unserer Casa.
WikiMapia-Links: [Calatafimi-Segesta], [Stazione di Calatafimi], [Monte Bernardo], [Tempel bei Segesta], [Theater bei Segesta], [Castellammare del Golfo]
Montag, 21. Januar 2008
Mit dem Bus nach Scopello. Dort waren alle Läden geschlossen. Keine Bar, kein Alimentari - nichts! “In l’inverno Scopello è morto”, meinte ein Jugendlicher, den wir auf der Suche nach Ess- und Trinkbarem trafen. Heißt: Im Winter ist in Scopello tote Hose.
Im Sommer tanzt hier der Bär. Scopello und San Vito lo Capo sollen die aktuell angesagtesten Badeorte Siziliens sein. Zwischen beiden Orten liegt das Naturschutzgebiet “Zingaro”. Ein kurzes Stück ursprünglicher Küste, das den Baulöwen und Bodenspekulanten entzogen wurde. Das wollten wir uns ansehen.
Proviant und Wasser, so dachten wir, kaufen wir zuvor in Scopello ein. Denkste! Um diese Jahreszeit und so früh am Morgen - eine blöde Idee. Bis vor dem Tor zum Park hatten wir noch Hoffnung, wenigstens eine Bar zu finden. Wir hatten nichts gefrühstückt, und der Magen hing uns schon in den Kniekehlen. Pech gehabt. Der Bus war längst wieder auf Achse, ein Rückweg schwer möglich. So kamen wir ungewollt zu einer Fastenwanderung. Immerhin, eine Halbliterflasche Wasser, ein paar getrocknete Mangostreifen und Ingwerbonbons fanden sich im Rucksack.
Die Sonne gab sich redlich Mühe, Frühsommergefühle zu wecken. Die Mandelbäume blühten, gelbe, weiße und blaue Blumen strahlten zwischen Felsen und Zwergpalmen, unter uns schimmerte das grünblaue Meer und brach sich in Wellen an den schroffen, scharfkantigen Kalksteinklippen.
Die letzte Wasserstelle war am Parkeingang. Wie Kamele tranken wir auf Vorrat, füllten unsere Miniflasche und wählten sicherheitshalber den einfachen, meernahen Weg, statt die geplante Rundwanderung über den Passo del Lupo am Monte Speziale vorbei in Angriff zu nehmen.
So oder so waren wir die einzigen Besucher an diesem Tag und hatten den Platz ganz für uns. Zur Orchideenblüte im März und April wird das anders sein.
Wenigstens bis zur Steinzeitgrotte Grotta dell’ Uzzo wollten wir laufen. Kurz vor dem Ziel war der Weg massiv verbaut und gesperrt: “Keep out!”. Schon zuvor hatten wir eine ähnliche Sperre mit Steinschlagwarnung ignoriert. Hier war das nicht mehr so einfach möglich. Alternativ standen der Aufstieg zum ehemaligen Weiler Sughero oder der Rückweg zum Parkeingang zur Wahl.
Wir wählten die bequeme Variante, tranken unser letztes Wasser und machten uns auf den Rückweg.
Der Park ist bekannt für seine Badebuchten mit Kiesstrand und kristallklarem Wasser. Die Badebuchten sind schön, aber winzig klein, das Wasser sicher besser als in Castellammare del Golfo. Die nahen Städte hinterlassen aber auch hier ihre Spuren.
Die Sonne verzog sich gerade hinter den Berg, als wir den Park verließen. In Scopello erwartete uns eine Überraschung. Ein einziges der vielen Lokale hatte tatsächlich geöffnet. Viel Wasser, ein wenig Wein, marinierte Sardinen als Vorspeise und Spaghetti mit Stückchen vom Schwertfisch setzten uns wieder instand.
WikiMapia-Links: [Scopello], [San Vito lo Capo], [Nationalpark Zingaro], [Grotta dell’ Uzzo], Andere Links: [(Wikimedia)-Karte des Nationalparks Zingaro], [Wegekarte des Nationalparks Zingaro]
Sonntag, 20. Januar 2008
Castellammare del Golfo ist eine nette, an die Ausläufer des Monte Inici geschmiegte Kleinstadt am westlichen Ende des gleichnamigen Golfes. Der kleine Hafen mit dem arabisch-normannischem Castello auf einem Felsen darüber ist eine Augenweide und war in vielen Filmen Kulisse. Für uns ist das Städtchen Ausgangspunkt, um diesen Teil der Westküste zu erkunden. Es gibt Zug- und Busverbindungen, allerdings sieht der Winterfahrplan für Sonntag keinen Bedarf Reisender. Wir bleiben wo wir sind und gönnen uns ein ausführliches Frühstück mit Ei. Das sizilianische Frühstückfernsehen schenkt uns das Wort zum Sonntag durch einen krötenfetten alten Padre in schwarzer Kutte, den Ledergürtel schief über dem stattlichen Bauch, ein gesticktes Kreuz in brennendem Herz auf der Brust, vor einer Blumenwand, die jeden Friedhof schmücken könnte.
So gestärkt bummeln wir im Anschluss durch die Stadt, vorbei an männerdominierten Bars, frauendominierten Kirchen bis hinunter an den Hafen. Hier verkaufen die Fischer von ihren kleinen Booten aus den frischen Fang vom Morgen.
Bis wir ankommen sind die Fische längst verkauft, die Fischer mit Aufräumarbeiten, Netzeflicken und dem Austausch von Neuigkeiten beschäftigt. Aus der Stadt wälzt sich eine schier endlose Schlange von Autos im Schritttempo hinunter in den Hafen, kehrt an der Mole um und stinkt sich wieder nach oben. “Fare passegiata”, einen Ausflug machen, nennen das Italiener. Früher zu Fuß mit Weib und Kind, heute in machina, im Auto.
Wir halten es mit der Tradition und streifen neugierig in alle Winkel des Hafens, trinken Cappuccino, kaufen in einer Polleria ein knusprig gegrilltes Hähnchen und Reisbällchen, Arancini. Am Abend bringt der Vermieter, Senior Calabrò, die Heizung zum Laufen und uns eine Flasche selbst gekelterten Weins. So muss das sein.
WikiMapia-Links: [Castellammare del Golfo], [Monte Inici],
Samstag, 19. Januar 2008
Fahrt mit dem Bus, Linie Russo, von Palermo nach Castellammare del Golfo. Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt durch die Dörfer und Städtchen an der Küste. Unterwegs hat uns der Vermieter unserer neuen Unterkunft angerufen, dank unserer italienischen Telefonkarte kein Problem, und angeboten, uns abzuholen. Das haben wir dankbar angenommen. Das war gut so. Das Haus liegt sehr schön an einem steilen Berghang über der Stadt, mit weitem Blick auf die Stadt, den Golf und die im Osten aufragenden Berge.
Bis zum nächsten Supermarkt sind es 15 Minuten zu Fuß. Wir kauften ein und genossen einen gemütlichen Abend in unserer neuen Zwei-Zimmerwohnung.
1 Kommentar Am 05.02.08, 17:43 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
…von der Schoenheit dieses Landes und dem schweren Versuch, eine neue Ordnung zu leben, die das Land weiter bringt. Ich habe so viel gesehen und erlebt: Townships, Straende, Luxus-Lounges, Wellblech-Sharks, Bettler,Blumenfrauen, Saengerinnen, Musiker, Huts, Stromlos leben, Fuelle ind CT. Ich moechte gar nicht mehr weg hier. Die Regenbogennation gefaellt mir
Kommentar schreiben Am 19.01.08, 18:51 in Auszeitkultur von Helene
Freitag, 18. Januar 2008
Heute haben wir sie gesehen - die Eolischen Inseln. Von Monreale aus. In der weiten Bucht vor uns Palermo, links die Bucht abschließend, der Monte Pellegrino, rechts der Monte Catalfano. Ganz hinten am Horizont eine kegelförmig steil aus dem Meer aufragende Insel, wahrscheinlich Alicudi. Daneben, noch schwach zu sehen, Filicudi.
So schön die Aussicht war - unser Besuch galt dem Dom und dem Kreuzgang des nebenan liegenden Benediktinerklosters.
1174 ließ der Normannkönig Wilhelm II die riesige Kirche, sie ist die größte Siziliens, auf einem Bergsporn über Palermo errichten. Sie ist innen fast unverändert erhalten geblieben. Über 6.000 qm Wandfläche sind mit Mosaiken bedeckt. Eine Orgie in Gold und zusätzlicher Nachhilfeunterricht in biblischer Geschichte. Lang, lang ist es her, seit mir die Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament eingebläut wurden. Hier erkannte ich sie wieder. Von Adam und Eva, Noah, Kain und Abel, Sodom und Gomorrha, dem verlorenen Sohn, die Geschichte Jesu, Kreuzigung und Auferstehung, Szenen aus der Apostelgeschichte …. Fürwahr ein biblischer Comic der Extraklasse.
Der Kirche stiegen wir noch aufs Dach, genossen den Ausblick und die geringe Zahl an Besuchern. Die anschließende Besichtigung des Kreuzgangs versprach deshalb reinen Genuss. Eigentlich ein Ort der Besinnung und Stille. Lautes Gegacker und Palaver des zahlreich sich die Zeit vertreibenden Aufsichtspersonals hat uns das vermiest.
Morgen zieht es uns weiter nach Castellammare del Golfo. Uns hat Palermo sehr gut gefallen hat. Gegen Neapel ist Palermo eine schläfrige Provinzstadt, liebenswert, schön gelegen, interessant, reich an Genüssen, vergleichsweise aufgeräumt und sauber. Allein der Verkehr ist mit neapolitanischen Verhältnissen vergleichbar. Die Zeit ist uns hier zu schnell vergangen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen.
Donnerstag, 17. Januar 2008
Deutsche Urlaubsgewohnheiten sind in Palermo fehl am Platz. Morgens früh frische Brötchen holen - was ein Quatsch! Die Bäcker öffnen hier um 9 Uhr. Kurz vor der offiziellen Öffnungszeit trat ich unerschrocken in den Laden, wünschte freundlich einen guten Tag, “Buon giorno”, und empfing vom Bäckermeister, füllig, blass mit Halbglatze, im ehemals weißen T-Shirt, nur einen gelangweilten Blick. Die Auslage war bereits mit Brot bestückt, was mir die Bestellung leicht machte. “Vorrei questo pannini”, dieses Brötchen hätte ich gerne. Stumm wandte er den Kopf ab und blickte in die Backstube. Da tat sich erstmal nichts. Gerade wollte ich meine Bitte nach Brot wiederholen, als eine junge Frau, wohl die Verkäuferin, aus der Backstube trat und mich auffordernd anblickte. Ich deutete erneut auf mein Wunschobjekt, wiederholte die Bestellung, sie nahm das Brot, wog es ab und nannte mir den Preis: “Sessanta centesime”. sechzig Cent, übergab mir das eingepackte Brot und entschwand wieder in der Backstube.
Der Bäcker hatte seinen Platz an der Kasse neben der Tür eingenommen. Ich trat zu ihm, zückte den Geldbeutel, er blickte mich an, neigte sein Ohr zu mir und ließ auffordernd ein “Prego”, bitte, hören.
Ich war verblüfft. Es war doch klar, dass ich bezahlen wollte. Ungeduldig und etwas lauter wiederholte er seine Aufforderung, “Prego!”. Total verunsichert schwenkte ich meinen Geldbeutel, zeigte auf mein neu erstandenes Brot und wiederholte sicherheitshalber den Preis. Das war das richtige Signal. Er tippte die 60 Cent in die Kasse, gab mir den “Scontrino”, den Beleg, nahm mein abgezähltes Geld, murmelte etwas von “Grazie, Buon giorno”, und entließ mich aus seinem Gesichtskreis.
Was lehrt mich das? Es gibt Hierarchien und Regeln. Eine davon heißt: den Chef interessiert nur das Geld!
Nachdem wir gestern außer einkaufen, kochen und Internet-Tagebuch aktualisieren keine weiteren kulturellen Aktivitäten entfaltet haben, standen heute die bei bisherigen Besuchen geschlossenen Einrichtungen und Neues auf dem Programm. Zuerst in alter Verbundenheit die Kirche San Francesco d’Assisi. Geöffnet! Die nebenan liegende Oratoria di San Lorenzo, eine Kapelle mit berühmten Stuckarbeiten: Vorübergehend geschlossen! Die “Antica Focaccera”, direkt gegenüber von San Francesco, laut Führer die nahrhafteste Sehenswürdigkeit der Stadt: Verriegelt und verrammelt! Dann am Hafen die Chiesa di Santa Maria delle Catena: Das Gittertor ohne Hinweis auf Öffnungszeiten mit dickem Vorhängeschloss versperrt!
Von Kirchen, zu oder auf, hatten wir heute genug. Wir nahmen den Bus 806 Richtung Mondello um Siziliens bedeutendstes Etnografisches Museum zu besuchen. Das liegt am Ende des ziemlich verwilderten, riesigen Favoritenparks am Stadtrand, Standplatz für Palermos Nutten, von Joggern genutzt und von uns durchquert.
Das Museo Entografico Pitrè befindet sich in einem alten Gebäudeensemble, das arabische und chinesische Formen munter vereint. Eine wilde Mischung, die schon von außen Interesse weckt. Doch auch hier: Bauzäune, Absperrungen und ein Schild: 2007 bis 2009 Renovierungsarbeiten!
Jetzt gingen wir auf Nummer Sicher. Auf aktuellen Plakaten hatten wir Werbung für das neue Museum “Galleria D’Arte Moderna Palermo” gesehen. Die Öffnungszeiten versprachen uns noch Zeit bis 18:30 Uhr.
Mit dem Bus ging es zurück in die Altstadt, eilig zu Fuß zum Museum und - es war geöffnet! Uns erwartete im jahrelang renovierten ehemaligen Franziskanerkloster Sant’ Anna eines der interessantesten Museen unserer Reise.
Zu sehen sind die Werke sizilianischer Maler und Bildhauer bis in unsere Zeit. Dazu eine bis Februar befristete Ausstellung mit Werken der Biennale von Venedig. Alles schön und informativ in aufs Feinste renovierten Räumen präsentiert und multimedial ergänzt. Eine große Belohnung für unsere Ausdauer.
Dienstag, 15. Januar 2008
Letzten Freitag hatten wir vom Flugzeug aus die kleine Insel UsticĂ etwa 60 km nordwestlich von Palermo gesehen. Heute sahen wir sie vom Monte Pellegrino aus.
Spät am Morgen hatten wir uns an den Aufstieg, vorbei an den ehemaligen königlichen Stallungen aus der Zeit der Bourbonen, gemacht. Vom Fuß des 600 m aus dem Meer ragenden Kalksteinklotzes ging es durch die Vallone del Porco steil nach oben. Vallone heißt übersetzt “Tiefes Tal”", tatsächlich ist es ein enger Felseinschnitt. Del Porco heißt “der Schweine”, in Summe das tiefe Schweinetal. Schweine gibt es hier nicht mehr, bzw. nur solche armen, die bei Knallhitze im Sommer die Wanderung wagen. Wir kamen nach geruhsamen und essensreichen Wochen über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel im Schweinetal bei 17 Grad heftig ins Schwitzen. Gut 300 Höhenmeter waren auf kurze Distanz zu überwinden. Wildromantisch ging es über einen felsigen Steig, vorbei an blau und gelb blühenden Blumen, Kakteen und Maccia-Gestrüpp auf die verkarstete Hochebene unterhalb des Gipfels des Monte Pellegrino. Im Schatten von Kiefern und Eukalyptusbäumen, über einen dichten Teppich aus sattgrünem Klee, spazierten wir bequem zum Felsabsturz über der Grotta dell’ Addaura. Vor gut 15.000 Jahren haben hier schon Menschen gelebt und faszinierende Ritzzeichnungen hinterlassen, deren Abguss wir im Archeologischen Museum bewundert hatten.
Mit Blick auf die Bucht von Mondello genossen wir unser Mittagessen. Auf dicht mit Gänseblümchen bewachsenen Wegen erreichten wir danach die Fahrstraße zur Statua di San Rosalia. Wie unzählige Papiertaschentücher und gesprühte Liebesschwüre nahe legen, ein Treffpunkt der Liebenden mit starkem Verkehr.
458 m über dem Meer hofften wir, die Eolischen Inseln zu sehen. Im April wollen wir ihnen einen Besuch abstatten. Heute blieben sie uns verborgen. Dafür war im Osten die weite Bucht des Golfo di Palermo mit ihrem felsigen Abschluss, dem Capo Zafferano, gut zu sehen. Die weitere Küstenlinie bis CefalĂą zeigte sich in schemenhaftem Blau. Palermo selbst hatte sich vorteilhaft verschleiert. Im nebelmilden Licht der Wintersonne, weit weg von Lärm, Schmutz, Verfall und tosendem Verkehr, erschien sie uns großstädtisch nobel.
Bis zur Statue kann mensch auch mit dem Bus fahren. Den ließen wir rechts liegen und wanderten weiter zum eigentlichen Zentrum der Pilger, dem Santuario di Santa Rosalia.
Monte Pellegrino heißt Pilgerberg, und tatsächlich führt ein alter, gepflasterter Pilgerweg von Palermo hinauf ins Kloster. Sizilianer bevorzugen automobil zu pilgern. So hatten wir auf dem Rückweg nach Palermo den Weg für uns allein. Fast - ein einsamer Spaziergänger strebte dem Himmel zu.
Kloster und Kirche S. Rosalia liegen an eine senkrechte Felswand gebaut unter dem antennenbewehrten Gipfel des Monte Pellegrino. Die letzten Meter müssen auch die Automobilisten auf Treppen zu Fuß überwinden, um zur Heiligen zu gelangen.
Der Kirchenbau beschließt eine 25 m tiefe Grotte. In einem Glassarg liegt, in goldenes Gewand gehüllt, Santa Rosalia. Das von der Decke tropfende Wasser wird in auf vielen Ebenen angeordneten, meist dreieckigen Blechkonstruktionen, aufgefangen und in einen Steintrog neben dem Sarkophag geleitet. Dem Tropfwasser wird heilende Wirkung zugesprochen. Ich hab’s mir auf die Stirn getupft.
Santa Rosalia ist die Stadtheilige von Palermo. Ihre sterblichen Überreste wurden hunderte von Jahren nach ihrem Tod in dieser Felsengrotte wiederentdeckt und 1624 nach Palermo gebracht. Dort wütete gerade die Pest. Die soll schlagartig ihr Ende gefunden haben, als die Gebeine Rosalias durch die Straßen getragen wurden.
Nach Besichtigung der Grotte trugen uns unsere Beine höchstselbst hinunter in die Stadt, direkt in unser Wohnviertel. Beim Weinhändler an der Ecke gaben wir uns erfahren, erstanden einen Drei-Liter-Kanister und ließen ihn aus dem Tank mit Weißwein, Cataratto bianco, befüllen.
Auf den Roten aus dem Nachbartank, Nero d’Avola, werden wir leider verzichten müssen. Unsere Rucksäcke sind so schon schwer genug.
Montag, 14. Januar 2008
Heute Nacht hat es heftig geregnet. Am Morgen zeigte sich der Himmel wieder in strahlendem Blau. Das richtige Wetter, um die größte Sehenswürdigkeit von Palermo, die Capella Palatina, im Palazzo Reale zu besichtigen. Die Privatkapelle des Normannenkönigs Roger II soll märchenhaft schön sein.
Die Morgensonne tauchte das Altstadtviertel Capo gnädig in freundliches Licht und romantisierte Verfall und Schmutz. Die Händler hatten ihre bunten Stände schon aufgebaut, die kleinen Läden waren geöffnet und boten Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Gebäck und allerlei Krimskrams in bunter Vielfalt. Noch war genügend Platz, um schnell durch die Marktgassen des Viertels zum Palazzo dei Normanni, auch Palazzo Reale genannt, zu gelangen.
Der Palast ist heute Sitz des sizilianischen Regionalparlaments. Entsprechend viele Livrierte und Aufsichtspersonal vertreiben sich auf den Gängen die Zeit. Am Eingang hatte uns ein offizieller Anschlag in Kenntnis gesetzt, dass die Capella Palatina wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Das wurde uns auf Nachfrage nochmals bestätigt. Zu besichtigen waren nur noch die Appartamenti Reale, die Privaträume der früheren Könige (heute tagt hier das Regionalparlament, und der Präsident hat in den königlichen Gemächern sein Büro), sowie die Ausgrabungen unter dem Palast, die punische Mauerreste zeigen.
Trotz Wegfall der eigentlichen Sehenswürdigkeit war der Eintrittspreis unverändert bei 6 € pro Person geblieben. Wir trugen’s mit Fassung und erfreuten uns an dem Wenigen, was uns im Palast geboten wurde. Wir hatten ja noch ein Highlight ähnlichen Kalibers auf unserem heutigen Besuchsprogramm: San Giovanni degli Eremiti. Die unter dem Normannenkönig Roger II 1132 eingeweihte Klosterkirche hat einen weltberühmten, wunderschönen Kreuzgang mit in islamischem Stil verzierten Säulen und Bögen, dazu einen herrlichen Klostergarten.
Auf Bildern haben wir das gesehen. Die Realität schenkte uns nur Bretterzäune und ein Baustellenschild: In Renovierung! Palermo ist berüchtigt für die Dauer von Renovierungsarbeiten. Das Theatro Massimo war 28 Jahre wegen Renovierung geschlossen! In der Hoffnung, dass die größte Kirche der Stadt noch in Funktion ist, spazierten wir zur Cattedrale. Vom parkähnlich angelegten Vorplatz aus betrachtet sieht der Kirchenbau ganz nett aus. Auch hier ein Stilmix als Ergebnis der unterschiedlichen Moden der Herrscher. Im Innern nur klassizistische Langeweile, bestenfalls kalte Pracht. In einer Seitenkapelle stehen die Sarkophage normannischer und staufischer Kaiser und Könige, darunter Friedrich II. Angesichts der herrlichen Bauwerke, die in ihrer Zeit geschaffen wurden, kein passender Platz.
Unser Besichtigungsprogramm hatten wir damit für heute enttäuscht abgeschlossen. Zur Aufmunterung schlenderten wir durch die bunten Marktgassen des Balaro im Stadtteil Albergheria. Das hat den Hunger geweckt und uns zum Besuch der Trattoria Enzo verleitet. Das Lokal ist klein und gemütlich, der Service freundlich, das Essen war passabel. Wir aßen eine sizilianische Spezialität: Pasta mit wildem Fenchel, Pinienkernen, Rosinen und Sardinen. Nicht schlecht.
Mit vollem Bauch gingen wir zur Touristeninfo an der Piazza Castelnuovo. Wir wollten uns nach Wanderwegen erkundigen. Große Hoffnung hatten wir nicht.
Ein netter Herr mit grauem Bart, gemütlich runder Figur, bat uns freundlich, Platz zu nehmen, erkundigte sich nach unseren Wünschen, wechselte zur deutschen Sprache und freute sich sichtlich über unser Interesse an Palermo und seiner Umgebung. Zu unserer großen Überraschung übergab er uns eine Mappe mit drei Karten 1:50.0000 über Wanderwegen um Palermo und im Hinterland, Carta dei Sentieri e del Passaggio dell’ Alto Belice Corleonese, dazu noch eine Karte für das Gebiet CefalĂą-Madonie und einen großen Stadtplan von Palermo. Mit dem Hinweis, unbedingt das Städtchen Piana degli Albanesi zu besuchen und dort in den Bergen zu wandern, verabschiedete er uns. Wir fühlten uns wie bei Freunden.
Sonntag, 13. Januar 2008
Der Wetterbericht hatte mit zeitweisen Regenschauern gedroht. Die haben sich zurückgehalten, bis wir das Museo Archeologico erreicht hatten. Das Museum befindet sich in einem ehemaligen Kloster. Um von Palmen und Bananenstauden bestandene Innenhöfe führen lauschige Kreuzgänge. Regentropfen trommelten auf Blätter, ließen Wasserspeier rauschen und schlugen aufspritzend in Brunnenbecken. Das passte famos zu den ausgestellten Fundstücken ringsum: alles aus dem Meer geborgene Schätze, darunter Schiffsanker in großer Zahl.
Highligt des Museums sind die Stelen, Statuen, Reliefplatten und Architekturfragmente aus den griechischen Tempeln und Heiligtümern Siziliens, Kopien steinzeitlicher Felszeichnungen, die 15.000 Jahre v.u.Z. entstanden sind.
Als wir das Museum verließen, hatten sich auch die Regenwolken verzogen und blauem Himmel mit weißen Federwolken Platz gemacht.
Im Sonnenschein schlenderten wir zum alten Hafen La Cala. Der entbehrt jeder Romantik. Ein Flohmarkt lockte uns nebenan in das Viertel La Kalsa. Im Zweiten Weltkrieg von Luftangriffen schwer getroffen, bietet es noch heute Trümmergrundstücke, dem Verfall preisgegebene Häuser neben hässlichen Neubausiedlungen. Erkennbar aber auch, dass in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen wurden, den Kern des Altstadtviertels um die Piazza Marina zu sanieren. Wir bummelten über den Flohmarkt rings um den Park Villa Garibaldi. Fasziniert betrachteten wir im Garten gewaltige Urwaldbäume mit aus den Ästen wachsenden Luftwurzeln, die, wenn sie in den Boden eindringen, neue baumstammstarke Stämme bilden und so den riesigen Ästen weiteres Wachstum ermöglichen.
Den Weg zum Meer fanden wir auch. Die Uferpromenade war vor Jahren saniert und künstlerisch aufgepeppt worden. Der Blick aufs Meer musste sich allerdings über mannshohe Prallklötze aus Beton quälen.
Auf dem Rückweg in das Stadtzentrum nutzten wir die Vorteile der Globalisierung und gingen bei McDonalds? auf die Toilette. In einer Trattoria ums Eck aßen wir mehr schlecht als recht. Das Essen lag uns schwer im Magen. Fußläufig sorgten wir für bessere Verdauung. In großer Runde durchstreiften wir die Stadtviertel Albergheria und Capo, staunten über all die sonntags geöffneten Läden und eilten bei Sonnenuntergang und einsetzendem Regen zurück in unsere Casa.
Samstag, 12. Januar 2008
Dem Himmel nahe, der sich azzurro über uns wölbt, im 7. Stock ruhig über dem lärmigen Treiben von Palermo, liegt unsere Wohnung LibertĂ 2, die Freiheit Nr. 2. Auf der Straße der Freiheit, der Via della LibertĂ , gelangt mensch von hier immer geradeaus, sempre diritto, direkt ins Zentrum zu Quatro Canti, den Vier Ecken. Das ist der Mittelpunkt von Palermo, den wir zu Fuß in gut 30 Minuten erreichen.
Mit unserer Ein-Zimmer-Wohnung haben wir es gut getroffen. Signora Donnatella, die Besitzerin, ist Fremdenführerin, spricht deutsch und hat uns einen Plan der näheren Umgebung mit Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und Bushaltestellen überlassen. Nach unserer Ankunft am Freitagabend haben wir im Viertel eingekauft: In der Enoteca an der Ecke haben wir uns mit sizilianischem Wein eingedeckt, in der Salumeria durch Käse und Wurst hindurch probiert und beim Panificio das feinste Brot auf unserer Reise erstanden. Mit einem Hauch von Safran, knuspriger, mit Sesam gesprenkelter Kruste ist es auch am Folgetag mit Freude zu genießen.
Mit den Einkaufsschätzen schwer beladen, kamen wir zurück. Die Zentralheizung war inzwischen angesprungen. Sie versorgt uns morgens und abends jeweils für zwei Stunden mit der notwendigen Wärme.
Freitagabend haben wir das nicht mehr lange gebraucht. Erschöpft von Flug und Reise, von dem langen Abschiedsabend zuvor im Abstetterhof, kuschelten wir uns früh ins Bett und schliefen bis spät in den Samstagmorgen.
Der Himmel war immer noch blau, als wir zu unserem ersten Ausflug in die Stadt aufbrachen. Auch Palermo hat, zu unserer Überraschung, einen Englischen Garten. Der lag auf unserem Weg, ist schön gepflegt, dicht mit Palmen und mit im Winter grünen Bäumen bestanden. Im Wassernebel des Springbrunnens brach sich das Sonnenlicht und zauberte einen schillernden Regenbogen. Palermo fing an, uns immer besser zu gefallen.
Vorbei an der Piazza Verdi mit dem riesigen Teatro Massimo erreichten wir die Quatro Canti. Statt dem erwarteten Platz als Zentrum der Stadt fanden wir eine verkehrsdurchtobte Kreuzung. Ohne den Wahnsinnsverkehr eine Schönheit. In den vier Ecken stehen dreistöckig, in Nischen übereinander, Stadtheilige, Spanische Könige und Symbolfiguren für die Jahreszeit; darunter plätschernde Brunnen.
Unser heutiges Ziel waren die normannischen Kirchen La Matorana und San Cataldo. Klein aber fein. La Martorana mit wunderschönen Mosaiken. Leuchtendes Gold als Hintergrund für Christus und die Apostel, in den Kuppeln tiefes Blau mit goldenen Sternen als Himmelszelt. Ganz anders San Cataldo. Weitgehend schmucklos, die nackten Mauern aus hellem Stein, außen von arabischem Zinnenkranz bekrönt, überwölbt von roten Kuppeln, die Fenstergitter aus Stein gemeißelt, innen ohne Verzierung, schlicht, mit bezauberndem Lichtspiel.
Dabei hatten wir Glück. In La Matorana löste eine plappernde Besuchergruppe die andere ab. In San Cataldo waren wir allein, was der nahenden Mittagspause zu verdanken war. Um 13 Uhr verabschiedet sich Palermo in die Siesta. Reisegruppen mit italienischen Führern schon kurz davor. Genug Zeit, um schöne Orte allein genießen zu können.
7. Kapitel: Flic Flac von Neapel nach Stuttgart und zurück nach Palermo
Dienstag, 08. Januar 2008
Wie im Flug sind die Tage mit den Freunden in der Heimat vergangen. Jetzt rumpeln in Waschmaschine und Trockner wieder die Wanderklamotten, Rita hat neue Wanderschuhe und verbesserten Regenschutz, meine Schuhe sind frisch besohlt, die Rucksäcke harren ihrer Befüllung, alles darf wieder mit, nur das Zelt und der Carrix müssen zuhause bleiben.
Am Freitag bringt uns der Flieger nach Palermo. Übers Internet haben wir eine Ferienwohnung in der Innenstadt gebucht.
Montag, 24. Dezember 2007
Schön, wieder mal zuhause zu sein, stille Wanderungen zwischen den Weinbergen im Weinsberger Tal und im Hohenlohischen, an Kocher, Kupfer und Brettach, knirschend gefrorener Boden, glitzernde Eiskristalle an den Zweigen und ein wärmender weißer Glühwein aus Riesling und Kerner auf dem Heilbronner Weihnachtsmarkt.
Helene Prölß von “Manager ohne Grenzen” hat uns ein Zitat von Johann Wolfgang v. Goethe geschickt. Es bringt unsere bisherigen Erkenntnisse auf den Punkt:
Beginne jetzt
Solange Verbindlichkeit fehlt, herrschen Zaudern und Unschlüssigkeit.
Die Möglichkeit des Rückzugs.
Immer wieder Erfolglosigkeit.
Alle ersten (und schöpferischen)Schritte betreffend
Gibt es eine elementare Wahrheit.
Deren Unkenntnis zahllose Ideen und glanzvolle Pläne zu töten vermag:
Dass in dem Moment, in dem der Mensch sich verbindlich einläßt,
Auch das Göttliche sich bewegt.
Alle möglichen Dinge geschehen, dem Menschen hilfreich beizustehen,
Die niemals sonst geschehen wären.
Ein ganzer Strom von Ereignissen entspringt der Entscheidung
Und bringt zu unseren Gunsten
Unvorhersehbare Zwischenfälle, Begegnungen und materielle Hilfe aller Art hervor,
von denen kein Mensch je geträumt hätte, dass sie seinen Weg kreuzen würden.
Was immer du tun kannst oder zu tun träumst, beginne es.
In Kühnheit liegen Genialität, Macht und Zauberkraft.
BEGINNE JETZT.
Indem wir uns einlassen, machen wir uns selbst das Geschenk einer Chance.
1 Kommentar Am 19.01.08, 18:45 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
Suedafrika ist ein sehr widerspuechliches Land. Die riesigen Townships rund um jede groessere Stadt mit ihren Wellblechbuden, Platikplanenhaeusern und Einfachsthaeusern, die die Regierung millionenfach hat bauen lassen. Und der gediegene Reichtum und Wohlstand der weissen Gesellschaft. Auf einem Niveau, das sich hinter keinem europaeischen verstecken muss: herrliche Landhaeuser mit Park-aehnlichen Gaerten, Einkaufs- Luxustempel (z.B. die Waterfront in Capetown), praechtige Farmen und top-renovierte Lodgen, als Guesthouses genutz, z.T. inmitten von Private-Game-
Resorts (Private Wildparks, Safarisparks). Und dann fragst du dich, warum bekommt diese Land, das eine sehr gebildete Fuherungsschicht hat, ihre Armutsprobleme nicht selbst in den Griff?
Langsam beginne ich, darauf eine Antwort zu finden.
Suedafrika ist ca. 3 mal so gross wie Deutschland. Nach Schaetzungen gibt es 44,8 Millionen Menschen in Suedafrika (+ geschaetzte 5 Millionen zusaetzlich). Dreiviertel der Suedafrikaner (also gut 35 Millionen) sind schwarzer Hautfarbe, 4,3 Millionen sind Weisse, rund 4 Mio Coloureds, 1,1, Mio Inder und Asiaten.
Die Apaertheit ging lange, sie ist offiziell abgeschafft. In den Koepfen existiert sie noch maechtig. Also: wie soll das alles gehen – ohne Hilfe von aussen?
Einen wirklichen Unterschied machen – make a difference: dafuer steht nur eine kleine Gruppe engagierter Weisser. Und viele Hilfsorganisationen, die eine super Aufbauarbeit leisten.
Weisst du, was eine schwarze Mitarbeiterin in einem HIV-Projekt verdient? RD 100 im Monat. Das sind 10 Euro.MMMhhhh….
Kommentar schreiben Am 04.01.08, 19:25 in Auszeitkultur von Helene
Einen Blog zu haben, und auch noch einen Blog zu schreiben, ist zweierlei. Nicht, dass man es nicht wollte – man kann es einfach manchmal nicht.z.B. in Suedafrika. Wenn man sich auf den kleineren Strassen des Hinterlandes bewegt, abgelegene Gegenden besucht. Da kann es dann sein, dass es nicht einmal der uns so selbstverstaendlichen Strom aus der Steckdose gibt. Wenn du Glueck hast, gibt es tagsueber Solarstrom.Aber nur wenn dies Sonne scheint. So erging es uns in der Transkei, dem letzten Winkel Suedafrikas an der “wildcoast”/Indischer Ozean. An Internet gar nicht zu denken. Telefon war nur ueber Satellit moeglich. Dafuer war der Ort um so erstaunlicher. Bullungulla – ein Paradies fuer Individualisten, direkt am Indischen Ozean. Kilometerlange einsame Traumstraende, Sand, ein einmuendender Fluss, der eine Lagune bildet, das “Hotel” ist ein sogenannter Backpacker, mit maximal 40 Gaesten.Betrieben gemeinsam von Xshosas des Ortes, zu dem dieser Strand gehoert.40% an dieser Ferienanlage gehoert ihnen, die anderen 60 % einem engagierten Kuenstler, Dave.Alle Uebernachtungen sind nur in den traditionellen Xhosa-Huetten moeglich: rund, Lehmboden, Schilfdach, zwei Fenster, eine Tuer, pro Person ein Bett, eine Bastmatte und ein dickes Holzstueck am dicken Strick als “Schrank”hing von der Wand. Robinsonleben pur: Ruhe, herrliche gruene Natur(subtropische Klima), freundliche Menschen, hervorragende Kueche, vom Fruehstueck mit Spiegeleiern und Speck bis zum Dinner mit leckerem Nachtisch war alles drin. Die Idee ist, dass die Bevoelkerung dieses Dorfes beginnt, sich selbst etwas zu erarbeiten, was ihnen auf Dauer Einkommen und Sicherheit bietet. Und einen gewissen Wohlstand. Die meisten Kinder und Bewohner sind Analphabeten. Priviligierte Einzele waren fur drei Jahre auf der Schule. Danach kommen sie in ihr Dorf zurueck und leben weiter, wie es ihre Vorfahren schon immer getan haben: ohne fliessendes Wasser, ohne sanitaere Einrichtungen, ohne Strom. Ihre Fenster in den Rundhuetten haben kein Glas, nur Lumpen. Gelebt wird auf dem gestampften Lehmboden. Die gesamte Speisenzubereitung findet dort statt, Hunde schnueffeln dazwischen herum, Babies, mit nacktem Popo und ohne Pampers spielen hier, einkaefe warden ausgebreiten Haben sie lesen und schreiben gelernt, koennen sie neben ihrer Muttersprache nun auch Englisch sprechen lernen. Ein Vorteil fuer die meist englisch-sprachigen Gaeste der Lodge, wie dieser Backpacker liebevoll genannt wird.Hauptziel dieses “uplifting-Projektes” ist es, die menschen besser zu qualifizieren, zu unterrichten und fit zu machen fuer eine bessere Zukunft. Das Wort “Tourismus” gibt es in Xhosa nicht. Daher ist fur die Mitarbeiter zunaechst alles neu, was Gaeste als Angebot erfreuen kann und gleichzeitig ein eigenes Einkommen (neben den Diensleistungsjobs innerhalb der Lodge)generiert: nach drei Jahren Aufbauarbeit gibt es von den Village-People Massage, Reiten am Strand, einen Women-Powerday, Paddeln auf einem romantischen Fluss, Fuehrungen durch den Regenwald mit Pflanzenbestimmungen im Angebot. Und alles ist professionell gestaltet, freundlich durchgefuehrt und sehr angemessen im Preis. Ein herrliches Vergnuegen fuer beide Seiten.
Dieser Ort ist ideal fuer jede Form von Auszeit (das Handy funktioniert nur per sms und nur an einer Stelle am Kuechenfenster) und fuer soziales Engagement in der Aufbauarbeit der Gemeinde (Wasser, Sanitaer etc.) sowie in der Unterstuetzung des Unterrichts. Im Moment wird der Aufbau einer Schule angestrebt. Hier hast Du keine Chance, hektisch zu sein. Du kannst nur viel entdecken – dich selbst, die Natur, die Ruhe, die freundlichen Menschen. Manchmal schauen dich beim Essen viele grosse Kinderaugen an und verfolgen mit stiller Spannung, was wir tun, wie wir es tun. Es gibt so viel zu entdecken – auf beiden Seiten. Uebrigens: dieser Ort ist total sicher. Die wunderschoenen , luftigen Uebernachtungshuetten (Durchmesser mehr als 5 Meter, Hoehe in der Mitte 7-8 Meter) kann man natuerlich nicht abschliessen! Die Art des Umgangs schafft Vertrauen! Das ist wie bei den Loewen. In den Reservaten kommen sie direkt bis zu deinem Safariwagen. Es passiert nichts, solang du sitzen bleibst. Sie haben Vertrauen. Du kannst sie aus wirklich direkter Naehe beobachten. Nichts stoert sie. Sie haben auch keine Angst oder Agression. Das sind umwerfende Erlebnisse.
Kommentar schreiben Am 04.01.08, 19:22 in Auszeitkultur von Helene
Weihnachten - das kommt uns in Suedafrika schon manchmal fremd vor - auch wenn wir ueberall Schlitten mit Nikolaeusen und diese mit einem Rauschebart und einem dicken roten Mantel sehen. Nicht so viel wir in Europa - aber immerhin! Und Weihnachtsbaeume koennen auch manchmal rosa sein! Der Rest ist Party. Wir sind gespannt, was wir direkt zum Fest erleben. Wahrscheinlich tolle Gottesdienste! Genau so einen haben wir schon erlebt in einer anglikanischen Kriche. Der Gesang der “Black People” war gigantisch, die Predigt hat uns zu der Erkenntnis gefuehrt, dass Jesus eigentlich ein Afrikaner war.Das hat uns der Prediger schluessig dargelegt. Wir haben mit geklatscht und getanzt - einfach weil die Stimmung toll war!
Kommentar schreiben Am 16.12.07, 14:54 in Auszeitkultur von Helene
Nach Slowbusiness und slowfood geht auch slowholiday. Wenn man in Suedafrika mit dem oeffentlichen Nahverkehr reist. Den gibt es eigentlich nur im “schwarzen System”. Und das geht so:Townships sind unter einander mit den Minitaxis, diesen eigentlich kleinen, aber doch sehr fuellbaren Kleinbussen verbunden. Ueber grosse Distanzen, z.B. Capetown nach Durban fahren Ueberlandlinien in Form grosser Reisebusse. Diese fahren zwar nach einem offiziellen Fahrplan.
Wenn aber jemand fehlt, wird eben geawartet. Und unterwegs gibt es viele Stops - um andere Reisende mit zu nehmen, Pause zu machen, etwas zu essen oder die Notdurf zu verrichten. Hier bleibt aber alles noch im ueberschaubaren Bereich von 1-2 Stunden Verzoegerungen zum offiziellen Plan.
Ist ein Minitaxi noch nicht ausreichend gefuellt (16 Personen pro Minibus) faehrt das Taxis schon gar nicht los. Egal, wie spaet es ist. Das kann dauern, Stunden…bis eben alles voll ist.Und dann wird man in etwa dort wieder rausgelassen, wohin man ungefaehr will. Der
Rest wird gelaufen.
Nun stelle man sich reisen mit diesem System vor…..einen shcier unendliche Gedulsdpruefung, irgendwann bist Du ganz gelassen!
Uebrigens: Townships sind auf keiner in Strassenkarte Suedafrikas mit Namen vermerkt bzw. ueberhaupt in der Karte eingetragen. Obwohl sie alle einen Namen haben.
Kommentar schreiben Am 16.12.07, 14:41 in Auszeitkultur von Helene
Montag, 10.12.2007
Zum Jahreswechsel wollen Neapolitaner zu Hause sein. Die Flüge von Stuttgart nach Neapel sind ausgebucht. In der Gegenrichtung sind massig Plätze frei. Die wurden billig für 5 € pro Person plus Tax und Zuschläge verramscht. Und weil es uns nicht schlechter als den heimwehgeplagten Neapolitanern gehen soll, saßen wir auf den billigen Plätzen von Neapel nach Stuttgart und genossen was wir lange vermisst hatten: Apelsaftschorle!
Am Kabinenfenster haben wir uns fast die Nasen plattgedrückt. Unter uns lagen die Berge, Täler, Straßen, Wege, Städte und Dörfer die wir abgelaufen haben. Gerade mal 1 1/2 Stunden hat der Flieger für die Strecke gebraucht, die uns 6 Monate der richtige Weg war.
Noch ganz benommen betraten wir die große Flughafenhalle in Stuttgart. Da waren so viele bekannte Gesichter. Es hat eine Weile gedauert, bis der Groschen fiel. Die Freunde von Myself e.V. und frühere Arbeitskollegen bereiteten uns einen überraschenden und herzlichen Empfang. Kurzerhand hatten sie einen Infostand des Flughafens okkupiert. Es gab Trollinger und frische Bretzeln, was uns neidische Blicke der anderen Fluggäste einbrachte. Wir haben uns sehr gefreut.
Mit Trollinger im Blut und Bretzeln im Bauch geriet uns der Zeitplan heftig daneben. S-Bahn und Zug sollten uns spätestens um 14 Uhr nach Heilbronn gebracht haben. Dort wartete vergebens unsere Freundin Brigitte. Ihr Organisationstalent hat uns dennoch einen bequemen Heimweg beschert. Mit einer Stunde Verspätung kamen wir an, Helmut und Matthias holten uns ab und schon wenig später saßen wir bei köstlicher Kürbissuppe, trugen frische Klamotten, freuten uns wie die Scheekönige, nachdem Zelt, Rucksack und Carrix achtlos in den Keller entsorgt worden waren.
Suppe hatten wir uns zur Heimkehr gewünscht, mit Suppe ging es abends weiter. Brigitte hatte “Böckinger Feldgschrei”, auch “Gaisburger Marsch” genannt (für Nordlichter übersetzt, Fleischbrühe mit Kartoffeln und Spätzle), gezaubert. In trauter Runde, bei gutem Wein, wurde es ein langer schöner Heimatabend. An Leib und Seele gestärkt schliefen wir bei Freunden im eigenen Bett.
Am 11. Januar 2008 endet unser Urlaub vom Urlaub. Wir fliegen zurück nach Italien, genauer: Sizilien. Dort setzen wir den Spaziergang fort, rund um die Insel und dann von der Stiefelspitze Italiens zurück nach Napoli.
Sonntag, 09.12.2007
Zwei Wochen waren wir kreuz und quer in und um Neapel unterwegs. War das Wetter mal nicht so gut, sind wir Museen und Ausstellungen abgelaufen. Die gibt es reichlich, darunter ganz spektakuläre, wie das Archeologische Nationalmuseum, in dem u.a. die Mosaiken, Wandgemälde und Gegenstände aus den Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum vor klauenden Turisten und Mafiosis in Sicherheit gebracht wurden, das Museo Capodimonte mit seiner riesigen Bildersammlung, die sich nicht nur in Darstellung biblischer Szenen erschöpft, sondern auch das Leben der Menschen in ihrer Zeit zeigt, dabei auch Bilder zeitgenössischer Künstler wie Alberto Burri oder Andy Warhol, oder Museum und Kartause San Martino, berühmt wegen ihrer bunten marmorsatten Barockkirche, für uns interressant wegen der Gemälde zur Stadtgeschichte und der dazugehörigen Gräuel, daneben eine Sammlung neapolitanischer Krippen.
Maria und Josef, das Jesukind in der Krippe auf Stroh, Ochs, Esel, auch mal Schafe, die heiligen drei Könige, ein Hirte und links und rechts wachende Engel- das ist die Normbesatzung deutscher Krippenkultur. Ganz anders in Neapel. Da können locker 200 Figuren die Weihnacht beleben: Rosig fette Wirte, schlemmende Gäste, Trinker, Kartenspieler in Kneipen, Obst- und Gemüsehändler mit ihren Ständen, Waschweiber, Kesselflicker, Musiker und Handwerker, Viehzeug aller Art - der ganze neapolitanische Kosmos ist hier versammelt. Kleinindustrie und Kunsthandwerk sind das Jahr über mit der Herstellung dieser Panoramen beschäftigt. Vor Weihnachten wird die Via San Gregorio Armeno zur Krippenstraße durch die sich Tausende auf der Suche nach ihrem Bethlehem drängen. Wir waren dabei.
Mamor, Stuck und Fresken boten uns die vielen Kirchen, die Katakomben lieferten Gruseliges, Straßenhändler Gefälschtes. Das Wunder der Verflüssigung des Blutes vom Heiligen Gennaro haben wir dieses Mal verpasst. Seit 600 Jahren wird in der ersten Maiwoche und am 19. September das Wunder vollbracht.
Schien uns die Sonne, haben wir Ausflüge ins Umland gemacht. Im Halbrund des Golfes von Neapel ballen sich die Naturschönheiten, jahrtausende alte Siedlungen, berühmte Ausgrabungsstätten neben Großstadthässlichkeiten. Im Golf, die schönste aller Inseln, Capri, die Insel der Deutschen, Ischia, und Procida, die Kleinste mit dem malerischen Hafen und seinen pastellfarbenen oder weißen Häusern, klein, inneinander gebaut und verschachtelt.
Die Inseln hatten wir bei unseren früheren Aufenthalten besucht. Jetzt wollten wir den Vesuv erklimmen. Das erwies sich als nicht so einfach.
Majestätisch, aus der Ferne riesig dunkelblau, ragt der Vulkan aus der Ebene. 1944 ist er zum letzten mal ausgebrochen. Seit damals “schläft” er. Das hat die Menschen ermutigt, die Hänge dicht zu besiedeln, die letzten Häuser liegen auf 500 m. 1991 wurde der Vesuv Nationalpark gegründet und von der UNESCO zum “Weltschutzgebiet der Biosphäre” erklärt. Die Vesuvparkverwaltung hat 9 Wanderwege angelegt. Die haben wir gesucht. In keiner Turisteninfo war ein Plan zu bekommen. Dafür immer die gleichen Hinweise auf Busverbindungen und die eintrittspflichtige Gipfeltour. Notgedrungen haben wir das dann gemacht.
Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein weckte uns am Morgen des 26. November, der Vesuv präsentierte sich in bestem Licht. Mit Metro, Bahn und Bus der Circumvesuviana jagten wir dem Gipfel entgegen, vorbei am Eingang der Parkverwaltung, den verschlossenen Abgängen zu den Wanderwegen bis zum Parkplatz auf 1000 m. Der Vulkanschlot ragt 1281 m hoch in den Himmel, mit unerwarteten Folgen. Am Gipfel hatten sich Wolken verfangen und ihn zunehmend eingehüllt. Der Wind blies uns feinste Wassertröpfchen waagerecht ins Gesicht, die Sicht betrug nur noch 20 m, als wir uns, nun endlich zu Fuß, auf bröseligem braunschwarzen Untergrund nach oben kämpften. Rita war in ihrem Element, sammelte von großer Hitze blasig verformte und verfärbte Steinchen, während ich nach möglichen Abwegen vom angewiesenen Pfad fahndete.
Auf dem Kraterrand zerrte der Wind heftigt an uns und den Wolken. Im Nebel wurde es plötzlich gleißend hell und dann schwebten wir über den Wolken. Aus dem Wolkenmeer ringsum ragten nur die höchsten Gipfel der Monti Lattari. An den tieferen Stellen des Kraterrandes flossen die Wolken wie in einem Wasserfall in das Kraterinnere, bildeten Wellen und Strudel, bis auch sie von der Sonne verdampft, kurz den Blick auf den Kratergrund freigaben und die Kraterwand mit ihren Steinschichtungen in allen Brauntönen zu sehen war. Dann hüllte sich alles wieder in dichte Weiße Schleier, die nicht nur die Sicht nahmen, sondern mit dem Wind alle Geräusche schluckten und forttrugen. Nass aber beeindruckt und zufrieden gingen wir zurück zum Bus.
Der stand in Warteposition ununterbrochen laufend ohne Fahrer auf dem Parkplatz. Nach kurzer Wartezeit wurden wir eingelassen, doch die Abfahrt scheiterte an der nicht erlöschenden Warnleuchte für fehlenden Druck im Bremssystem. Erst nach längeren Vollgas im Stand erlosch das rote Lämpchen und wir rumpelten auf der engen steilen Bergstraße der Ebene entgegen. Nach jedem Bremsmanöver leuchtete die Warnlampe erneut auf. Schließlich wurde es dem Fahrer zu bunt. Er hielt an, hieß uns alle aussteigen und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass die nächste Bahnstation nur wenige Minuten entfernt sei. So kamen wir dann doch noch zu unserer Wanderung am Vesuv.
Die phlegräischen Felder sind ein großes vulkanisches Gebiet im Westen des Golfes und waren ein weiteres Ausflugsziel. Luftaufnahmen zeigen Krater neben Krater, eine Landschaft wie auf dem Mond, nur mit Wein- und Gemüsegärten, Seen, Städten und Siedlungen. Der jüngste Krater hat sich 1538 gebildet. Der Ausbruch hat die umliegenden Ortschaften vernichtet und hinterließ einen 140 m hohen Vulkankegel, den Monte Nuovo. Das Gebiet ist heute als Park ausgewiesen und wird von Zaun, Tor und Wächter geschützt. Die sind mit Rauchen und Warten gut beschäftigt und haben keine Zeit gefunden die Wege zu pflegen, bzw. sind nicht für den Zustand der Wege zuständig. Der Pfad auf dem Kraterrand ist fast völlig zugewachsen, Aussichtspunkte durch üppig wuchernde Sträucher erblindet. Nur mit Mühe waren die nebenan liegenden Kraterseen Lago Averno und Lago Lucrino zu sehen. Der Weg zu den Fumarolen war in Arbeit aber begehrbar. Heißer Wasserdampft strömt aus Erdlöchern und beweist die vilkanische Aktivität der Zone.In unmittelbarer Nähe, über der Hafenstadt Pozzuoli, stinkt und brodelt die Sulfatara, ein kleiner Vulkan, der vor 4000 Jahren enstanden ist und noch heute faucht und stinkt, heiße Schlammquellen blubbern lässt und dessen Schwefeldämpfe gelbrote Minischlote wachsen lassen.
Pozzuoli wurde 520 v.u.Z. von griechischen Siedlern gegründet und ist, wenn man den Reiseführern glaubt, eine der faszinierensten Ausgrabungsstätten der Welt. Die Stadt ist gespickt mit antiken Bauwerken. Die wollten wir, das schöne Wetter nutzend, besichtigen. Schon beim Amphitheater scheiterten wir am verschlossenen Eingang. Weiter führte unser Weg nach Rione Terra, dem Burgberg der Stadt. Dieser war in den 80er Jahren nach Erdverschiebungen verlassen worden. Bei Grabungen wurden unter den verlassenen Häusern die alte römische Siedlung gefunden, aufwändig freigelegt und zugänglich gemacht. Nicht für uns! Ein Wächter verwehrte uns den Zutritt. Nur am Sonntag für Besucher geöffnet. Erst am Wochenende darauf sollte uns die Besichtigung gelingen.
Befeuert von so viel Erfolg suchten wir die Turisteninfo auf und fragten, was in dieser reizenden Stadt heute zu besichtigen wäre. Jede Menge, wie sich herausstellte. Der Burgberg blieb geschlossen, das Amphitheater dagegen war zugänglich. Allerdings nicht über das von uns als Haupteingang gewertete große Tor, sondern über einen seitlich gelegenen Eingang beim Verwaltungsgebäude. 20.000 Römer hatten zu des Theaters besten Zeiten den Weg hinein gefunden, jetzt auch wir.
Der Serapistempel nahe des Hafens, mitten in der Stadt, ist immer zu besichtigen und bereitete uns keine Schwierigkeiten. Wir haben nur nicht kapiert, was das früher gewesen sein soll. Aus dem Führer haben wir dann entnommen, dass die Anlage kein Tempel, sondern im I-II. Jahrhundert u.Z. ein schicker Lebensmittelmarkt mit Säulenhof und Apsissaal war. In Folge von Erdverschiebungen geriet das Bauwerk unter das Meer und stieg später wieder auf.
Damit hatten wir erstmal genug von antiken Trümmern. Der nette Mann von der Turisteninfo war so hilfsbereit gewesen uns zu verraten, wie wir mit dem Bus zum Ende der Halbinsel mit all den Kraterseen kommen können. Der Küste entlang, durch hässliche Siedlungen mit stillgelegten Fabriken, Zonen mit Hotels und besseren Wohnvierteln, erreichten wir Baia. Wunderschön am Meer gelegen, war sie zu römischen Zeiten eine luxoriöse Stadt mit sündigem Ruf. Ein Teil dieser Stadt ist im Meer versunken, der Strand heute vom neuen Baia überbaut, dahinter die weitläufigen Ausgrabungsstätten.
Uns hat es auf den Burgberg mit der riesigen Aragonesischen Festung Castello di Baia gezogen. Dem Ausblick und der Ausstellung im Museum wegen. Glanzpunkt dieser Ausstellung ist die Rekonstruktion des Nymphaeums von Kaiser Claudius, ein luxoriöser Saal mit wunderschöenen Statuen, die aus dem Meer geborgen wurden.
Weiter folgten wir zu Fuß der Straße nach Bacoli, die auch auf römischen Trümmern gebaut ist. Gleich neben dem Hafenbecken liegt, durch einen schmalen Kanal mit dem Meer verbunden, einer dieser runden Kraterseen, das Maremorto. Das soll aml ein über stinkender See gewesen sein. Uns erschien er, im Gegensatz zum Hafenbecken, sauber. Das Städtchen selbst ist nett, schön gelegen, mit riesigen zweistöckingen Zisternen auf dem höchstgelegenen Ortsteil.
Als die Sonne hinter dem Monti die Procida unterging, wurde es ungemütlich kalt und wir waren froh, die richtige Haltestelle mit dem passenden Bus gefunden zu haben.
Unsere schönsten Ausflüge führten uns auf die Halbinsel von Sorrent, der östlichen Seite des Golfes von Neapel. Über der Steilküste liegen malerisch die Städte Vico Equenze, Meta, Piano, S. Agnello und Sorrento.Davor, am Beginn der Halbinsel ragt der Monte Faito 1131 m steil aus dem Meer. Zusammen mit den den Monti Sant’Angelo a tre Pizzi bildet er einen Felsriegel mit kahlen, wild geformten Kalsteinspitzen quer über die Halbinsel. Die dem Golf von Salerno zugewandte Seite ist die Amalfiküste. Sie übertrifft an Schönheit der Landschaft und der Städte alles bisher gesehene. “Der Tag des jüngsten Gerichtes wird für die Bewohner von Amalfi, die das paradies erblicken werden, ein tag wie jeder andere sein”, schrieb 1878 Renato Fucini. Den kenne ich nicht, aber Recht kann er haben.
Unser Plan war, uns mit der Seilbahn auf den Monte Faito liften zu lassen und dann weiter auf der Alta Via, dem Höhenweg, nach Positano zu wandern. Allein, die Seilbahn ist im Winter nicht in Betrieb. Unser Alternativkurs wurde zum morgentlichen Stafettenlauf. Mit der Metro zum Hauptbahnhof, von dort mit dem Zug am Vesuv vorbei nach Vico Equense und mit dem Bus weiter ins gebirgige Hinterland nach Mojano. Das kleine Bergnest liegt noch auf der Neapel zugewandten Seite der Halbinsel. Doch Neapel verbarg sich hinter schmutzig braunen Smog. Prächtig präsentierte sich der Vesuv vor blauem Himmel.
Endlich waren wir wieder auf Wanderwegen unterwegs. Wir überquerten den Höhenzug und erreichten die Alta Via dei Monti Lattari bei Santa maria di Castello. Der Ausblick machte uns sprachlos. Senkrecht, viele hundert Meter unter uns lag Positano, eine wunderschöne Stadt in der Senkrechten am Meer.
Rechts führte der Weg weiter nach Sorrent, links in die Monti Lattari. Am ersten Tag haben wir uns für den dritten Weg entschieden. Dieser führte auf einem uralten Saumpfad steil in Serpentinen durch die Bergwand nach Positano. Das ging heftig auf die Knie, in die Oberschenkel und die Waden. Positano ist, lagebedingt, eine Stadt der Treppen und, als wir endlich ganz unten angekommen waren, durften wir um den Bus für die Rückfahrt zu erreichen, nochmals viele Treppen steigen. Doch Rita und ich waren uns einig. Es war ein wunderschöner Wandertag.
Am folgenden Tag, dem 07. Dezember, waren wir in der Anfahrt schon alte Hasen, kannten uns aus und waren deshalb schon um 11 Uhr in Santa Maria del Castello. Dieses Mal wählten wir den linken Weg. Der schlängelt sich auf einem Felsband durch die Bergwand. Tief unter uns wieder Positano. Warme Luft stieg aus dem sonnenbeschienenen Steilhang zu uns nach oben. Die Mittagspause genossen wir in 5-Sterne-Lage hoch über dem Meer. Diesem Weg hat die Turismusverwaltung den Namen “Götterweg”, Sentiero degli dei, verpasst. Und das ist nicht übertrieben.
Wir folgten dem Weg bis Nocelle, vorbei an einzelnen Häusern und Höfen, die wie Schwalbennester in die Felswand gebaut waren. Manchmal schwindelerregend, immer aber unvergesslich schön. Von Nocelle führt der Götterweg weiter bis Acerola. Die ganze Küste entlang, bis Salerno, sind alte Saumpfade als Wanderwege erhalten. Im kommenden Jahr sollen diese Wege der Abschluss unserer Wanderung von Sizilien nach Neapel sein.
Jetzt entschieden wir uns, der fortgeschrittenen Zeit wegen, von Nocelle nach Positano abzusteigen. 1.700 Treppenstufen bietet dieser Weg. Ein Miniskushärtetest. Die Knorpel haben gehalten. Bei Sonnenuntergang erreichten wir Positano. Die Zeit reichte sogar noch für einen Cafè, bevor uns der Bus nach Meta mitnahm. Im Gegensatz zum Vortag, war der Pulmann rappelvoll, im Zwischengang standen schon Fahrgäste, als wir uns dazudrückten.
Die Küstenstraße ist eng, extrem kurvig, und verläuft in den Berg gesprengt hoch über dem Meer. Für Busfahrer ist das Alltag, den sie so schnell als möglich hinter sich bringen wollen. Im Mittelgang stehend, bei der wilden Kurvenfahrt im Dunkeln verzweifelt nach Halt suchend, erlebten wir angsterfüllte Minuten. In Meta stiegen wir dankbar aus und gelangten in den Expresszug Sorrento-Napoli. Der hält nur an wenigen Stellen. Dazwischen zeigte uns der Zugführer, was ein klappriger Zug auf ausgeleierten Gleisen und groben Weichen für Höchstgeschwindigkeiten erreichen kann.
Sechs Monate nach Beginn unserer Reise ist es Zeit für eine Zwischenbilanz. Beginnen wir mit dem Zwischenmenschlichen:
Rita ist mir jeden Tag eine Freude. Trotz 6-monatiger Rund-um-die-Uhr-Zweisamkeit ist es für uns schön, zusammen zu sein. In Erledigung der alltäglichen Notwendigkeiten sind wir ein gutes Team, für die einsame Insel eine Idealbesatzung.
Vielleicht haben wir das auch gesucht. Tatsache ist, dass wir im vergangenen halben Jahr niemanden außer uns so richtig kennengelernt haben. Die Kontakte blieben auf der Ebene von Smalltalk, auch in Neapel.
In einer Jugendherberge verkehren Menschen aus aller Welt. Der Kontakt untereinander ist, soweit alle in Kleinzimmern separiert sind, gering. Jede Gruppe, jedes Paar, jeder Einzelreisende bleibt für sich.
Deutsche Touristen, davon nehmen wir uns nicht aus, wollen an den schönsten Urlaubsorten immer die einzigen Deutschen sein. Tauchen weitere Landsleute auf, was die Regel ist, wird das mißmutig als Störung der Idylle wahrgenommen. Keine Freude kommt auf, wenn deutsche Laute an das Ohr dringen. Kein Wunder, dass bei dieser Einstellung kein Kontakt zustande kommt.
Dieser ensteht auch nicht zu den Einheimischen. Urlauber werden meist freundlich aber distanziert wahrgenommen. Viele leben vom Tourismus und tragen die Last mit Fassung. Freude kommt deswegen nicht auf. Wir bleiben Fremde.
Am untersten Ende der Duldung leben eher schlecht als recht die Roma und schwarzafrikanischen Flüchtlinge. Neapel ist eine Stadt, die in ihrer chaotischen Großartigkeit, ihrer jahrtausendealten Internationalität und der nicht zu übersehenden Armut auch vieler Italiener, doch Überlebensnischen bietet. Bezahlte Arbeit gibt es für die armen Zuwanderer nicht. Das Geld für’s tägliche Überleben wird, für uns sichtbar, geschlechts- und herkommensspezifisch verdient. Romafrauen, meist mit Kleinkindern, betteln vor Kirchen und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Ihre Männer ziehen allein oder als Combo musizierend durch Metro, Züge und Restaurants, schwarzafrikanische Flüchtlinge stehen mit ihren Bauchläden in den Einkaufsstraßen, immer auf der Flucht vor der Polizei, und verkaufen nachgemachte Louis-Vitton-, Armani oder Gucci-Taschen, Sonnenbrillen der Luxusmarken und Raubkopien von Musik, Film und EDV-Programmen. In Neapel sind das viele. Auch sie prägen das Bild der Stadt.
Verdauliches und Unverdauliches:
Neapel hat uns auch beim Essen Extreme geboten. Das Schlechteste und das Beste Menue haben wir hier gegessen. Von strebensschlecht bis himmlisch vergügt reichten die nachfolgenden Empfindungen. Beim essen in Wirtschaften sparen zu wollen, rächt sich. Für wenig Geld kann es kein gutes Essen geben. Gute Zutaten haben ihren preis. Den Schickmick und Touristennepp meiden und die handwerklich gute Küche zu finden, ist uns immer besser gelungen. Immer gut waren die Empfehlungen von Gambero Rosso, die nicht nur an teuere Läden ihren Aufkleber vergeben. Z.B. an die Trattoria Sessantanove ( www.trattoriasessantanove.it ), gleich neben der Metrostation Mergellina und nur 5 Minuten von der Juhe. Hier haben wir die Linsensuppe gegessen, nach der wir in Umbrien vergebens gesucht hatten.
Die vom 0815-Angebot abweichende Speisekarte ist ein erster Hinweis auf Handwerk und eigenes schaffen. Wo eine Vielzahl von Gemüsen in verschiedenen Zubereitungsformen auf der Karte stehen, sind auch die Vorspeisen, Fleich- und Fischgerichte nicht schlecht. Sind auch die Nachspeisen, Dolce, hausgemacht, dann nichts wie hinein!
Pizza gibt es an jeder Ecke. Aus dem Holzofen sollte sie schon sein. In Napoli stellen die Gäste die pizza selbst zusammen. Nicht nur die Auflagen, auch die Machart, weiis oder rot, also mit oder ohne Tomaten, mit der gewünschten Käsesorte, in der gewünschten Form, wir lernten außer Calzone Ripieno und Saltimbocca kennen, groß oder klein. All das bietet eine gute Pizzeria, dazu köstliche Vorspeisen und Dolce. Eine solche Pizzeria ist d’Angelo im Stadtteil Vomero. Platz ist meist nur mit Wartezeit zu bekommen, Samstags ist es ohne Reservierung aussichtslos.
Die vielen kleinen Läden und Marktstände in Neapel bieten, allein was Lebensmittel angeht, ein ungeheures Angebot. Es gibt schlicht alles, sogar Ökoläden, die wie Außenstellen vom “Leuchtkäfer” in Ludwigsburg aussehen, mit Bergbauernmilch und Allos-Müsli. Den Mangel an eigener Küche haben wir ein wenig mit Einkäufen besonderer Käse- und Wurstsorten, von frischen Brot, knackigen Gemüsen und Salaten, frisch geernteten Organgen, Clementinen und Zitronen wettgemacht. Wein durfte nicht fehlen. Zum preiswerten Lieblingswein wurde der Weißwein von Gotto d’oro aus Merino. Unser karges Juhe-Zimmer verwandelten wir dann in eine fröhliche Gourmetstube mit dem praktischen Nebeneffekt, dass uns kein Heimweg vom Bett trennte.
Bewegtes: (text folgt)
Kommentar schreiben Am 13.12.07, 10:28 in Spaziergang nach Sizilien von Helmut
So etwas habe ich hier eigentlich noch nicht gesehen. Und wenn ich da an die Eindruecke in den deutschen Staedten denke, wo heute ein Kinderwagen ein Hightech-Superdesign-Transportmittel ist , sehe ich diese Geraete hier allerhoechstens bei einigen Weissen. Und auch da nur sehr sehr vereinzelt in einer Shopping-mall. Und Capetown ist ja immerhin eine Millionenstadt. Kinder werden hier getragen, ganz nah an den Muettern dran. Die schwarzen Muetter traditionell tragen ihre Babys auf dem Ruecken. Tragetuch ist einfach ein Frottehandtuch. Die meisten weissen Frau tragen ihre Babys einfach so auf dem Arm, in Tuechern eingewicklet oder in “Beuteln” vor der Brust. Wenn sie ueberhaupt ihre Babys noch rumtragen koennen. Viele schwarze Muetter sterben schneller, als ihre Babys groesser sind. Da hat AIDS sie schon laengst hinweggerafft. Und das ist hier wirklich ein Riesenproblem. Denn die Vaeter gibt es ja meistens auch schon nicht mehr. Wer sich dann um die Babys und Kleinkinder kuemmert? Eigentlich niemand. Sie vegetieren irgenwo vor sich hin, bei andern Verwandten oder Frauen aus der Nachbarschaft. Die schon mir der Versorgung ihrer eigenen Familie voellig ueberfordert sind. Und eben von Kinderkrippen, den crechen, die in einigen Townships installiert sind. Da leben dann 25 Babys auf 20 qm tagsueber, wenn sie dort betreut werden.Wenn…..
Kommentar schreiben Am 13.12.07, 10:21 in Auszeitkultur von Helene
Seit ich hier in Suedafrika bin, beschaeftigt mich die Frage: ist Afrika eigentlich schwarz oder weiss? Steigst du aus dem Fllieger in Capetown, wirkt alles weiss, mit den ueblichen schwarzen Service-Menschen in schwarz. Gehst du nur ein paar Schritte raus aus dem Flughafen und benuetzt einen sogenannten Minibus statt des Flughafenshuttles,der fuer die Touristen vorgesehen ist, dann ist Suedafrika richtig schwarz. Minibusse, hier genannt Taxis, halten einfach irgendwo an un